Lohn und Leistung »Gerechtigkeit macht glücklich«

Menschen haben ein starkes inneres Verlangen nach Fairness, sagt der Sozialforscher Hans-Werner Bierhoff

DIE ZEIT: Ist unser Gerechtigkeitsempfinden angeboren oder erlernt?

Hans-Werner Bierhoff

Hans-Werner Bierhoff

Hans-Werner Bierhoff: Was wir als gerecht oder ungerecht wahrnehmen, hängt von gesellschaftlichen Werten ab, ist also erlernt. Aber das Bedürfnis, Gerechtigkeit herzustellen, steckt in unseren Genen. Das gilt sogar für einige Affenarten: Wenn sie bei der Verteilung von Futter eine kleinere Portion bekommen als andere oder weniger schmackhafte Nahrung, weigern sie sich unter Umständen, ihre Ration zu essen.

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ZEIT: Was sie ohne den Vergleich mit anderen getan hätten?

Bierhoff: Ja. Der Grund dafür ist, dass hier ein Grundbedürfnis nach Ausgeglichenheit verletzt wird. Nach demselben Muster sind Menschen verärgert, wenn sie schlechter behandelt werden als andere, die keine bessere Leistung erbracht haben. Sie freuen sich über eine Gehaltserhöhung von hundert Euro nur so lange, bis Sie erfahren, dass der Kollege nebenan 150 Euro bekommen hat.

ZEIT: Gilt das auch umgekehrt, wenn ich selbst besser abschneide?

Bierhoff: Ja, wenn auch mit anderer Intensität. Wenn ich für eine bestimmte Leistung eine Belohnung bekomme, dann möchte ich auch, dass andere in gleicher Position ähnlich behandelt werden. Zu viel Belohnung für die gleiche Leistung führt ebenfalls zu negativen Empfindungen und kann zu geringerer Motivation und schlechterer Arbeitsleistung führen.

ZEIT: Das widerspricht der klassischen Ökonomie, die den Menschen als Maximierer des eigenen Nutzens sieht. Wie kommen sie zu Ihren Einsichten?

Bierhoff: Dazu sind Paare, aber auch Gruppen von Arbeitskollegen vielfach befragt worden. Die Ergebnisse sind immer gleich: Am glücklichsten sind diejenigen, die das Gefühl haben, sie bekommen, was sie verdient haben. Am unglücklichsten sind diejenigen, die sich benachteiligt fühlen. Aber die Überprivilegierten sind auch nicht besonders glücklich. Der Wunsch nach Ausgeglichenheit geht sogar so weit, dass wir Menschen bestrafen wollen, die sich auf unangemessene Weise hervortun – selbst wenn wir dadurch Nachteile erleiden.

ZEIT: Woher kommt dieses Verhaltensmuster?

Bierhoff: Das lässt sich am ehesten evolutionspsychologisch erklären: Der Mensch ist ein kooperatives Wesen. In allen kooperativen Organisationen besteht die Gefahr der Ausbeutung durch Einzelne, die nur Belohnungen abholen, aber selbst nichts beitragen. Das ist gefährlich für das gesamte System, deshalb muss solche Ausbeutung sanktioniert werden.

ZEIT: Ist das eine Erklärung dafür, warum sich viele Menschen über hohe Managergehälter empören?

Bierhoff: Das kann schon sein. Allerdings sind auch sehr große Einkommensunterschiede nicht grundsätzlich ein Problem für unser Gleichheitsbedürfnis. Menschen akzeptieren ohne Weiteres unterschiedliche Einkommen für unterschiedliche Leistungen. Aber wer kann schon sagen, ob ein Vorstand zehnmal, hundertmal oder dreihundertmal so viel leistet wie beispielsweise ein Dachdecker? Gefühlte Gerechtigkeit lässt sich schwer in solche Zahlen pressen.

ZEIT: Jedenfalls akzeptieren die Bürger, dass Ungleiches auch ungleich behandelt wird?

