Der kürzeste Nachwendewitz besteht nur aus einem Satz, der das nostalgische Verhältnis der Ostdeutschen zur DDR auf den Punkt bringt: Es war nicht alles gut. Damit soll ausgedrückt werden, dass im Sozialismus nicht nur nicht alles schlecht war, sondern mit zunehmender Entfernung die gefühlte Geschichte so rosarot erscheint, dass der Ossi den Ossi an die grauen Tatsachen erinnern muss. Manchmal wird der Satz aber ganz ohne Ironie gesprochen. Fragt man einen alten Bergmann der Wismut, des einst drittgrößten Uranerzproduzenten der Welt, nach seinen Erinnerungen an die Aufbauzeit, sagt er: "Ich bin mit Begeisterung in die Grube gefahren." Als Hauer im Blauhemd, als Steiger mit Parteiabzeichen. Alles sei zwar auch nicht gut gewesen. Aber damals habe man in Pöhla, Aue, Johanngeorgenstadt noch Spitzenleistungen gebracht und sich auf die Jungs von der erzgebirgischen Waldrandbande verlassen können, weil die nämlich ein Kollektiv waren. "Diese Teams heutzutage sind doch alle Murks."

Wenn man den pensionierten Uranhelden der Wismut zuhört, kommt man sich vor wie in einem Roman vom idealen Sozialismus. Er enthält das richtige Bewusstsein und die richtigen Sprüche, erzählt von herkulischen Anstrengungen und wilden Betriebsvergnügen. Fast möchte man glauben, dass das Bergmannsleben leicht war, nicht erst in der Erinnerung so wurde. Die frühe DDR ein einziger Sonnenaufgang! In Wahrheit war der hoffnungsvolle Beginn jedoch regenkalt, depressionsgrau, verzweifelt. So zumindest schildert ihn Werner Bräunig in seinem Wismut-Epos Rummelplatz , einem der besten deutschen Nachkriegsromane, der leider zu viel Realität enthielt, um in der DDR der kulturpolitisch besonders repressiven sechziger Jahre erscheinen zu dürfen: "Der Junge wusste nur, dass er morgen wieder in den Abbau musste, Gestein sacken, Hunte schleppen, Luft aus rasselnden Lungen keuchen, niederbrechen, sich hochreißen erneut. Nachts noch träumte er von Gebirgen, die auf ihn hereinbrachen, oder träumte im Schlaf noch von Ausruhen und Schlafen. Prometheus war an den Felsen geschmiedet. Sisyphus wälzte den Stein bergauf."

Der Aufbau-Verlag hat die Herausgabe des Buches in diesem Frühling, über 30 Jahre nach dem Tod des Autors, als Sensation angekündigt. Auf der Buchmesse wurde der gut 700 Seiten dicke Band auch prompt als schwerwiegender Akt der Wiedergutmachung gefeiert. Doch die Rezensenten vergaßen über der Schilderung von Bräunigs Schicksal – den die Kulturwächter durch Diffamierungskampagnen zermürbten und schließlich in den Alkoholtod trieben – beinahe die Lektüre. Sensationell ist ja nicht das Erscheinen eines verfemten Romans nach dem politischen Bankrott seiner Gegner. Sensationell ist, mit welcher erzählerischen Wucht und welcher emotionalen Eindringlichkeit ein verstorbener Autor uns Bewohner des wiedervereinigten Deutschlands an unsere gemeinsame Herkunft erinnert: an den sanglosen, klanglosen Abgang der Nibelungenhelden hüben wie drüben, als sich klammheimlich die Hakenkreuze aus den Fahnen stahlen und Strammsteher um Gnade winselten.

Vorm Hintergrund dieser charakterschwachen Nullpunktgesellschaft, dieses seelischen Landwüst, trostloser als jede Abraumhalde, porträtiert Werner Bräunig, Jahrgang 1934, eine junge Lost Generation, deren Gemütslage zwischen Hoffnungslosigkeit und Verachtung für die Väter schwankt. Die Trümmerkinder spielen nun Aktivisten der ersten Stunde. Gerade noch bekamen sie das Horst-Wessel-Lied eingebläut, nun sollen sie an die Arbeiter-und-Bauern-Gerechtigkeit glauben und im Schweiße ihres Angesichts die nächstbessere Welt aufbauen. Was tut einer, dem der Magen knurrt? Er nimmt das Brot und frisst die Parolen mit.

Rummelplatz spielt hauptsächlich in der DDR, im erzgebirgischen Bergbaurevier, in dem fiktiven Dorf Bermsthal, kapitelweise auch im bürgerlichen Milieu des Westens. Worum es aber geht, das sind die früh Desillusionierten beiderseits der Grenze. Schicksalsergeben fahren die frisch rekrutierten Hauer der Wismut in den Schacht, schultern das Gezähe, stemmen sich gegen den Fels. Solche wie sie wundern sich gar nicht, wenn sie morgens zur Schicht kommen und irgendein sozialistischer Vorzeigekumpel hat ihnen Bohrkronen, Ventilkugeln, Luftschläuche gestohlen. Und wenn der Parteisekretär verspricht, dass nun gewiss bald alles besser werde, winken sie bloß ab, weil es schon oft hätte besser werden sollen, wurde es aber nie.