Das Burgenland ist die einzige Landschaft in Österreich, die man ohne Steigeisen betreten kann. Das macht sie bei Familien mit Kindern, bei Boulespielern und bei Enten beliebt. Wasservögel haben es hier besonders gut, weil ein großer Teil des Burgenlandes aus Wasser besteht, welches Neusiedler See genannt wird. Es ist ein riesiges Gewässer, das auch Nichtschwimmer schätzen: Sie können es zu Fuß durchqueren, ohne zu ertrinken, was man nicht einmal von allen Weinfässern sagen kann. Außerdem wird der See von Tausenden Enten und Gänsen bevölkert, bei welchen man im Frühling beobachten kann, wie eine geordnete Großfamilie auch ohne zusätzliche Krippenplätze funktioniert: Mama rudert vorneweg, die Gören folgen brav in einer Reihe, der Vater bildet das Schlusslicht. Ein konservatives und gleichzeitig feministisches Vorbild für unsere engagierten Politiker(innen)!

Doch es ist zwecklos, als Motiv für meine Reise in den äußersten Osten Österreichs ornithologisches Interesse vorzugeben. Jeder Leser wird längst vermuten, dass ich mal wieder hinter dem guten Essen und Trinken her bin.

Und genau deshalb fuhr ich zunächst nach Podersdorf am nordöstlichen Ufer des Neusiedler Sees. Dort gibt es das Gasthaus zur Dankbarkeit, und ein Gasthaus mit diesem Namen zieht mich unwiderstehlich an. Und dankbar bin ich meinen Freunden, die mir das Gasthaus des Josef Lentsch ans Herz gelegt haben, ein solides, altes Gasthaus, wo man an weiß gedeckten Tischen essen kann, aber auch, gleich am Eingang, auf Bänken an rustikalen Holztischen.

Was ich dort aß, war allerfeinste Regionalküche. Also das, was man ständig sucht, weil von der authentischen Küche das Heil der kulinarischen Welt ausgeht. Dazu gehörte im Gasthaus zur Dankbarkeit eine ungeheuer belebende Krautsuppe, eine Räucherfischterrine mit Blattspinatsalat, ein perfekt gebratenes Stück vom Wels, das man leicht mit edlem Steinbutt hätte verwechseln können. Dazu gehörten aber auch die köstlichen Brotsorten und vor allem regionale Weine zu Einkaufspreisen.

Dass dieses Glück ohne den Besitzer, jenen Josef Lentsch, nur die halbe Freude wäre, wird klar, wenn man ihm zuhört, wenn er seine Einstellung zur Geschichte und Beschaffenheit seiner Heimat darlegt, kurzum: seine Philosophie nennt. Da gibt er sich als Fanatiker zu erkennen, für den das Streben nach höchster Qualität nur eine Leistungssportart mehr ist, die er betreibt. Wie das Burgenland vom ärmlichen Zufallsgebilde der 1923 abgetrennten ungarischen Provinz zu einer Energiequelle für ganz Österreich geworden ist, darüber ist sich Josef Lentsch mit allen einig, die hier die Runde machen von einem Gasthaus zum anderen, vom benachbarten Winzer zum nächsten: Im Burgenland entstehen Produkte zur Vervollkommnung unserer humanen Existenz, denn was die Lebenslust steigert, verbessert auch unsere Lebensqualität. Im Burgenland gibt es die richtigen Schweinerassen, die besten Mastochsen, dreitausend Paradeisersorten und Konfitüren aus kleinen Manufakturen. Josef Lentsch verzeichnet auf seiner Speisekarte auch alle Produzenten, bei denen er seine Produkte einkauft – vom Seespargel über die Erdäpfel bis zum Rindfleisch. Zuerst aber kommt der Wein.

Die Weine des Burgenlandes gehören zu den besten Österreichs. Wie die Wachau für ihre Rieslinge und Grünen Veltliner berühmt geworden ist, so haben einige Winzer am Neusiedler See dafür gesorgt, dass mit dem Blaufränkisch ein burgenländischer Wein weltweit Aufmerksamkeit erregt. Der einflussreiche amerikanische Kritiker Robert Parker hat einen Blaufränkisch des Winzers Roland Velich aus Apetlon mit 94 von 100 möglichen Punkten benotet, was für diese Rebsorte, die bei uns Lemberger heißt, ein Novum ist. Von Velich stammt auch der Tiglat, ein Chardonnay, der in guten Jahren den Vergleich mit seinen großen Verwandten aus Burgund nicht zu scheuen braucht. Und wenn man die Weine des jungen Paul Achs aus Gols probiert, stellt man fest, dass der Blaufränkisch tatsächlich das Zeug hat, in der Weinwelt eine große Rolle zu spielen. Achs wurde für einen seiner Weine von Parker mit 90 Punkten ausgezeichnet.

Hier ist der Winzer auch noch Metzger, er macht die Wurst