Linke Was ist Kapitalismus?

Die angelsächsische Linke setzt eine neue Diskussion über die Gesellschaftspolitik in Gang und will sich neu formieren. Eine Analyse

Zeit für Systemvergleiche. Abstrakt: In welcher Art Gesellschaft wollen wir leben (und gibt es überhaupt Alternativen)? Konkret: Wohin wird sich die Wirtschafts- und Sozialpolitik in Sarkozys Paris und in Browns London wenden, wie bestimmen die Democrats ihre Richtung für den Kampf um Washington, was kommt nach der Großen Koalition in Berlin? Eine gesellschaftspolitische Diskussion springt wieder an, die über Landesgrenzen hinausreicht und aller Voraussicht nach nicht folgenlos bleiben wird.

Sie dreht sich um „Modelle des Kapitalismus“, und das ist schon deswegen interessant, weil Modelldiskussionen ein politisches Element innewohnt. Als in den späten Jahrzehnten des „realen Sozialismus“ die Rede von Modellen aufkam, da ging es nur nachrangig um Analyse und Erkenntnis, vielmehr um Politik und Programme; so auch diesmal. Der Vergleich mit dem sozialistischen Lager von ehedem mag hinken, aber immerhin regt er zu der Frage an, ob sich die gegenwärtige Kapitalismusdiskussion nicht auch um internationale Beziehungen und Machtverhältnisse drehe - klare Antwort: ja.

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Zumindest scheint das die Linke diesseits und jenseits des Atlantiks so zu sehen. Zu ihren einigenden Erzählungen gehört diejenige vom amerikanischen Kapitalismus, der sein Gesellschaftsmodell weltweit verbreiten wolle. Amartya Sen, der indische Nobelpreisträger für Ökonomie, spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kolonisierung des Geistes“, die weitaus problematischere Folgen habe als der Neokolonialismus. Er verweist beispielsweise auf die chinesische Agrarpolitik, die der amerikanischen Marktideologie folge, sich gleichgültig gegen die extremen Ungleichheiten auf dem Lande verhalte und die staatliche Gesundheitsvorsorge zerschlagen habe - mit der Folge sinkender Lebenserwartung.

Selbst dort also, wo der amerikanische Kapitalismus keinen direkten Zugriff hat, trägt er Schuld am Elend, so lässt sich dieses Argument lesen.

Vorgetragen wurde es auf einer Konferenz, die am vergangenen Wochenende unter dem Titel „Das neue Gesicht des amerikanischen Kapitalismus und sein Einfluss auf die Welt“ stattfand . Die New York Review of Books hatte eine All-Star-Besetzung ihrer Autoren ins britische Oxford geladen. Auf den abgewetzten Bänken der Union Hall, einem historischen Ort, nahmen daraufhin Richard Sennett, Timothy Garton Ash, Tony Judt, Paul Krugman und andere Akteure des heutigen Linksliberalismus Platz. Zwei Tage lang diskutierten sie über die gedanklichen und strategischen Grundlagen einer sich womöglich neu formierenden Reformlinken.

Die Review als Zentralorgan, Oxford als Versammlungsplatz, das sind beides wohlvertraute Orte in der Geografie der Linken, aber es fällt schon auf, dass ihr neuerlicher Anlauf, eine Konzeption zu finden, zunächst einmal ein angelsächsischer ist. Vielleicht, weil die amerikanische und die britische Gesellschaft so verfasst sind, dass die Stressfaktoren des Kapitalismus in ihnen fühlbarer wirken als im westlichen Kontinentaleuropa? Oder weil die intellektuelle Kraft der italienischen, französischen und deutschen Linken zurzeit nicht zu spüren ist?

Leser-Kommentare
  1. das kommt von der \'Linken\' nicht rüber.

    Wenn die wüßten, dass sich Emotio und Ratio ergänzen können: \'Ratio vor Emotio\', aber nicht \'Ratio ohne Emotio\'.