Leser-Kommentare
  1. Ja, da bzw. dem kann man schon zustimmen. Gleichwohl ist es wichtig, die Große Spanne bei der Leistungsbewertung näher zu analysieren. Es scheint möglich, dass man hier Leistungen, die man oder viele bisher als normal und gegeben ansahen, diese jetzt, mit der Zuspitzung der Situation, doch hinterfragen.
    Es kann schon hilfreich sein, sich die Forschungen aus der Menschenaffenwelt immer mal wieder vor Augen zu halten und das nicht nur bei der Frage der Geschlechter-Differenzierung.

    • Anonym
    • 05.05.2007 um 9:23 Uhr
    2. \N

    Hab da mal ne klitzekleine Verständnisfrage an den Text.
    Warum sollte denn die hypotetische Möglichkeit der Ausbeutung in einer Gesellschaft bestehen, wenn jedes Individuum einen angeborenen Sinn für Gerechtigkeit hat? Leuchtet mir nicht wirklich ein sowas.....
    Nächster Punkt ist, dass die vom Autor angesprochene Gleichheit in unserem Bildungssystem zwar gleich ist, aber nicht gerecht. Denn gerecht heisst ja, dass jeder nach seinem Ermessen und seinen Fähigkeiten bewertet, belohnt, gefördert wird. Genau DAS sagt der Autor nur einige zeilen später. Beruft sich aber dann darauf, dass die Gleichmacherei eine Gerechtigkeit ist. Paradox und absolut nicht schlüssig.

    • Anonym
    • 05.05.2007 um 9:31 Uhr
    3. \N

    Hab da mal ne klitzekleine Verständnisfrage an den Text.
    Warum sollte denn die hypotetische Möglichkeit der Ausbeutung in einer Gesellschaft bestehen, wenn jedes Individuum einen angeborenen Sinn für Gerechtigkeit hat? Leuchtet mir nicht wirklich ein sowas.....
    Nächster Punkt ist, dass die vom Autor angesprochene Gleichheit in unserem Bildungssystem zwar gleich ist, aber nicht gerecht. Denn gerecht heisst ja, dass jeder nach seinem Ermessen und seinen Fähigkeiten bewertet, belohnt, gefördert wird. Genau DAS sagt der Autor nur einige zeilen später. Beruft sich aber dann darauf, dass die Gleichmacherei eine Gerechtigkeit ist. Paradox und absolut nicht schlüssig.

  2. Was Sie hier herausinterpretieren, das kann ich so nicht nachvollziehen, vor allem nicht den zweiten Teil. Da sollten Sie dann schon richtig konkret werden.
    Warum die Möglichkeit der Ausbeutung der Gesellschaf t besteht, das liegt wohl daran, dass der Gerechtigkeitssinn wohl nicht bei jedem Gleichermaßen ausgeprägt ist, vielleicht hängt dies auch mit dem Alter zusammen, aber wie im körperlich, kann es auch im geistigen einige Unterschiede geben.
    Ein weiterer möglicher Einwand wäre der: Würde derjenige, der sich etwas nimmt ohne dass er dazu etwas beigetragen hat, also sagen wir mal ein junger, nichtarbeitswilliger(!) Arbeitsloser, der Ladendiebstähle begeht, das ist es ja wohl, was hier vor allem untersucht worden ist und wohl nur untersucht werden kann, da dermaßen orbitante Einkommensunterschiede wie bei den Menschen bei den Menschenaffen wohl nicht beobachtbar sind, würde dieser Dieb dann auch noch argumentieren, dass ihm das quasi Zustände, dann hätte er keinen Gerechtigkeitssinn. Die meisten werden hier aber still sein, und so den anderen die eigene Ungerechtigkeit eingestehen, was zeigt, dass sie eben auch einen Gerechtigkeitssinn haben. Hätten Sie diesen nicht, ja, auch das soll wohl schon mal vorkommen, würden Sie ihr Tun dann noch verteidigen. Tun oder täten Sie dies mit Verweis auf die z.T. exorbitanten Gewinnmitnahmen mancher Bosse, so hätten sie damit dann auch nicht ganz unrecht, könnten sie sich dann auch so, partiell zumindest, mit dem Gerechtigkeitsempfinden anderer decken.

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