Zu unserem Glück und zu unserem Elend hat unsere reale Lebenslage großen Einfluss auf das, was wir schreiben, sagt Natalia Ginzburg in ihrem Buch Es fällt schwer, von sich selbst zu sprechen , in dem Kapitel, in dem sie über ihr Leben und Schreiben nach einem persönlichen Schicksalsschlag erzählt. Ja, es fällt schwer, von sich selbst zu sprechen. Deshalb möchte ich, ehe ich auf meine Schreiberfahrung heute eingehe, ein paar Worte darüber sagen, wie sich ein Schicksalsschlag oder eine traumatische Situation auf ein ganzes Volk auswirkt. Ein Tunnel wie eine Falle: Grenzübergang Eretz zwischen Israel und dem Gaza-Streifen BILD

Dabei kommt mir sofort die Maus in Kafkas Kurzgeschichte Kleine Fabel in den Sinn. Eingekeilt zwischen der Falle vor und der lauernden Katze hinter sich, sagt die Maus: »Ach, die Welt wird enger mit jedem Tag.« Nach den vielen Lebensjahren, die ich in Israel, also in der extremen Realität eines politischen, militärischen und religiösen Dauerkonflikts verbracht habe, muss ich Ihnen bestätigen, dass Kafkas Maus recht hatte: Die Welt wird tatsächlich mit jedem Tag enger und bedrängender.

Und ich kann Ihnen auch von dem Leerraum erzählen, der nach und nach zwischen dem einzelnen Menschen und der gewaltsamen und chaotischen Situation, in der er lebt, entsteht. Dieser Raum nämlich bleibt nie leer. Er füllt sich rasch mit Apathie, mit Zynismus und vor allem mit Verzweiflung – die jahrelang, zuweilen sogar über Generationen andauern kann. Es ist die Verzweiflung über eine unabänderliche Lage. Und es ist die noch tiefer sitzende Verzweiflung über die Folgen der verfahrenen Situation für das Leben jedes Einzelnen von uns.

»Während eines Konflikts verflacht die Sprache, die ihn beschreibt«

Ich spüre den hohen Preis, den die Menschen in meinem Land wegen des anhaltenden Kriegszustands zahlen: Denn der Seelenbereich, der mit einer gewalttätigen Welt in Berührung kommt, verkümmert. Die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich mit dem Leid anderer zu identifizieren, nehmen ab. Dadurch wird schließlich auch die ethische Urteilskraft beeinträchtigt. Die meisten von uns geben es irgendwann auf, in einer moralisch so bedrängenden, praktisch so beängstigenden, trügerischen und komplizierten Situation über diese nachzudenken. Am liebsten möchte man gar nichts mehr denken und wissen. Man sagt sich: Vielleicht überlasse ich das Denken lieber denen, die es sicher »besser wissen«. Vielleicht sollte ich lieber auch nicht zu viel empfinden, zumindest bis sich die Lage bessert, und tut sie das nicht, habe ich immerhin etwas weniger gelitten, habe eine nützliche Gefühllosigkeit entwickelt, habe mich durch etwas Gleichgültigkeit, etwas Verdrängung, etwas Selbstbetäubung geschützt.

In anderen Worten: Wegen der ständigen Furcht vor Verletzung oder Tod, vor einem unerträglichen Verlust oder auch »nur« schwerer Demütigung reduzieren wir, die Bürger Israels, die Gefangenen dieses Konflikts, unsere eigene Vitalität, unsere seelische und geistige Aufnahmefähigkeit, umgeben uns mit immer weiteren Schutzschichten, unter denen wir schließlich ersticken.