Hohenfels

Jetzt muss alles ganz schnell gehen. In rascher Folge landen die drei Hubschrauber der 503. Infanterie-Einheit der U.S. Army am Rande des Dorfes. Soldaten springen heraus und sprinten über das Feld auf die Häuser zu. Befehle ertönen, jemand schießt. Amerikanische Truppen auf dem Weg nach Afghanistan, irakische Statisten, bayerischer Himmel BILD

In den vergangenen Jahren haben US-Truppen zu viel geschossen und zu oft die Falschen getroffen. Das Militär denkt um. General David Petraeus, neuer Star der Truppe und inzwischen Oberkommandierender im Irak, will, dass seine Männer wissen, wo sie schießen, auf wen und in welcher Kultur ihr Feind groß geworden ist. »Wir haben gelernt, wie groß in heutigen Konflikten das Gewicht kultureller, religiöser und ethnischer Faktoren ist«, sagte Petraeus in einem Interview. »Man kann sagen, die Kenntnis des ›kulturellen Terrains‹ ist in vielen Fällen heute für eine militärische Operation genauso wichtig wie etwa die Kenntnis über die geografischen Gegebenheiten.«

Die Übung geht weiter. Ein Teil der 503. Infanterie-Einheit stürmt nun nicht mehr auf die Häuser zu, sondern auf die Moschee des Ortes. Die Soldaten tragen Helme, dunkel getönte Sonnenbrillen, das Gewehr im Anschlag, sie vermuten Aufständische in der Moschee. Sie selbst aber sind Ungläubige, die das muslimische Gotteshaus nicht betreten dürfen. Schwieriges kulturelles Terrain also. Ein Soldat mit Kampfstiefeln kann in einer Moschee mehr zerstören, als ein gefangener Aufständischer wert ist. Unter Federführung von Petraeus hat die Armee im November eine Doktrin veröffentlicht, die helfen soll, typische Fehler aus der Anfangszeit des Irakkrieges zu vermeiden: Sie warnt vor übermäßiger Gewalt bei Hausdurchsuchungen und der Misshandlung von Gefangenen. Das Papier betont, wie wichtig es ist, Zivilisten zu schützen. Die Ideologie aus dem Kalten Krieg, derzufolge eine Armee, die auf große Panzerschlachten vorbereitet ist, automatisch die Kunst des kleinen Scharmützels beherrscht, wird verworfen. Stattdessen müssen die Soldaten nun Landeskunde pauken.

Die Darsteller kommen aus dem Irak. Sie wollen nicht erkannt werden

Dorf und Moschee könnten, mitsamt dem Minarett und den baufälligen Verkaufsständen, auch in Afghanistan stehen. Doch sie sind nachgebaut, aus unverputzten Steinen, und stehen auf einem grünen Hügel des US-Truppenübungsplatzes Hohenfels in der Oberpfalz. Hier kommt die Vision von Petraeus bei den kämpfenden Einheiten an, die 503. Infanterie-Einheit trainiert zum ersten Mal mit 500 arabischstämmigen Zivilisten. Etliche der COBs, civilians on the battlefield, leben schon seit Langem in Deutschland, einige, und das ist den Amerikanern wichtiger, kommen aus Marokko, Syrien oder Palästina. Die meisten aber stammen aus dem Irak. Ein Subunternehmer hat sie für diesen Job im fernen Deutschland angeheuert. Für die rund 6200 Soldaten des 173. Airborne Brigade Combat Team, die für diesen Zweck drei Wochen lang in Hohenfels stationiert sind, spielen sie mit echtem arabischem Dialekt die Zivilbevölkerung.

Inzwischen wurde der Marschbefehl der 173. kurzfristig geändert. Ursprünglich sollte sie in den Irak verlegt werden, nun geht es Anfang des Sommers nach Afghanistan, wo niemand Arabisch spricht. Macht nichts, Muslim ist Muslim. »Das hier ist ihr letzter Stopp, bevor sie losgeschickt werden«, sagt Reggie Bourgeois, in Sachen Training die rechte Hand des Standortkommandeurs Thomas S. Vandal in Hohenfels.