In »Volksdemokratien«, die ihren Monarchen auf Zeit direkt wählen, tanzen die Kandidaten den Paso doble – ob in Frankreich oder Amerika. In der ersten Runde (den primaries in den USA) umarmen sie die Basis, in der zweiten stürzen sie sich auf die breite Mitte. So auch in Frankreich, wo Ségolène Royal (links) und Nicolas Sarkozy (rechts) nunmehr wie Kätzchen schnurren: »Vive la similarité!« – wir wollen beide das Gleiche. Zwei Kandidaten sind noch im Rennen: Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal BILD

Hinzu kommt: Anders als in den Angloländern, wo das Wahlrecht (meistens) klare Mehrheiten und Mandate produziert, können europäische Staatsschiffe nur um ein paar Grad gedreht werden. Erst recht in Frankreich, wo die Revolution von oben stets durch die von unten – durch strategisch platzierte Gruppen – ausgehebelt wird. Ist es dann egal, ob »Ségo« oder »Sarko« gewinnt?

Nicht ganz. Royals Sozialistische Partei, auch wenn sie mit dem weltoffenen Dominique Strauss-Kahn glänzt, ist die einzige Westeuropas, die sich dem Modernisierungssog des 21. Jahrhunderts entzogen hat. Gegen die PS wirkt die Schröder-SPD wie ein Ausbund an neoliberaler Globalisierungslust. Zugespitzter: Royal steht fest in der Tradition des Konservativen Jacques Chirac, der seine zwölf Jahre im Amt damit verbracht hat, den Wandel zu ersticken, sobald dessen Feinde auf die Straße gingen.

Die Grande Nation ist dabei nicht gut gefahren. In Euroland weist sie das geringste Wachstum, unter den Großen EU-5 die höchste Staatsquote (54 Prozent) aus. Die Arbeitslosigkeit wird nur von der polnischen und slowakischen übertroffen. Doch will »Ségo« an diesem »Gesellschaftsvertrag« nicht rütteln, der kaum »sozial gerecht« ist. Er favorisiert die Insider mit unkündbaren Jobs, mit der 35-Stunden-Woche, mit früher Verrentung – und mit Firmengeldern für den Freizeitspaß.

Bestraft werden die Outsider – die Jungen (von denen 20 Prozent arbeitslos bleiben), die Leute mit den Zeitverträgen, die Praktikanten, die Einwanderer (die regelmäßig die Autos in den Vorstädten abfackeln). Dazu fällt Royal nichts Schlaueres ein als die Anhebung des Mindestlohnes auf netto 1500 Euro, zehn Euro die Stunde, die noch mehr junge Menschen aus dem Arbeitsmarkt werfen würde. Dagegen ist Münteferings 6,50-Euro-Mindestlohn geradezu »Raubtierkapitalismus«. Royals Sozialprogramm würde den Steuerzahler 74 Extramilliarden kosten, monieren die Kritiker.

»Sarko« redet zumindest von der rupture, vom »Bruch« – wiewohl easy, wie die Agenda 2010. Er will Kündigung per Abfindung erlauben und so den langwierigen Gang zum Gericht ersparen. Sozialhilfe soll kein Anrecht sein, sondern an Arbeitssuche gekoppelt werden (siehe Hartz IV). Da Frankreich bei den Innovationen hinterherhinkt, will der UMP-Mann (wie seine Rivalin) die Forschungsaufgaben steigern, aber zugleich in den Universitäten ein Reformfeuer entfachen. Die Unis sollen in die Autonomie und Konkurrenz entlassen werden, auch Gebühren eintreiben. Dafür will er die Staatsquote um vier, den höchsten Steuersatz (60 Prozent) um zehn Punkte senken.