    • damasu
    • 08.05.2007 um 18:29 Uhr

    Treffender als mit diesem abgewandelten Karl-Marx-Wort kann man es gar nicht ausdrücken. Damit ist auch schon die Aufgabe des Staates klar umrissen: Er muss den in diesem Kampf gestrauchelten Menschen helfen, wieder auf die Beine zu kommen. In der Beschreibung des Arbeitslebens durch den amerikanischen Soziologen Richard Sennett habe ich mich sofort wiedergefunden. Hätte nicht gedacht, dass ein 'Linker' dazu in der Lage ist.

    Als Utopie empfehle ich der Linken das bedingungslose Grundeinkommen. Auch, wenn es wahrscheinlich eine typisch deutsche Diskussion ist – zumindest für die Industriestaaten und deren Produktions- und Herrschaftsverhältnisse ist sie relevant. Sowohl auf dem Markt als auch im Büro.

  2. Vor 10 Jahren, als graduate student, sass ich in einem Kurs in macroeconomics und es ging um die immer ungleicher werdende Einkommens-Verteilung in den USA. Die Statistiken und Zahlen haben mich schon ueberrascht, und auch einigee Mitstudenten konnten nicht verstehen warum diese extreme Ungleichheit nicht staerker den amerikanischen politischen Diskurs bestimmte. Der Professor, ein Argentinier, sagte daraufhin folgendes: “As a student I used to think that way. But the simple truth is, nobody in the U.S. gives a damn about inequality.” Mittlerweile weiss ich: Besser haette er es nicht ausdruecken koennen. Es ist interessant, dass dieser Aspekt auch mal in einem europaeischen Artikel so erkannt wird.

    Wenn man nun in diesem Zusammenhang vom europaeischen vs. amerikanischem Modell redet, muss man sich diesen Unterschied einfach vor Augen halten. Wenn man (mehrheitsfaehige) linke Politik definiert als Politik die sich an der Mittelklasse orientiert, dann bedeutet dies in Amerika einfach etwas ganz anderes als in Europa. Selbst linke US-Demagogen, die jeden Abend den “war on the middle class” im Fernsehen beklagen, machen sich im grossen und ganzen laecherlich und haben wenig realen Einfluss --- einfach weil die meisten Menschen wissen, dass deren Botschaft nicht stimmt.

    Warum ist das so? Ich denke, dass sich der Begriff “middle class” eben staendig veraendert hat, und sich auch weiterhin staendig veraendert. Die meisten Amerikaner akzeptieren dies, die meisten Europaer tun es (noch) nicht, Ein typischer Arbeitnehmer der amerikanischen Mittelklasse in den 1960er Jahren hatte ein high school diploma, ein Haus in der Vorstadt, und im Ruhestand eine Pension, die ihm das Unternehmen auszahlte dem er ein Leben lang angehoerte. Er war damit dem (nicht unerheblichen) Risiko ausgesetzt, dass sein Arbeitgeber pleite ging und er dann nichts mehr hatte. Ein typischer Arbeitnehmer der amerikanischen Mittelklasse 2007 hat einen college degree, kauft und verkauft oefters Immobilien da er mobil ist, sowie einen 401 (k), IRA, etc. (steuerbeguenstigte Formen privater Altersvorsorge). Damit ist er den typischen Kapitalmarktrisiken ausgesetzt. Wenn dieser Mensch jedoch verantwortungsbewusst handelt und diese neuen Lebensrisiken vernuenftig managt (was mit etwas Anstrengung moeglich ist), sind in seinem Renten-Depot dann nach 30-40 Jahren das 10-20 fache des letzten Jahreseinkommens enthalten; und damit kommt man sehr gut aus. In beiden Faellen sind diese Mittelklasse-Arbeitnehmer jedoch Kapitalisten, und interessieren sich deshalb einfach mehr fuer Unternehmer-freundliche Politik und geringe Steuern als fuer Ungleichheit und Umverteilung.

