Skandinavien
Diese netten Dänen
Warum wir Deutschland so gern mit kleinen Ländern vergleichen – Nachtrag zu einer ZEIT-Serie.
Die Dänen finden, dass sie eine nette Nation sind, dass es angenehm ist, ein Däne zu sein«, schreibt der Soziologe Norbert Elias in seinen – vergleichenden – Studien über die Deutschen (1989). Nach der Debattenlage der vergangenen 30, 40 Jahre könnte man mit einigem Recht hinzufügen: Auch die Deutschen fänden es angenehm, Dänen zu sein. Oder Schweden. Am liebsten vielleicht Pisa-Finnen. Jedenfalls Angehörige einer kleinen, sympathischen Nation.
Warum messen wir uns so gern an winzigen Nachbarn? Die ZEIT- Autoren Stefan Willeke und Henning Sußebach haben unsere skandinavischen Lieblingsvorbilder untersucht(ZEIT Nr. 16 bis 18/07) und fanden dort neben viel Landschaft und manchen nachahmenswerten Politiken – von der Organisation des Arbeitsmarktes bis zur Lehrerausbildung – auch viel Nichtübertragbares, gar wenig Erstrebenswertes. Dass man ein fast einwanderungsfreies Fünf-Millionen-Volk wie die Dänen nicht voraussetzungslos neben ein 82-Millionen-Volk stellen kann, in dem fast ein Fünftel der Menschen einen Migrationshintergrund haben, liegt eigentlich auf der Hand. Dass wir derartige Vergleiche – ob nun vorgenommen von OECD oder Weltbank, von Stiftungen oder Thinktanks – trotzdem nicht absurd finden, sondern geradezu nach ihnen suchen, kann man vielleicht damit erklären, dass wir früher einmal genau wussten, wie groß und bedrohlich Deutschland aus der Ferne wirken kann, wir aber heute die Größe unseres Landes nicht mehr realistisch wahrnehmen.
Grund, sich klein zu wünschen, hatte Deutschland nach zwei Weltkriegen und Naziterror wahrlich genug. Die Sehnsucht nach friedlichen, harmlosen Vorbildern wie den Niederlanden oder Schweden mag das befördert haben. Aber die Westdeutschen hatten ihren eigenen Harmlosigkeitswunsch dermaßen verinnerlicht, dass sich bei einigen sogar ein gewisses Erstaunen breitmachte, als nicht alle unsere Nachbarn von der Wiedervereinigung begeistert waren.
Die wohlbegründete Zurückhaltung hat allerdings zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung geführt, die der Welt um Deutschland herum auch nicht recht sein kann: Denn sowohl unsere wirtschaftliche Entwicklung als auch die Bereitschaft, uns in Krisengebieten militärisch zu engagieren, fällt für andere ins Gewicht. Deutschland ist der zweitgrößte Truppensteller für Nato-Operationen und der drittgrößte Zahler der UN. Es ist das einwohnerreichste Land Europas und hat 20 Millionen Menschen mehr als selbst jene Länder, an denen wir uns weit seltener messen: Frankreich (62 Millionen), Großbritannien (60 Millionen) und Italien (58 Millionen). Deutschland ist Europas größte Volkswirtschaft, es trägt den größten Einzelanteil aller Länder zum Welthandel bei (zehn Prozent). Nach Amerika und Japan hat Deutschland das größte Bruttoinlandsprodukt, und nur in den USA gibt es laut Forbes-Liste mehr Milliardäre. Zudem ist es das weltgrößte Maschinenbau-Land, Reise-Weltmeister, zweitgrößte Auto-Nation.
Fantastische Entbürokratisierung in Estland!
