Die linke Hand greift unter den Lauf, die rechte liegt angewinkelt am Abzug. Der Schaft wird gegen die Achsel gedrückt, damit er sicher sitzt, die Schulter etwas hochgezogen, um die Waffe zu fixieren, der Kopf zur Schulter hin angewinkelt, damit das Auge gut durch das gestochen scharfe, dreifach vergrößernde Zielfernrohr schauen kann. Das Fadenkreuz erscheint im Blick und das Ziel - sagen wir mal, der Videomonitor des Messestandes da drüben - im Fadenkreuz. "German Defense Industry" steht dort. Jetzt die Luft anhalten und - klick! - abdrücken.

Es ist so einfach. Besonders ohne Patrone. Ohne diesen ohrenbetäubenden Knall und ohne diesen enormen Rückstoß. Auf einer Autoshow werden von morgens bis abends Türen geöffnet und wieder geschlossen. Auf der Athener Waffenmesse werden von morgens bis abends Gewehre angelegt. Im deutschen Pavillon gibt es dazu Würstchen und Sauerkraut.

Die Messe. Zur Eröffnungsparty der Athener Waffenmesse "Defendory" trägt die schöne Griechin Tina Dimitropoulos ein enges schwarzes Oberteil, das eine Schulter unbedeckt lässt. Ihre Mutter hat eine Doppelreihe Perlen umgelegt, der Bruder kommt im schwarzen Anzug. Die reiche Familie Dimitropoulos hat an diesem Abend in den eleganten Astir Palace, auf einer Halbinsel vor Athen, gebeten. Zum 14. Mal organisieren sie die Messe. Der Pool auf der weiten Terrasse strahlt blau in den dunklen Abendhimmel. Die Klippen dahinter fallen dramatisch steil zum Meer ab. Eine Kulisse, vor der in einem Hollywoodfilm ein Mord stattfände.

Einige Hundert mögen es sein, die der Einladung gefolgt sind. Viele kennen sich, man trifft sich regelmäßig auf den Waffenmessen in Abu Dhabi, Paris oder Farnborough. Es gibt Champagner, es wird viel gelacht, als Höhepunkt des Abends lassen die Dimitropoulos ein Feuerwerk über den Köpfen der Gäste explodieren. Es unterbricht kurz die Gespräche über das große Geschäft, das Russland unlängst mit Venezuela abgeschlossen hat: 100.000 fabrikneue Gewehre hat Moskau verkaufen können, dazu 25 Millionen Schuss Munition und eine Option auf weitere 200.000 Gewehre. Ein gutes Geschäft für Russland. Ein 54-Millionen-Dollar-Deal. Die Gäste blicken in den nachtblauen Himmel. Das ist die Art von Abschlüssen, von denen Waffenhändler an diesem Abend in Athen träumen.

Zur Messe im Hafengelände der griechischen Hauptstadt haben sich über 30.000 Fachbesucher und mehr als 50 offizielle Delegationen angemeldet, Ministerpräsidenten, Botschafter, Generäle aus der ganzen Welt. 60.000 Quadratmeter groß ist dieser Planet der Waffen, seit dem letzten Mal ist er um zehn Prozent gewachsen. Indien ist mit einem großen neuen Stand vertreten, und auch der Ausstellungsraum des Ostens wächst, neben Russland sind Tschechien, die Slowakei, Bulgarien und Litauen dabei. Ein Quadratmeter kostet knapp 1000 Dollar, die meisten haben die USA angemietet.

Kulturelle Unterschiede fallen auf. Es gibt den puritanischen Waffenhändler und den frivolen. Die amerikanischen Verkäufer erinnern in ihrer korrekten Steifheit an Verkäufer orthopädischen Geräts. Die europäischen Stände dagegen mit ihren vielen prallen jungen Verkaufsdamen verbreiten eher die Stimmung einer sexy Autoshow.

Der Branche geht es gut, die Ausgaben für Verteidigung steigen nach einer langen Zeit der Abrüstung wieder. So sehr, dass sie das Rekordniveau des Kalten Krieges erreicht haben. Die Aufrüstung ist im vollen Gange, nur ihr Material hat sich verändert - denn die Kriege haben sich verändert. Sie finden jetzt zwischen Häusern und aus Hinterhalten statt. Guerillakriege, in denen man beweglich sein muss und gern ein gutes Sturmgewehr bei sich trägt. Das russische AK47, das amerikanische M16 oder das deutsche G3. Und so werden in Athen besonders viele leichte Waffen ausgestellt. Pistolen, Maschinengewehre, Granatwerfer, tragbare Panzer- und Flugzeugabwehrraketen.