    In Zukunft wird sich der Begriff “middle class” noch viel staerker wandeln, das Humankapital wird staendig wichtiger, und eine gewisse Grundintelligenz bzgl. Mangement des eigenen Human- und Finanzkapitals wird zur “Kulturtechnik” werden. Hierzu hat der progressive US Think Tank “3rd Way” uebrigens ein ganz interessantes Thesenpapier veroeffentlicht, “The New Rules Economy” (http://third-way.com/data...). Wer denkt, dies sei nur ein amerikanisches Phaenomen, irrt, da durch den Mangel an demographischer Dynamik im Euro-Raum die herkoemmlichen europaeischen Solidaritaets-Modelle zunehmend schwerer zu verwirklichen sind.

    Man mag nun diesen Wandel bedauern oder begruessen, aber verhindern kann man ihn nicht. Bei allem Unfug der US-Politk, bzgl. der Frage wie man diesen gesellschaftlichen Wandel politisch begleiten und gestalten kann, sind die USA progressiver als mancher europaeische Staat. Europaeische Linke sollten sich das mal genauer anschauen. Im allgemeinen sollten sich linke Politiker zum Ziel setzen, so vielen Menschen wie moeglich den Einstieg in die neue Mittelklasse zu ermoeglichen (mit Investitionen in Bildung, Bereitstellung von Studienkrediten, etc.), sowie ihnen Techniken zu vermitteln, in dieser neuen Welt zurechtzukommen (in dem man z.B. 'personal finance' zum Pflichtfach in der Schule macht) . Als Ersatz der ueberholten Kapitalismus-Kritik waere dies keine schlechte Agenda.

    • Anonym
    • 07.05.2007 um 21:58 Uhr

    Erst mal vielen Dank für diesen Artikel. Den SPIEGEL kann man ja nicht mehr lesen, ist nur noch ein Revolverblatt, die ZEIT gibt sich offenbar mehr Mühe.

    Der Verfasser hat recht, dass der Kapitalismus auch ohne jahrelangen theoretischen Streit diskutiert werden kann und muss. Langsam wird scheinbar auch einigen Mächtigen klar, dass Marktradikalismus kein Segen für unser Land bedeutet, sondern sehr viele und immer mehr Nachteile mit sich bringen wird.

    Selektion nach Herkunft statt nach Leistung bzw. Begabung ist nur einer davon. Wenn die Gesellschaft gespalten wird, entsteht Aggression. Ehrgeiz läuft ins Leere mangels Möglichkeiten. Woanders akkumuliert sich Kapital sinnlos.

    Die Einteilung der verschiedenen Ausprägungen des Kapitalismus in Europa ist nicht leicht zu treffen. Das deutsche Modell ist eine Mischform. Besonders schädlich sind die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik, Monopole sind die Folge. Einseitig ausgerichtete Gesetze verarmen viele Bürger, bereichern nur diejenigen, die schon viel haben.

    Allerdings ist es leicht, zu sagen wie ein menschengerechter Kapitalismus aussehen sollte, denn den kannten wir schon.

    Kapitalismus muss gezähmt werden, sonst wächst er zum Raubtier, das alle anderen frisst (durch ZInseszins, Börse, Marktverdrängung, Dumping der Ware Mensch, Verbrechen an Natur, Mensch und Tier)

    Bin gespannt, ob mal auf Albert Einstein gehört wird: Der Mensch ist nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen.

    Mit verängstigten unglücklichen Menschen lässt sich - in einer Demokratie - nur kurzfristig Gewinnmachen, irgendwann ist alles ausgebrannt. Wer lieber eine Diktatur mit gleich geschalteten Medien und Sklavenarbeitern möchte, kann gerne nach China auswandern.

    -

    • Colon
    • 08.05.2007 um 19:32 Uhr

    Warum auch manche Linksliberale, solche die es wirklich sind, wie solche die dafür gehalten werden wollen, sich immer noch an der Verkürzung der Marxistischen Theorie abarbeiten.

    An Stelle einer Kommentierung, würde ich gerne Ihnen, Herr von Randow, einige Fragen zu Ihrer Zusammenfassung stellen:

    1.New York Review of Books lädt nach Oxford ein und „angelsächsische Linksliberale“ diskutieren über die Möglichkeiten und Chancen einer neuen linken Theorie und deren Praxisbezug. Muss das nicht zwangsläufig regional einseitig, dazu noch durch die Sprache vorgegeben, so sein? - Oder haben Sie, Herr von Randow, sich schon einmal der Mühe unterzogen linke Theoretiker aus den europäischen Plejaden zu rezipieren?

