Das Grauen droht hinter der Grenze. »Wer in Österreich stirbt, verliert seine Organe«, schlagzeilte die Bild- Zeitung vor zwei Jahren zum Ferienanfang. Ein befragter Wiener Chirurg ließ keine Missverständnisse aufkommen: »Wir nehmen raus, was brauchbar ist.« Am größten sei der Bedarf an Nieren, ließ die Zeitung ihre Leser wissen und warnte vor Ländern (Spanien, Frankreich, Italien), wo deutschen Urlaubern Ähnliches drohe: die Organentnahme bei Verstorbenen, ohne dass eine Zustimmung vorliegt.

Wird sich nun auch Deutschland in die Reihe der Organfrevler einfügen? Dieser Eindruck drängt sich auf angesichts der entsetzten Reaktionen auf die jüngste Stellungnahme des Nationalen Ethikrats. Dieser empfiehlt, das deutsche Transplantationsgesetz zu ändern. Bisher gilt in Deutschland das »erweiterte Zustimmungsrecht«: Ärzte dürfen einem hirntoten Patienten hierzulande nur dann Körperteile entnehmen, wenn eine Erlaubnis des Verstorbenen vorliegt beziehungsweise die Hinterbliebenen der Organspende zustimmen.

Die »Widerspruchsregelung« dagegen dreht die Logik um: Danach ist jeder ein potenzieller Organspender, außer es liegt ein ausdrücklicher Einspruch vor – vom Verstorbenen selbst oder nach seinem Tod von dessen Angehörigen. Diese Lösung favorisiert der Ethikrat. Um Klarheit zu schaffen, solle der Staat möglichst viele Bürger dazu bringen, sich zu Lebzeiten (»etwa beim Erwerb des Führerscheins«) als Spender oder Nichtspender registrieren zu lassen.

Die Ablehnung des Vorschlags durch Ethikexperten der Politik kam prompt, und sie war nahezu einhellig. SPD und Grüne sahen das Selbstbestimmungsrecht bedroht, die CDU fürchtete um die Menschenwürde. Der Mensch dürfe »auch über den Tod hinaus nicht zum Objekt gemacht werden«, warnte der Fraktionsvorsitzende der Christdemokraten im Bundestag, Volker Kauder, und erklärte damit implizit, dass dies in den Nachbarländern der Fall sei.

Ein Blick über die Grenzen Deutschlands relativiert solch moralische Gewissheiten – und nährt gleichzeitig Zweifel an der Hoffnung des Ethikrats, durch Gesetzesänderungen die Zahl der gespendeten Organe merklich zu steigern. Internationale Erfahrungen sprechen vielmehr dafür, dass ganz andere Größen als Paragrafen die Spenderquote beeinflussen: die Einstellung der Bevölkerung, die Qualität des Gesprächs mit den Hinterbliebenen sowie die Organisation der Transplantationskette im Krankenhaus (von der Einlieferung eines möglichen Spenders bis zur Verpflanzung des Organs).

12.000 Männer und Frauen warten in Deutschland zurzeit auf eine neue Niere, ein intaktes Herz, eine funktionierende Lunge. Jeden Tag läuft die Frist für drei Patienten ab, sie sterben, während sie auf der Warteliste stehen. 1997 trat das Transplantationsgesetz in Kraft. Zehn Jahre später muss man sagen: Es ist für Rechtssicherheit gesorgt, allerdings nicht für mehr Organe. Zwar steigt die Zahl der Spenden neuerdings leicht an, mittlerweile auf knapp 4000 Organe pro Jahr. Im weltweiten Vergleich liegt die deutsche Transplantationsquote nur im unteren Mittelfeld (siehe Tabelle auf der nächsten Seite).

Bis heute profitiert Deutschland sogar von der Spendenbereitschaft anderer Nationen. Seit dem Start von Eurotransplant – der Vermittlungsstelle für Organe zwischen den Beneluxländern, Österreich und Deutschland – führt die Bundesrepublik mehr Organe ein, als sie zur Verfügung stellt. 2006 waren es rund 100. »Wir lassen das Ungleichgewicht nicht zu groß werden«, sagt Axel Rahmel, medizinischer Direktor von Eurotransplant. Anstoß für Diskussionen böte der deutsche »Nettoimport« immer wieder.