Ohne Schnörkel: Der Deutsche, der den Friedensnobelpreis seiner europäischen Rolle wegen wirklich verdient hat, hat ihn bereits erhalten, Willy Brandt. 1971 war das, weitsichtig früh. Sollte der Preis jetzt Helmut Kohl für seine europäische Rolle zugesprochen werden? EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat die Ehrung des Altkanzlers vorgeschlagen, aber eine Volksbewegung hat er damit nicht gerade in Gang gesetzt. Ist es vor allem die Spendenaffäre, die zu einer dauerhaften Selbstbeschädigung Kohls führte? Viel spricht dafür. Aber beim Abwägen fällt das nicht ins Gewicht. Museumsstück. Helmut Kohls Strickjacke im Haus der Geschichte in Bonn BILD

Helmut Kohl, 77 Jahre alt, hat seine Europa- und seine Einheitsverdienste, die sind ihm nicht zu nehmen. In der Bundesrepublik hat jedoch ein Disput um die richtige Deutung der Geschichte eingesetzt. Wer hat welche Rolle gespielt in dieser Epochenwende? Wie sich Kohl später darstellte und wie seine Kanzlerschaft wirklich war, das ist zweierlei – und genau das macht die Sache so kompliziert.

Kohl hat die Ostpolitik bekämpft – und dabei blieb er

Nobelpreis für Helmut Kohl? Zuletzt in seinen voluminösen Erinnerungen, vor allem aber in seinem Buch unter dem Titel Ich wollte Deutschlands Einheit (1996) hat er sich dargestellt als Politiker, der zielstrebig, unbeirrbar und kompromisslos die Spaltung des Landes zu überwinden suchte. Egon Bahr, der konzeptionelle Kopf, der immer Deutschland »wollte«, bemerkte dazu bescheiden, man habe einfach »Glück gehabt«.

Gleichwohl: Kohl war, hineingewachsen in die Adenauer-Welt, tatsächlich jemand, der sich nicht dauerhaft zwei deutsche Staaten vorstellen wollte. Und, auch das stand immer fest, die Bundesrepublik sollte eingebettet bleiben in Europa. Ja, er »wollte« die Einheit, ein deutschlandpolitisches Konzept entwickelte er nicht. Die Union lehnte die Ostpolitik von Brandt und Bahr ab, ein konzeptioneller Politiker war Kohl ohnehin nicht. Aber als Kanzler nach Helmut Schmidt wollte er doch stärker für »Kontinuität« sorgen, nicht für eine neue »Eiszeit« in den deutsch-deutschen Beziehungen, wie die SPD ihm vorwarf.

Irgendwann im späten November 1989 »wollte« Helmut Kohl die Einheit nicht nur, er führte plötzlich auch Regie. Riskant, aber erfolgreich. Gegen Bedenkenträger, gegen deutsch-deutsche Neugründer, gegen die Oskar Lafontaines und Patrick Süskinds, denen der Ruf nach Einheit entweder zu vaterländisch klang oder die diese Einheit gar nicht wollten. Ambivalent blieb, wie Kohl sich als Kanzler zwischen den Supermächten verhielt, ambivalent blieb das Verhältnis zu den Dissidenten Osteuropas: Auch Kohl fürchtete insgeheim Destabilisierung. Und Europa? Auch da kann das »Wollen« nicht bestritten werden. Dass das vereinigte Land europäisch eingebettet bleiben müsse, war Kohl klar. Aber das wollte er nicht so laut sagen. Als wirklich alles unumkehrbar war und er bereits als »Kanzler der Einheit« galt, hat er die europäische Einheit in den neunziger Jahren, angefangen mit dem Vertrag von Maastricht 1992, konsequent betrieben. Wenn die Bundesrepublik heute als das europäischste Land Europas gilt, dann hängt das auch damit zusammen, wie sich deutsche und europäische Einigung verknüpften.

Bloß: In Kohls Selbstdarstellungen gerinnt dieser recht komplexe Prozess zu einem allzu schlichten Bild. Nur diejenigen erkennt er als satisfaktionsfähig an, die »treu zum Ziel der deutschen Einheit standen, als andere sich längst mit den sogenannten Realitäten arrangiert hatten«. Linie hielten alle – bis 1969, so verurteilte er im Rückblick jene, die eine »andere Deutschlandpolitik« wollten, weil die alte 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer gescheitert war. Die Mehrheit der »Elite«? Verräter an der nationalen Sache. Seine »Linie« war – fast möchte man sagen: zum Glück – unklarer als behauptet. Am Sarge von Willy Brandt, erinnert sich Bahr im Gespräch, habe Kohl die Ostpolitik zustimmend erwähnt. Bei dieser Ausnahme ist es geblieben.