    2.Monsieur Sarkozy und Mister Brown, die Demokraten in den USA, leben diese Politiker und ihe Politikvereine aus einem gesellschaftlichen Modell? - Herr Sarkozy schrieb, in einer Phase der unfreiwilligen Beruhigung seiner politischen Laufbahn, sehr persönlich und sehr direkt, es geht ihm um seine „individuelle Chance“, von der er glaubt sie ergriffen zu haben und nun wolle er gerne alle auffordern, sein Beispiel zeige den Erfolg, es ihm nachzutun. - „Wer will, der kann“, so das populäre Motto. Die, die nicht wollen oder können, die sind es letztlich selbst schuld.

    3. Ist es wirklich so, dass (linke) Gesellschaftsmodelle nur nachrangig etwas mit „Analyse und Erkenntnis“ und mehr mit Programm und Politik zu tun haben? - Wer sich mit Marx beschäftigt , der erfährt zumindest eine andere Haltung, begibt sich in eine andere Tradition. - Tatsächlich stellt sich realpolitisch immer die Frage nach der Macht, wie viel davon das angehäufte Kapital bestimmt und was, als Gestaltungsmittel, in der Hand planender, vorausschauender und andere gesellschaftliche Faktoren gleichrangig bedenkender politischer Akteure verbleibt.

    Denn bei der von Marx beeinflussten Analyse des Kapitalismus spielt ja immerhin eine große Rolle, dass Menschen die Gestalter der Geschichte bleiben, sie sich also nicht, wie leider in den letzten Jahren gerne medial interpretiert, den Kapitalismus wie eine Fortsetzung der frei laufenden Evolution mit nicht-biologischen Mitteln zu denken hätten und daher häufiger Gelegenheit finden sollten, nachzufragen, wem eine solche „naturwissenschaftliche“ Anschauung der Gesellschaft letztlich nützlich ist und welche unserer Gattungseigenschaften durch ein solches Denken befördert, welche eher beschädigt werden. - Am Ende steht ein anderer Individualismus. - Was für ein Mensch tritt mit mir ins Reich der Öffentlichkeit, wenn mein Durchsetzungswille und meine Stärke letztlich auf einen gut besetzten Markt mit ebenfalls so ausgerichteten (formierten)Vielen trifft? Was passiert, wenn Individualität zur „Marke“ wird, wenn die Individuen sich auf einem freien Markt bewegen müssen, ihnen in der großen Mehrzahl aber Produkte und Dienstleistungen zugestanden werden, die sie größtenteils gleich machen, während andererseits ihre Individualität, ihr Denken, Fühlen,Sprechen, ihre Kreativität, die Zuwendung zum Nächsten, sich nicht rechnet und sprichwörtlich keinen oder nur geringen Marktwert besitzt.
    Was geschieht, wie wir derzeit in der ganz anderen Diskussion um den so genannten „Islamismus“ beobachten können, wenn ganze Kulturen als ausgsprochene Antinomie und daher unvereinbar mit der Globalisierung gebrandmarkt werden?

    4.Könnte es sein, dass angelsächsische Vertreter der Intellektuellen mit dem Wort „Kapitalismus“ viel weniger Vorurteile verbinden, weil diese spätere marxistische Begrifflichkeit schon lange Bestandteil der nationalökonomischen Schulen war und zudem dieser Teil der Analyse des „Mohren“ aus Trier, selbst bei eingefleischt einseitigen Ökonomen, durchaus Anerkennung genießt?

