Wenn die Permafrostforscher im sibirischen Jakutsk ihr Untersuchungsobjekt anfassen möchten, müssen sie nur in den Institutskeller gehen. Hinter einer unscheinbaren Holztür im Erdgeschoss duftet die Lärchenholzschalung des Treppenschachts zwar nach Sauna, aber der Atem schlägt weißliche Wolken. Zwölf Meter unter der Erde funkeln Eiskristalle an den dunkelbraunen Wänden, von denen uralter Sand rieselt. Konstant minus sechs Grad Celsius misst das Thermometer im Laboratoriumskeller. »Im Winter, wenn draußen 50 Grad minus herrschen, können wir uns hier aufwärmen«, spaßen die Wissenschaftler. Im heißen sibirischen Sommer dagegen kühlen sie sich hier ab, während die Hochzeitspaare beim Sekttrinken vor dem Gebäude ins Schwitzen geraten. Für frisch vermählte Jakutsker gehört das Wahrzeichen des Instituts, ein Mammut aus Gipsbeton, zu den traditionellen Fototerminen wie andernorts das Lenindenkmal. Es ist eben eine besondere Forschungsanstalt. BILD

Das Permafrostinstitut untersucht als einziges Institut weltweit die theoretischen und praktischen Probleme der Dauerfrostböden. 65 Prozent der russischen Landfläche sind ständig gefroren, teils bis zu einem Kilometer tief. In den kurzen Sommern taut er höchstens bis in Tiefen von zwei bis drei Metern zu Morast auf. Die Permafrostforscher entwickeln Techniken für den sicheren Bau von Häusern, Pipelines und Ölbohrstellen. Sie rekonstruieren mit Tiefenbohrungen oder an Meeresböschungen die Erdgeschichte und sammeln dabei auch Knochen von Mammuts oder Säbelzahntigern. Die natürliche Riesentiefkühltruhe bewahrt Teile der Erdgeschichte wie ein Archiv.

Das Institut, 8500 Kilometer östlich von Moskau gelegen, hat einzigartiges Fachwissen gesammelt und ist zugleich Sinnbild für die Verarmung der russischen Wissenschaft. »Manche Abteilungen sind modern eingerichtet und haben Poster internationaler Kongresse an der Wand«, erzählt der deutsche Geologe Lutz Schirrmeister, der seit knapp zehn Jahren gemeinsame Forschungsprojekte betreut. »Andere erwecken den Eindruck, als ob der sowjetische Botaniker Iwan Mitschurin noch immer versuche, Mais in der Arktis anzubauen.« Mitschurin leugnete, von Stalin und Lenin unterstützt, die moderne Vererbungslehre. Seit über zehn Jahren bemühen sich die Permafrostforscher, zwischen Geldnot und ihrer Ablehnung moderner Wissenschaftsvermarktung zu überwintern. Einige verbittern, andere zeigen Trotz.

Forscher stören die Bürokraten mehr als radioaktives Strontium

Michail Grigorjew gehört zu jenen, die versuchen, der reinen Wissenschaft treu zu bleiben. »Ich wurde im Büro der Kaderabteilung geboren«, scherzt der 51-Jährige. Seine Eltern zogen als junge Forscherpioniere im sowjetischen Dienst zur Eroberung des Nordens nach Jakutien. Jedes Mal, wenn Grigorjew in den Keller hinabsteigt, legt er eine Hand andächtig an die frostige Wand. In seinem Büro kramt er Expeditionsfotos hervor, auf denen das Schelf neben der kargen Weite des Eismeeres bernsteinfarben im Sonnenlicht funkelt. Im Institut aber sind Enthusiasmus und Forscherromantik spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verflogen.

Der neue Staat ließ die Wissenschaft fallen, Chaos zog ein, Grigorjew bekam wie viele seiner Kollegen Angebote, ins Ausland zu wechseln. »Ich bin eben ein Patriot«, sagt er mehr schicksalsergeben als stolz. Die Arbeit seines Labors konnte er nur durch internationale Zusammenarbeit sichern. Anfang der neunziger Jahre kooperierte das Permafrostinstitut mit Japanern, die den Russen auf gemeinsamen Expeditionen sogar ein Extragehalt zahlten. »Aber bald haben unsere russischen Kollegen gemerkt, dass sie wie Hilfskräfte behandelt und in wissenschaftlichen Publikationen kaum erwähnt wurden«, erzählt Hans-Wolfgang Hubberten, Leiter der Potsdamer Forschungsstelle des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Die Stunde der Deutschen kam.

Im Potsdamer Institut arbeitete Christine Siegert, die zu DDR-Zeiten 20 Jahre lang im sibirischen Permafrostinstitut geforscht hatte. Sie lag ihrem Chef Hubberten so lange mit Lobreden auf das Institut in den Ohren, bis dieser nach Jakutsk flog. Er landete im Oktober bei minus 45 Grad. Das Gästezimmer war überheizt, die Stimmung feindselig. »Dann lud mich der Direktor zum Abendessen nach Hause ein«, erzählt Hubberten. »Dort hat mich seine Mutter ins Herz geschlossen.« Zwei Flaschen Wodka und ein Cognac als zusätzliche Eisbrecher sicherten den Kooperationsvertrag zwischen gleichberechtigten Partnern.

Später fluchten die Potsdamer Wissenschaftler manchmal leise, wenn Siegert wieder eine ihrer Projektideen mit den Worten beerdigte: »Das ist alles in Jakutsk schon längst erforscht. Ihr kennt nur die dortige Fachliteratur nicht.« Aber die Expeditionen in die jakutische Tundra machen den Frust wett. Potsdam bezahlt, Jakutsk organisiert. »Unsere russischen Kollegen sind hundertprozentig verlässlich und arbeiten zudem entbehrungsvoll, wie es vielen westlichen Wissenschaftlern kaum mehr zu vermitteln wäre«, erzählt Hubberten. »Vier Wochen lebt man im Gelände ohne warme Dusche.« Die Deutschen lernen, wie man aus drei Treibholzstämmen eine Sommerhütte baut, sich durch Sandstürme auf dem Eismeer kämpft und auf Russisch Feuerholz, Suppe und Thermokarstsenke sagt.