Doch allein diese Aufzählung von Superlativen würde bei jeder gepflegten deutschen Abendessen-Einladung eher als peinlich wahrgenommen werden – wenn ihr Wahrheitsgehalt nicht rundheraus bezweifelt würde. Das Land hat sich nämlich nicht nur an eine gefühlte Kleinheit gewöhnt, die in krassem Gegensatz zu den Realitäten steht, sondern in den vergangenen 15 Jahren auch an eine ökonomisch geprägte Untergangsrhetorik, die jetzt erst langsam den freundlicheren Wirtschaftsdaten weichen muss. Darin spielten zum Beispiel die fortschrittliche Steuergesetzgebung in Ghana (!), fantastische Entbürokratisierungserfolge durch »E-Government« im 1,4-Millionen-Staat Estland oder das quasi abgeschaffte Arbeitsrecht in Dänemark ihre wirkungsvolle ideologische Rolle – sie sollten eine ganz bestimmte Variante von »Reformpolitik« auch in Deutschland anregen. Wer wollte schließlich, bei aller Bescheidenheit, reformunfähiger und rückschrittlicher sein als Estland oder Ghana?
Schweden gehört zu den Lieblingsreiseländern deutscher Politiker, Finnland musste gar zur Bewältigung des deutschen Pisa-Ansturms einen zusätzlichen – deutschen – Beamten einstellen. Reisen bildet, und es ist zweifellos richtig, dass neue Ideen irgendwo herkommen müssen. Aber die kontextlose Übertragung von »spannenden Geschichten«, die Wissenschaftler oder Teilnehmer von politischen Delegationsreisen irgendwo aufgelesen haben, sind in der vergleichenden Verwaltungsforschung gefürchtet. Diese Disziplin der Politikwissenschaft beschäftigt sich mit der Frage, welche internationalen Vergleiche möglich und sinnvoll sind. »Studienreisen von Experten in fremde Länder«, schreibt der britische Politikwissenschaftler Alan Norton, »können geradezu unglaublich oberflächliche Wahrnehmungen der beobachteten Phänomene hervorbringen.«
Dieselbe Gefahr bestehe auch bei der deutschen Lust am Vergleich mit kleinen Ländern, sagt Werner Jann, Professor für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation an der Universität Potsdam: »Vielleicht ist dort wirklich vieles besser, vielleicht kennen wir sie einfach nicht so genau.« Oftmals, sagt Jann, schiebe sich die touristische Perspektive vor die seriöse Frage nach Übertragbarkeit: »Im Urlaub sehen wir nur das Schöne. Wir denken: Ach, wie nett, die Dänen duzen sich alle; wir benutzen die fantastischen Radwege und blicken neidisch auf die tolle öffentliche Infrastruktur.« Den Spitzensteuersatz von 63 Prozent hingegen sähen wir nicht. Den niedlichen Danebrog-Nationalismus wohl – aber nicht die restriktive Einwanderungspolitik.
Neben der touristischen Verzerrung beeinflussen auch unsere eigenen gesellschaftlichen Großtrends die Vorbildsuche. Noch bis vor wenigen Jahren scherzten konservative Publizisten über die »Letztbegründung Niederlande«, weil von dort (16 Millionen Einwohner) alles Gute zu kommen schien: eine liberale Drogenpolitik; ein ebensolches Abtreibungsrecht; »tabulose« Diskussionen über Sterbehilfe; Toleranz für Schwule, Lesben, Einwanderer. Und es ist schwer zu entscheiden, ob Schweden in den siebziger Jahren eher wegen seiner »Volksheim«-Sozialstaatlichkeit bewundert wurde oder wegen des freizügigen Umgangs mit Pornografie.
Seit den neunziger Jahren hat sich der Vorbildbedarf verändert: Andreas Hoffmann zerpflückte unlängst in der Süddeutschen Zeitung höchst vergnüglich eine »Studie« des World Economic Forum, nach der Deutschland »das schlechteste Steuersystem der Welt« habe – ein schlechteres als beispielsweise Ghana, Nigeria, Mali oder Tschad. Näher an zu Hause schien etwa das kleine Estland in jeder Hinsicht fortschrittlicher zu sein als wir: Nahezu alle Berichte über den EU-Beitrittskandidaten 2004 rühmten die dortige flat tax – und die Tatsache, dass estnische Minister wegen ihrer ausgezeichneten elektronischen Vernetzung kein Blatt Papier mehr auf dem Schreibtisch hätten (nie, nirgends, unter keinen Umständen). Von den dramatischen sozialen Unterschieden im Lande war seltener die Rede.
