Bislang haben internationale Rankings wie Pisa oder Timss (Third International Mathematics and Science Study) den Deutschen Mittelmaß in Bildungsfragen bescheinigt. Von der Export-Weltmeisterschaft abgesehen, ist das Land offenbar weder besonders tumb noch besonders tüchtig. Doch enthält der jüngste Kinderfreundlichkeitsbericht der Unicef, verfasst vom Florentiner Innocenti-Institut, neben der (üblichen) Platzierung im Mittelfeld noch eine unerwartet trostlose Nachricht: Deutsche Eltern reden nicht mit ihren Kindern. Mehr als die Hälfte der befragten 15-Jährigen klagte darüber, dass sich ihre Erzeuger kaum mit ihnen unterhalten.

In der Rubrik »Beziehungen« suchten die Forscher zu ergründen, wie viel Zeit Eltern dem Gespräch mit ihren Kindern widmen. »Ganz allgemein, wie oft nehmen sich deine Eltern Zeit, um einfach so mit dir zu reden?«, lautete die simple Frage. Während 90 Prozent der ungarischen und italienischen Kinder mit »regelmäßig« antworteten, taten dies nur 45 Prozent der deutschen Jugendlichen.

Reden kostet nichts. Warum schweigen dann so viele Eltern zwischen Garmisch, Flensburg und Rostock ihre Kinder an? Wenn das mehr als die Hälfte tut, kann es sich schwerlich nur um die wortlose und verwahrloste Unterschicht und die materiell aufgerüstete, aber emotional unterversorgte Wohlstandsschicht handeln. Könnte es sein, dass die sprichwörtlich deutsche Kinderfeindlichkeit dafür verantwortlich ist? Die Italiener mögen zwar noch weniger Kinder produzieren als wir, aber sie nehmen sie überallhin mit und sprechen ununterbrochen mit ihnen. Deutsche Kinder werden mit Verbotsschildern groß und sind außerhalb der ihnen zugewiesenen Zonen nicht übermäßig gern gesehen. Sie stören, und mit Störenfrieden redet man nicht, stattdessen herrscht oder schweigt man sie an.

Reden mag im Allgemeinen Silber und Schweigen Gold sein, in der Kindererziehung aber ist diese Maxime Gift. Warum? »Alles ist kumulativ«, lautet ein Standardsatz von Jürgen Baumert, dem Chef des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, der verantwortlich war für Pisa und Timss. Alles wird unten angerührt, will Baumert damit sagen. Das gilt auch für das Gespräch mit den Kindern.

Die meisten befragten 15-Jährigen sind nicht erst seit gestern der elterlichen Wortkargheit ausgesetzt; von der Wiege an werden sie damit groß. Das hat Folgen: Eine klassische Studie der Universität Chicago zeigte schon vor 20 Jahren, dass 20 Monate alte Kleinkinder von redseligen Müttern 131 Wörter mehr in ihrem Wortschatz hatten als die von einsilbigen Müttern. Und nur vier Monate später hatte sich die Kluft zwischen beiden Gruppen bereits auf 295 Wörter ausgedehnt.

Mithin sind Kinder, mit denen nicht geredet, gesungen und gereimt wird, in ihrer sprachlichen Entwicklung deutlich benachteiligt. Experimentalpsychologen der Universität Oxford haben bei Drei- bis Vierjährigen einen Zusammenhang zwischen dem Empfindungsvermögen für End- und Stabreime und der früh ausgeprägten Fähigkeit zum Lesenlernen gefunden. Der Fernsehapparat, dem so viele Kleinkinder hilflos ausgeliefert sind, hat hingegen keinen Schoß, auf dem man sitzen und Hoppe, hoppe Reiter! singen kann. Die Mattscheibe verwickelt den kleinen Zuschauer auch nicht in ein endloses Frage-und-Anwort-Spiel.