Kaleidoskop Die Frau mit dem HelmSeite 2/2
Der Berliner Verbrecher Verlag, der Elsners Werk neu auflegt, veröffentlichte den Roman im vergangenen Jahr noch einmal. Vor Kurzem brachte der Verlag den Roman Heilig Blut heraus. Eine bizarre Geschichte um jagdfreudige Altnazis, die eine nicht minder bizarre Publikationsgeschichte hinter sich hat. Heilig Blut, von deutschen Verlagen 1984 rundum abgelehnt, erschien ursprünglich in russischer Übersetzung in der Sowjetunion und ist jetzt, 23 Jahre später, zum ersten Mal in deutscher Sprache zu lesen. Man erkennt die typischen Stärken – Dialogkomik, Szenenslapstick, Antipsychologie – und Elsners literarische Schwäche, die Verengung in ideologischer Mechanik. Und man erkennt die Merkwürdigkeit ihres Satzbaus. Auf jeder dritten Seite findet sich ein in sich verwickeltes, verfilztes hypotaktisches Ungetüm, das kaum lesbar und verstehbar ist. Eine Art grammatikalisches Pendant zum komplizierten Kopfputz Gisela Elsners. Von Peter Hacks wird die Frage überliefert: »Kann es sein, dass sie pro Witz zu viele Worte benötigt?«
Wie auch immer man Gisela Elsner betrachtet, literarisch, biografisch, politisch, es gibt keinen Aspekt ihrer Existenz, der nicht eine Verweigerung von Proportion und Angemessenheit ausdrückte, der, anders gesagt, nicht Negation ausdrückte. Rein äußerlich verweigerte Gisela Elsner vor allem eines: erwachsen zu werden, den Gang der Zeit zur Kenntnis zu nehmen. Ihre Frisur war ja nicht nur exzentrisch. Mit dem Riesending auf dem Kopf erhielt Gisela Elsner ihrer Körpersilhouette bis ins herannahende Alter die Disproportion der Kindlichkeit. Sie verzwergte sich mit einem übertriebenen Attribut. Sie ließ keine Balance zu. Sie hätte – zwanzig Jahre jünger und mit etwas mehr Abstand zu den eigenen Neurosen – der deutsche Houellebecq werden können. Und man kann nicht sagen, dass eine solche Stimme in der deutschen Literatur nicht fehlte.
Das BerührungsverbotGisela ElsnerBelletristikBuchVerbrecher Verlag2006Berlin13,-215Heilig BlutGisela ElsnerBelletristikBuchVerbrecher Verlag2007Berlin14,-250- Datum 08.05.2007 - 03:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.05.2007 Nr. 19
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