Eine Kultur der Solidarität lässt sich nicht erzwingen
Im Zusammenhang mit Dänemark wird bis heute gern zustimmend der Begriff flexicurity benutzt: Er bezeichnet einen flexiblen Arbeitsmarkt mit wenig Kündigungsschutz, der zugleich (deshalb?) so dynamisch ist, dass er den Arbeitnehmern die Sicherheit (security) bietet, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes schnell ein neues Auskommen zu finden. »Das ist der entscheidende Punkt«, sagt Werner Jann, der sich seit Langem mit internationalen Leistungsvergleichen befasst: »Die Lockerung des Kündigungsschutzes mag auch für Deutschland eine sinnvolle arbeitsmarktpolitische Konsequenz sein – aber die Sache kann nur funktionieren, wenn man sich den dänischen Kontext aufmerksam ansieht.« Viel entscheidender als die formale Regelung sei nämlich die kulturelle Wahrnehmung eines Problems, die Frage nach dem im jeweiligen Land »angemessenen« Verhalten. Und da komme man zu höchst unterschiedlichen Befunden für Dänemark und Deutschland: So seien in Dänemark mehr als 80 Prozent der Arbeitnehmer in Gewerkschaften organisiert – die ihren Mitgliedern Sicherheit bieten, gleichzeitig aber Reformen erklären und vermitteln. Es ist leicht vorstellbar, dass sich auf dieser Grundlage ein geringeres Bedürfnis nach arbeitsrechtlicher Absicherung ergibt – zumal auch das »angemessene Verhalten« für Arbeitgeber in einem kleinen Land mit einer Hauptstadt, in der alle Entscheidungsträger wie in Helsinki dieselbe Sauna frequentieren oder wie in Kopenhagen denselben Smörrebröd-Keller aufsuchen, anders aussieht als im großen Deutschland mit seinen vielen unabhängigen Wirtschaftszentren.
Eine Kultur der Gemeinsamkeit und Solidarität lässt sich nicht erzwingen – aber es ist gut möglich, dass wir Deutschen in unserer fragmentierten Gesellschaft uns besonders danach sehnen. Der Niederländer Geert Hofstede befragte Anfang der siebziger Jahre in einer bahnbrechenden Studie mehr als 100000 Mitarbeiter eines multinationalen Konzerns und identifizierte dabei vier Dimensionen, nach denen sich die Wertesysteme der von ihm untersuchten Nationen unterschieden: erstens das in einer Gesellschaft akzeptierte Machtgefälle; zweitens die Toleranz gegenüber Unsicherheit; drittens die Bedeutung des Individualismus; schließlich die »Maskulinität« eines Gemeinwesens, also die Bedeutung traditionell »männlicher« Werte wie Leistungsbereitschaft, Betonung von Autorität und Hierarchie, Materialismus. »Weiblichere« Gesellschaften hingegen setzen laut Hofstede eher auf Gruppenentscheidungen, schätzen das Karrierestreben geringer, kennen weniger Stress am Arbeitsplatz und verteilen Aufgaben gleichmäßiger zwischen Männern und Frauen.
Wir Deutschen leben immer noch in einer Welt der großen Machtgefälle, und die »Maskulinität« unseres Arbeitsalltags ist schwer zu bestreiten. Mag sein, dass uns auch deshalb die kleinen, beschaulichen, stressfreien und weiblicheren Länder insbesondere Skandinaviens attraktiv erscheinen. Dass diese genau so sind – beschaulich, stressfrei, weiblicher –, ist zwar eine Verallgemeinerung. Aber man merkt es schließlich in jedem Urlaub.
ZEIT-Serie:
Ist im Norden alles besser?
Schweden
Warum hat ein Land ohne große Probleme so viel Angst?
»
Finnland
Was ist die Schule wert?
»
Dänemark
- Wie schafft man Arbeit für alle? >
»
- Datum 7.5.2007 - 06:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.05.2007 Nr. 19
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Russland ist das bevoelkerungsreichste Land in Europa, selbst wenn man nur den europaeischen Teil betrachtet. Aber wahrscheinlich ist die Autorin noch nicht mal bis Frankfurt/Oder gekommen.....
Bloß kein Stress hier.
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