Nicht so sehr der Kanzler, wohl aber der rückblickende Kohl immunisiert sich regelrecht gegen die Frage, ob die Linie Brandts und Bahrs – den »Status quo anerkennen, um ihn zu verändern« – nicht eine eigene Logik bewies oder ob die befehdete Ostpolitik vielleicht doch ein dialektisches, gar ein subversives Moment enthielt. Nein, die Sozialdemokraten hätten »alles getan, um die SED-Herrschaft zu stabilisieren«.

Mehr oder weniger gestützt wurde diese eindimensionale Version Kohls über sich, 1989 und das Ende des Kalten Krieges von einer amerikanischen Autorin. Ihr Name: Condoleezza Rice. Ihre Studie unter dem Titel Germany United and Europe Transformed, gemeinsam mit Philip Zelikow inmitten der neunziger Jahre verfasst, gewährt überaus lehrreiche Einblicke in die damaligen Entscheidungsprozesse – in zählebige Denkmuster freilich auch.

Mit Gorbatschow am Rhein plaudern, so liebte es der Kanzler

Von Bush ermuntert, habe Kohl »das ostpolitische Paradigma vom ›Wandel durch Annäherung‹ zurückverwandelt in das Adenauersche Paradigma vom ›Wandel durch Kraft‹«, lobte Condoleezza Rice. Nicht Prozesse, Entscheider zählen. Unbedingt wollte Bush senior das vereinigte Deutschland in der Allianz halten, Kohl zog mit, urteilte sie. Fast alle anderen, vor allem aber den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, verfolgte sie misstrauisch auch im Blick auf die dauerhafte Westorientierung – eine abenteuerliche Fehleinschätzung. Genscher hielt sie vor, er habe die Ostpolitik fortgesetzt. Dann sprach er auch noch von gemeinsamen Sicherheitsstrukturen und Kooperation! Kohl passte zum Weltbild, Genscher nicht, folgt man ihr.

Man lernt: Die Ost- und Entspannungspolitik war und ist von manchen Köpfen in Washington nie wirklich akzeptiert worden – nicht als Politik gegenüber Moskau, nicht als politische Methode. Und darin entdeckten Rice und andere Kohl als Bündnisgenossen. Zu Recht? Schwer zu sagen. Als Kanzler liebte Kohl bekanntlich das Abwarten und das Undeutliche. Als Altkanzler entkomplizierte er sich und bestätigte: Ja, so war es! Damit geriet er sozusagen im Nachhinein in die Nähe zu einer Politik, die er nicht gewollt haben kann. Heimlich, flicht Condoleezza Rice nämlich ganz nebenbei ein, sei in den USA überlegt worden, die Wiedervereinigung könnte auch dann durchgesetzt werden, wenn Moskau den Kurs ändere – »aber das war so sensibel, dass kaum darüber offen gesprochen, schon gar nicht geschrieben wurde«. Was heißt: Mit einem Sturz des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow durch die Hardliner wurde gerechnet, Washington wollte seine Linie notfalls auch gegen sie durchpauken. Mit Raketen und Panzern?

So in Harnisch, keine Abenteuer scheuend, nur auf die »Politik der Kraft« vertrauend, hat man Kohl als Kanzler nicht im Gedächtnis. Mit Gorbatschow auf der Mauer zum Rhein im Kanzleramtspark über Familiengeschichten zu plaudern, das liebte der Amtsträger doch. Am liebsten in Strickjacke! Mit dem »verdächtigen« Genscher verstand er sich ungleich besser als mit dem Scharfmacher Franz Josef Strauß.

Erst für den Autor Kohl wurde die Zäsur in Europa vollends zum Ereignis ohne Vorgeschichte. Als Kanzler hatte er zu dieser »Vorgeschichte« aber selbst gehört, oft lavierend, mal couragiert, mal verzagt, dann wieder rückfällig, auch irrend. Es hätte ihn auch im Rückblick größer gemacht, in seinen Stärken und Schwächen, wenn er zugleich den gewaltigen Irrtümern nachgelauscht hätte. Nur beiläufig aber hat der rückblickende Kohl angemerkt, mit der Ablehnung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki 1975 habe die Opposition einen Fehler gemacht, auch er. Nur war das nicht bloß ein kleiner Lapsus. »Helsinki« war die »Europäisierung der Ostpolitik« (Willy Brandt), es handelte von der Verknüpfung der »deutschen Frage« mit Europa, und es handelte zugleich von jenen Freiheiten für die Bürger im Osten, um die es der Partei Kohls doch angeblich immer ging. Dieses Nein im denkbar falschen Moment hat alle späteren Proklamationen zugunsten der »Dissidenten« überschattet.