    5.Eine pragmatische Sichtweise der Herstellung von Stabilität, derzeit sowohl in den USA, als auch bei uns deutlich im Vormarsch, ist die Wiederbelebung des von Marx schon klug und geschickt analysierten Gedankens der bürgerlichen Welt, den Staat als „Policey“ zum Schutz der kumulierten Kapitalien und ihres freien Genusses stärker auszubauen und die familiären Verhältnisse durch staatliche Eingriffe stärker zu regulieren. Die Instrumente dazu sind mittlerweile in westlichen Gesellschaften feiner, wirksamer und zugleich marktkonformer, weil Verhalten mit Kapitaleinsatz einfacher zu steuern ist, als mit physischer Gewalt oder bürokratischer Autorität. - In den tertiären Welten gilt freilich noch immer das Gesetz der Gewalt.

    6.Sie, lieber Herr von Randow, sehen die „Despotie“, mit Marx gesprochen, heute auf den Bürostühlen. - Das ist fast freundlich gedacht und irgendwie nett. - Entspricht es aber der Realität? Tatsächlich hat es seit Menschengedenken nie eine größere „Fabrik“ gegeben, sowohl quantitativ, als auch qualitativ. An der Basis des Produktionsprozesses arbeiten sich heute nicht mehr einige hundert Millionen, sondern Milliarden von Menschen ab. Die Erze müssen geschürft, die Grundstoffe jeglicher Art notwendig hergestellt, Energie in nie gekanntem Ausmaß produziert, Nahrungsmittel und halbfertige Waren, in einem gewaltigen auf sehr wenige Gesellschaften zulaufenden Kettennetz der Produktion erzeugt werden. Am Schluss erfolgt, selbstverständlich mit der geringsten wirtschaftlichen und sozialen Anerkennung versehen, das gigantische Wegwerfen und Aufräumen: Die globale Müllbeseitigung, die sozialen Dienstleistungen für die Gestrandeten, die Kranken, die Alten, die Konfliktkontrollen niedriger und höherer Intensität, ökonomisch sinnvoll, am besten mit Söldnern betrieben, Sicherheit und Überwachung, immer höhere Aufwendungen für die Erschließung der materiellen Ressourcen.

    Bei der Erzeugung von Profiten in den Wertschöpfungsketten und deren Verteilung sind wir also nicht nur vor der eigenen Haustüre zunehmend ungerechter, sondern auch global. -
    Da können selbst Angaben der Weltbank, heute hätten 15% mehr Bewohner dieser Erde ein Einkommen von mehr als einem US-Dollar als in der Vordekade, höchstens verschleiern, was Wasser und Energie, Samen aus Konzernproduktion, Resteverwertung bei Textilien aus der ersten Welt mittlerweile mehr kosten. - Selbstverständlich kann diese Art von Ökonomie nur auf einer breiten Basis von vielfältigen Ungerechtigkeiten große Vorteile abwerfen.

    Geschickten gesellschaftspolitischen Akteuren gelingt es trotzdem immer noch, diese Situation so darstellen, als ginge es letztlich darum, den eigenen, aus „Leistung“ entstandenen Wohlstand gegen das Andrängen der anderen Welt verteidigen zu müssen und den „Vorsprung“ zu halten. Innenpolitisch führt das zu der befremdlichen Ansicht, „Faule“ und „Sozialschmarotzer“ seien die eigentlichen Ursache für die gesellschaftlichen Widersprüche und Verwerfungen, Fremde seien zuerst die schärfsten und billigen Konkurrenten auf dem Weltmarkt.

    7.Richard Sennetts Soziologie setzt fort, was z.B. Denker wie Bloch, Kracauer und Marcuse, in Anlehnung an Marx, über die „Angestellten“ als Typus zu sagen wussten. Ist nicht vielleicht Ihr Tätigkeitsfeld, Herr von Randow, die Presse- und Medienwelt, prototypisch, sozusagen die „Avantgarde“ einer sich beständig prekär empfindenden Heerschar der Angestellten und der Dienstleister in Form des freien Mitarbeiters und des ewigen Praktikanten? - Tatsächlich sind in diesen flachen Hierarchien der Medien fast alle, bis auf die Kapitaleigner, jederzeit austauschbar. Wer dort gesichert leben will, der muss zumindest verlässlicher Partner der Wünsche der Kapitaleigner sein oder selbst Eigentümer, Gesellschafter, Teilhaber werden und er muss vor allem flexibel sein. Flexibilität bedeutet aber zumeist individuelle Einbuße an Differenziertheit und Kultur. - Angewandt auf Ihre Berufswelt, Vermehrung und Kopie bis zur Sättigung, der sehr erfolgreichen „Markenprodukte“ und „Marktführer“.

