Kunstmarkt Kulturelles Kapital

Grau oder weiß?«, fragt Ariane Grigoteit einen Lichttechniker. Knapp eine Woche vor der Vernissage steht die Direktorin der Kunstsammlung der Deutschen Bank in der Ausstellungshalle der Berliner Guggenheim und ist sich nicht sicher, vor welchem Hintergrund sie die Kunstschätze der Bank zeigen soll. Noch sind die Wände im Ausstellungsraum metallisch grau. Doch vielleicht wäre ein nüchterner white cube besser? Die Deutsche Guggenheim, das Berliner Jointventure zwischen der New Yorker Guggenheim Foundation und dem Frankfurter Finanzkonzern, wird schließlich zehn Jahre alt, und mit der Jubiläumsschau Affinities will die Bank sich, ihr Kunstengagement und ihren New Yorker Partner gebührend feiern. Die Ausstellung glänzt tatsächlich vorwiegend mit Neuankäufen der vergangenen Jahre, die wohl etliche Sammler neidisch machen dürften: etwa die Mappe mit zwanzig feinen Tuschezeichnungen der französisch-amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois, ein rüde verfremdetes Kinoplakat von Isa Genzken, der diesjährigen Pavillonkünstlerin von Venedig, zurückhaltend-minimalistische Bilder des Kölner Rätselkünstlers Kai Althoff oder die fantastischen Kohlezeichnungen des 1996 verstorbenen Amerikaners William Copley.

Seit 1979 sammelt die Deutsche Bank Kunst, als Vater der Kollektion, die heute über 50000 Kunstwerke umfasst, gilt der 2004 verstorbene Vorständler Herbert Zapp. Die Sammlungsziele formulierte der kunstsinnige Manager einmal im kompakten Memostil: »Den Mitarbeitern, Kunden und Gästen des Hauses soll ein gezielter und kompetenter Einblick in die Vielfalt unserer zeitgenössischen bildenden Kunst angeboten werden. Zugleich sollen die Künstler und ihre Galeristen und damit die Kunstszene insgesamt in ihrer Arbeit unterstützt werden.«

Kunst am Arbeitsplatz, da war sich Zapp sicher, führt zu einer gediegenen Büroatmosphäre und motiviert die Bankmitarbeiter zu kreativen Höchstleistungen. Heute veredelt der Großteil der Sammlung die Arbeitsatmosphäre in den deutschen Niederlassungen und weltweit in rund tausend Filialen des global agierenden Unternehmens.

Neben der internen Mitarbeiterpflege und der Aufwertung der Firmenimmobilien dient die Kunst im Besitz der Bank seit den neunziger Jahren zunehmend auch der Repräsentation nach außen. Bestes Beispiel ist die von Hilmar Kopper und Guggenheim-Chef Thomas Krens initiierte, 1997 eröffnete Kunsthalle im Herzen Berlins, die sich mit hochkarätigen, international beachteten Ausstellungen als ein ernst zu nehmender Akteur in der hauptstädtischen Kunstszene etabliert hat. Wie keine zweite beherrscht die Kunstabteilung der Bank zudem die Klaviatur der Medien und betreibt Öffentlichkeitsarbeit im großen Stil. Neben den ausstellungsbegleitenden Katalogen und der unregelmäßig erscheinenden Hochglanzpublikation Visuell leistet man sich mit db-artmag ein hervorragendes deutsch-englisches Onlinemagazin und experimentiert seit Kurzem im Netz sogar mit Video-Blogs.

Interessanterweise regt sich gegen die massive Vereinnahmung der Kunst für die Imagepflege des Konzerns in Künstlerkreisen kein Widerstand.

In Zeiten schwindender öffentlicher Kulturetats gehen Ausstellungsmacher und Künstler auf Schmusekurs mit den Managern. » Ich habe mich wirklich gefreut, dass die Deutsche Bank die Biennale sponsert«, sagt beispielsweise Isa Genzken über das Engagement der Bank, die sich nicht damit begnügt, die Werke der Künstlerin zu sammeln, sondern deren prestigeträchtige Ausstellungsprojekte für die Biennale in Venedig oder die Skulpturenprojekte in Münster auch finanziell unterstützt. Affinitäten bestimmen das Bild nur Hans Haacke leistet sich den Luxus, bis heute ausdrücklich nicht in der Sammlung vertreten sein zu wollen.

Wie viel Geld die Banker in ihre Kunstaktivitäten und ihre Sammlung investieren, will Grigoteit nicht verraten das Budget für Ankäufe werde ohnehin jährlich neu verhandelt. Kürzlich schätzte die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Gesamtetat für kulturelle Aktivitäten auf vierzig Millionen Euro. Wie wichtig jedoch die systematische Anhäufung von symbolischem, sozialem und kulturellem Kapital für die Bank mittlerweile geworden ist, zeigt der Umstand, dass Josef Ackermann persönlich im Mai die Verantwortung für den Kunstbereich übernimmt, der bislang von Bankvorstand Tessen von Heydebreck betreut wurde Ackermann wird dann unter anderem entscheiden müssen, was mit den anderthalbtausend Kunstwerken geschehen soll, darunter Werke von Beuys, Richter, Polke oder Penck, die durch die bevorstehende Renovierung der Frankfurter Zwillingstürme heimatlos werden.

Präsentationsprobleme plagen mitunter auch Luminita Sabau, Leiterin der Kunstsammlung der Frankfurter DZ Bank, die seit vergangenen Freitag unter dem Titel Dialogues & - Attitudes eine große Ausstellung im Budapester Ludwig-Museum zeigt. Manche Werke der rund fünfeinhalbtausend Arbeiten umfassenden Firmensammlung, wie etwa ein großformatiges Bild der amerikanischen Konzeptkünstlerin Barbara Kruger, sprengen ganz einfach den Rahmen der gängigen Büroarchitektur.

Umso glücklicher ist Sabau, die 1993 die Firmenkollektion mit dem Schwerpunkt auf fotografischen Arbeiten begründete und seither betreut, eine Auswahl von rund fünfhundert Arbeiten in einem musealen Kontext präsentieren zu können.

Zum Bestand der renommierten DZ-Sammlung zählen unter anderem Bilder von Andreas Gursky, Rodney Graham, Tracey Moffat und Jörg Sasse, vieles davon wurde frühzeitig erworben und hat mit der Zeit eine unvorhersehbare Wertsteigerung erfahren, wie etwa das Doppelporträt von Cindy Sherman und Richard Prince, das Sabau 1997 für ungefähr 32000 Dollar ankaufte heute dürften die beiden Bilder, die das ehemalige Künstlerpaar 1980 in einer Auflage von zehn Exemplaren produzierte, nicht unter 200000 Dollar kosten. Nach einer stürmischen Aufbauphase Anfang der neunziger Jahre will sich Sabau, die über einen »sechsstelligen Etat« verfügt, in Zukunft darauf konzentrieren, die Lücken der Sammlung mit gezielten Erwerbungen zu schließen. Von einem Museum wie der Deutschen Guggenheim träumt sie jedoch nicht: »Wir sind eine Bank mit angeschlossener Sammlung und nicht umgekehrt.«

»Affinities«, Neuerwerbungen Sammlung Deutsche Bank. Deutsche Guggenheim Berlin, bis 24. Juni 2007, www.deutsche-guggenheim.de

»Dialogues & - Attitudes«, Ludwig Museum Budapest, bis 10. Juni 2007, www.ludwigmuseum.hu

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 03.05.2007, S.58
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