So viel Tamtam war lange nicht. An einem Freitagabend im tropischen Regenwald donnert zum Auftakt des Opernfestivals Wagners Holländer -Ouvertüre durch Manaus, durch die alte Kautschuk-Metropole am Rio Negro, die einmal reich war, dann ebenso rasch wieder arm – und wo jetzt amerikanische Handys zusammengeschraubt und tonnenweise Turnschuhe chinesischer Produktion verkauft werden. Die Manauser sitzen auf weißen Plastikstühlen, fragen sich, ob der abendliche Regen noch kommt, und essen lila Zuckerwatte. Richard Wagner scheint den Kindern keine Angst einzujagen. Auf den reservierten Plätzen die deutschen Kulturmenschen, Theaterleiter, Direktoren des Goethe-Instituts, Journalisten, alle leicht gekleidet. Ihnen jagen die Moskitos Angst ein. BILD

Wenig später werden die Deutschen ihre Eindrücke in Worte zu fassen versuchen, sie werden den Daheimgebliebenen berichten, dass es »irre« war, »barock« oder »fantastisch«, dass hier am Sonntag darauf Christoph Schlingensief Wagners frühe Oper vom unerlöst über die Meere segelnden Fliegenden Holländer inszenierte, mit Zwerginnen und Sambatänzerinnen und den obligaten Schlingensiefschen Schwarz-Weiß-Videos, dass brasilianische Volkstrommler die Kunstandacht auftrommelten und Favela-Bewohner als Statisten ihren ersten Auftritt im Teatro Amazonas feiern durften.

Die deutschen Berichte werden vor Glück vibrieren, das hier miterlebt zu haben – die honigsüße, ermüdende Wärme gefühlt, den dramatischen Regen gesehen zu haben, den grauen Rio Negro und den lehmgelben Rio Solimoes, die sich hier zum Amazonas verbinden und doch kilometerlang unvermischt nebeneinander herfließen. Wer kann schon von sich sagen, für einen Holländer mal eben in die Tropen geflogen zu sein?

Es war das größte deutsche Kunst-Event seit Langem, mehr Berichterstattung auslösend als vieles, was in Berlin oder München so auf die Bühnen gelangt. Die Erwartung war hoch gespannt, auch der Wunsch, sich zu begeistern. Ob es gut war alles in allem, verriet kaum einer aus Deutschland, auch weil die meisten mit dem Regisseur gut bekannt sind. Tatsächlich war es, künstlerisch gesehen, enttäuschend. Viele Brasilianer, zumal die europäisch gesinnten, kulturkonservativen, hatten die Oper nach der zweiten Pause still verlassen, denn man buht nicht einfach den Oberspielleiter aus einem fremden Land aus.

Vielleicht erlischt aber auch die Wichtigkeit der Frage nach der künstlerischen Qualität unter tropischen Bedingungen, und das Zustandekommen des Unternehmens selbst ist der Erfolg. Jedenfalls förderte die Bundeskulturstiftung das Projekt mit etwa 200000 Euro. Das Goethe-Institut in São Paulo koproduzierte die Inszenierung, die finanzielle Hauptlast allerdings trug der Staat Amazonas, auch in der Hoffnung, sich mit seinem Opernfest an die Ströme der internationalen Aufmerksamkeit anzuschließen. Seit seiner Gründung 1669 sind an einem Wochenende noch nie so viele deutsche Journalisten in Manaus gewesen.

Die Stadt ist ein alter Kunstmythos. Das Opernhaus, eine altrosa Schachtel mit weißen Gesimsen und einer bunten Kuppel, wurde 1896 während des Kautschukbooms eröffnet, Symbol eines unbändigen Willens zur Zivilisation, Hinterlassenschaft der ersten kulturellen Globalisierung im Zeichen des Kolonialismus: die Pariser Garnier-Oper miniaturisiert, ausgerechnet dort, wo die Regenwürmer am dicksten sind.