Den Traditionsballast wurde Kohl lange nicht los. Gorbatschow ernst nehmen!, drängte Genscher Anfang 1987, als Kohl den sowjetischen Präsidenten mit dem Nationalsozialisten Goebbels in einem Atemzug genannt hatte. Zeitweise wurde auch das europäische Leitmotiv Kohls undeutlicher. Damals jedenfalls galt nicht der Kanzler, wohl aber sein Außenminister als »wandelnde vertrauensbildende Maßnahme«. Den Nachrüstungsbeschluss, auf den Schmidt gedrängt hatte, hatte er als Kanzler mit der Stationierung der Mittelstreckenraketen 1983 durchgesetzt. Im Osten kam vieles ins Rutschen, die Mittelstreckenraketen (doppelte Nulllösung) wurden verschrottet. Mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher war Kohl damals dennoch bereit, neue Kurzstreckenraketen zu stationieren, um die sowjetische »Überrüstung« auszugleichen.

Rückblicke. Getragen von Freunden, das Netz an Vertrauen in Europa belastbar, als es darauf ankam: Dieses Bild zeichnete Genscher von der Politik in dieser Phase. Eingekeilt zwischen Gegnern in Europa, deren Ressentiments gegen Deutschland nun offen zutage traten, und den geballten Widerständen im eigenen Land gegen die gemeinsame Nation: So wiederum liest sich das bei Kohl. Hat er es auch im Kanzleramt so wahrgenommen, hatte er nicht Verständnis für Zögerliche unter den Nachbarn, war er nicht glücklich, dass so viele trotz der deutschen Vergangenheit darauf vertrauten, die Deutschen würden einen demokratischen, europäischen Weg weitergehen?

Den deutsch-polnischen Grenzvertrag hat Genscher unterzeichnet

Nicht einmal zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Grenzvertrages im Jahr 1990 reiste Kohl mit nach Polen. Einheitskanzler wollte er sein, Verzichtskanzler nicht. Hans-Dietrich, geh du voran! Was der Kanzler im Unklaren gelassen hatte, klärte auch der Autor nachträglich nicht. Zumal aus heutiger Sicht gibt das aber das größte Rätsel auf. Man wird den Verdacht gerade in der Rückschau nicht los: Es ging gar nicht um Polens Westgrenze. Kohl war nie Revisionist und nie Revanchist. Aber – ebenso hat er auch nie die ganze Ostpolitik, samt Kniefall Brandts, nie die Entspannungspolitik als Methode wirklich anerkannt. Alles Spätere hat da seinen Ausgangspunkt: Nein zum KSZE-Prozess, das Schwanken, wie man sich im drohenden Kalten Krieg verhält oder welche Rolle den Deutschen in beiden Staaten beim neuen Denken in Ost und West zukommt. An dieser empfindlichen Stelle, bei der Ablehnung der Ostpolitik, deutete Condoleezza Rice Kohl dann völlig richtig, hier passen Kanzlerschaft, Selbstdarstellung und Wahrnehmung von außen zusammen. Am Urteil über den »Macher« der Einheit, den »Macher« Europas in den neunziger Jahren ändert das nichts.

So kann man nur bilanzieren: Als rückblickender »Historiker« hat Helmut Kohl die Geschichtsdeutung nie akzeptiert, wonach 1989 nicht ohne 1969 und die Ostverträge, ohne Brandt in Erfurt, den Kniefall in Warschau oder ohne »Helsinki« und den Nachrüstungsstreit und Gorbatschow als Resultat all dessen zu erklären ist. Adenauers Linie plus Raketenstationierung: Was Kohl auf diese kurze Formel bringt, wäre kein Anlass, ihm den Friedensnobelpreis zu wünschen. Und welchem Kohl wäre der Preis zugedacht, dem Oszillierenden der achtziger Jahre, dem Zupackenden der neunziger Jahre oder dem Kohl, als der er sich darstellt und wie ihn Condoleezza Rice vereinnahmt?

Man könnte dem Gedanken an einen Friedensnobelpreisträger Kohl mehr abgewinnen, wenn es um das (spät erkannte) »Chancen nutzen« ginge, das Mondfenster stand ja wirklich nicht lange offen, oder um Europa in den neunziger Jahren. Aber diesen Blick auf Kohl hat vor allem er selbst verstellt. BILD Kohl und Gorbatschow erinnern sich an die Wiederveinigung. Ein Filmausschnitt

Noch einmal ohne Schnörkel: Der Europäer, der den Friedensnobelpreis verdiente für seinen Beitrag zur Einheit des Kontinents nach 1989 und ihn bislang nicht erhielt, heißt Jacques Delors. Er war Präsident der EU-Kommission während der Epochenwende 1989/90 – bis heute der überzeugendste Politiker in diesem Amt.

Zum Thema
In Kohls Keller – Finis' Glosse über Kohls Erinnerungen»