Abseits der Scheinwerfer, in den Straßen von Bagdad oder in den staubigen Dörfern von Darfur, kann ein guter Schütze mit so einem Maschinengewehr drei bis vier Menschen in einer Minute töten. Vorausgesetzt, sie bewegen sich nicht. Drei bis vier Tote, das mag sich im nuklearen Zeitalter nicht besonders dramatisch anhören. Denkt man an satellitengesteuerte Bomben und Biowaffen, scheint so ein Sturmgewehr nichts zu sein, vor dem man sich allzu sehr fürchten muss. Aber sie summieren sich. Sie sind nämlich billig, diese Kleinwaffen, leicht zu bedienen und im übermaß vorhanden. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass Kleinwaffen die eigentlichen Massenvernichtungswaffen unserer Zeit sind.

Laut Unicef und dem Internationalen Zentrum für Konversion in Bonn sind 90 Prozent der Kriegstoten der vergangenen zehn Jahre durch Sturmgewehre, Maschinenpistolen oder andere Kleinwaffen ums Leben gekommen. Es gibt sie fabrikneu und gebraucht. Gewehre überleben jeden Krieg. Und solange die UN nicht ihre Panzer drüberfahren lassen, gehen sie so gut wie nie kaputt. Und so reisen die kleinen Waffen mit der großen Wirkung von Bürgerkrieg zu Bürgerkrieg.Zu Zeiten des Kalten Krieges waren es die USA und Russland, die den Strom der Waffen weitgehend kontrollierten. Nur wer für sie Krieg führte, wurde von ihnen ausgerüstet. Ob in Nicaragua, Angola oder Afghanistan. Nach dem Kollaps der Sowjetunion waren die Bürgerkriegsparteien in diesen Ländern auf sich selbst gestellt, und plötzlich brauchten die Warlords sowohl neue Lieferanten als auch neue Finanzierungsmodelle. In Angola und Sierra Leone sind es die Diamanten, mit denen nun der Krieg bezahlt wird. In Afghanistan ist es der Schlafmohn. Die Globalisierung hat den Waffenhandel erreicht.

Wie jede Branche hat auch diese ihre Stars. Da ist zum Beispiel der schillernde Russe Victor Bout, der immer wieder in den Berichten der UN-Experten an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen genannt wird. Vor zwei Jahren gab er das Vorbild für den US-Film Lord of War ab. Der UN zufolge hat Bout mit seinen Flugzeugen in fast jedes Konfliktgebiet Waffen geliefert, von Sri Lanka über Afghanistan bis in den Kongo. Trotzdem ist er bis heute auf freiem Fuß - weder ihm noch den anderen bekannten Waffenhändlern können die UN das Handwerk legen.

Da sie global operieren und dabei ein Netz von Tarnfirmen benutzen, können die Händler in kaum einem Staat der Welt strafrechtlich belangt werden. Was es auch immer an internationalen Abkommen, Regelungen und Gesetzen gibt, es hinkt den operativen Möglichkeiten der Globalisierung hinterher. Wieder und wieder haben die UN versucht, auf Konferenzen international verbindliche Regeln gegen die Verbreitung der Kleinwaffen durchzusetzen, und sind immer wieder spektakulär gescheitert. Zuletzt im Sommer 2006 am Veto des Sicherheitsratsmitglieds USA.

Wie viele Kleinwaffen es weltweit gibt, weiß niemand. Offiziell sind 17238615 Militär- und Polizeiwaffen aktenkundig. Ihre tatsächliche Zahl schätzt das Genfer Institut für Internationale Studien im Small Arms Survey 2006 weltweit auf 226,3 Millionen - das wären weit mehr als zehnmal so viele. Dazu kommen all die privaten Waffen sowie die circa acht Millionen neuen, die jährlich produziert werden. Unicef schützt die Gesamtzahl auf 600 Millionen. Ein riesiges Reservoir. Wer einen Krieg führen will, zapft es einfach an.

Die Firma. Heckler und Koch beschäftigt knapp 700 Angestellte. Das Unternehmen aus Oberndorf am Neckar ist einer der fünf gröten Hersteller von Gewehren und Pistolen auf der Welt. Auf der Messe in Athen ist es vor allem präsent, weil es kurz vor dem Abschluss eines Auftrags über 100.000 Gewehre für die griechischen Streitkräfte steht. Am Messestand geht es zu wie an einer Kirmesschießbude. Jeder griechische Soldat, der zu Besuch ist, möchte die neue Waffe mit seinen weißen Handschuhen schon einmal anfassen. Griechenland will das alte G3 durch das neue G36 ersetzen. Der Auftrag brächte Heckler und Koch insgesamt 250 Millionen Euro ein.

Wer die Waffe einmal richtig ausprobieren will, mit Patronen, der muss nach Oberndorf kommen. Dort wird er auf ein abgesperrtes Gelände mit viel Rasen und dem firmeneigenen Schießstand gebracht. Es liegt etwas außerhalb, damit die Oberndorfer nicht durch die Salven gestört werden. Auch hier erkennt der Fachmann kulturelle Differenzen. "Die Schweden und Schweizer wissen genau, wie man sich in einem Schießstand verhält", sagt ein Mitarbeiter. "Und sie sind gute Schützen."