    Und selbstverständlich entwickelt der oben angezeichnete Angestellte typische, bis zur neurotischen Pathologie ausgestaltete Denk- und Verhaltensmuster, die man nur sehr unzureichend und allenfalls euphemistisch unter dem Stichwort „größerer sozialer Mobilität“ abhandeln kann.

    8.Mag auch ihre Wahrnehmung der Oxforder Zusammenkunft sich vor allem auf die Einschätzung des Kapitals als Produktionsfaktor beziehen. Die eigentliche Tragweite des
    Marxschen Denkens liegt in dem Begriff der „Arbeit“. Die „Pragmatiker“ unter den Gesellschaftswissenschaftlern betrachten Arbeit derzeit fast ausschließlich unter dem Aspekt ihres Anteils an der profitablen Produktion, ohne aber Marx Erweiterungen, die Arbeit als Selbstverwirklichung und ihr Negativum die „Entfremdung“, weiter auszuleuchten. - Der Grund ist einfach. Die Beschäftigung mit diesem Teil offenbart zu viel vom möglichen Reich der Freiheit, das derzeit im wesentlichen ökonomisch unproduktiv ist. D.h. es lässt sich, weil auch theoretisch nicht durchgearbeitet, im real existierenden Kapitalismus nicht ausreichend in Wert setzten. - Also ist auch die Expertise dazu eher schwer verkäuflich.

    9.Timothy Garton Ash zitieren Sie als Beschreiber einer vierten europäischen Kapitalismusform, die auf den Ruinen und aus der Asche des untergegangenen Sozialismus
    aufwuchs. - Hat TGA denn zumindest auf Boris Groys verwiesen, der dies schon vor Jahr und Tag verkündete? Die Protagonisten dieses eher thymotischen Wirtschaftsmodells sind derzeit die großen Lieblinge der internationalen Finanzwelt und der Politik, weil sie sich z.B. gegen Putin stellen und ihren wahrhaft sagenhaften Reichtum willig in die internationalen Finanzströme einspeisen. - Da fällt dann auch schon einmal ein wenig Geld für die angelsächsische Fußballunterhaltungskunst vom Gabentisch.
    Die Oligarchen und ihr neureiches Gefolge verhalten sich damit übrigens nicht viel anders, als die Nabobs vom Golf, ohne deren segensreiche Devisenrückflüsse in die einträglichsten Geschäfte dieser Welt, so manches amerikanische und europäische Wirtschaftslicht erloschen wäre und sie greifen dabei auf Traditionen vorrevolutionärer, eher aristokratischer Verhaltensmuster zurück. Allerdings, wie beim neureichen Reichtum in den westlichen Staaten, ohne ausdifferenzierte eigene Kulturmuster. - Was nutzt aber die ganze Gefühligkeit betrogen worden zu sein und daher mitreden zu wollen, wenn diejenigen die das Kapital besitzen sich die Ressourcen und das Humankapital dort besorgen können, wo ihre Bedingungen akzeptiert werden?

    10.Was ist, angesichts einer solchen Ausgangslage, für eine neue Linke möglich?
    Sie schreiben vom „Möglichkeitsraum“. Der wird aber , mit dem „Marktmechanismus“ als Haupttriebfeder, zumal der Markt sich immer wieder selbst als Zweck verkündet, enger. Neue Konzepte der Mitsprache, Nutzung von Produktivitätsfortschritten für mehr Beteiligung, statt mehr umgesetztes Material und mehr verbrauchte Energie, funktioniert das bei Ihnen in der Redaktion? Haben Sie schon begonnen, die Möglichkeitsräume zu erkunden? - Ich denke, das ist global und lokal gleich schwer, weil ökonomisch definiert, Sparsamkeit, Langsamkeit, viel Palaver und jenes kantische Verhältnis von Mittel und Zweck in der zwischenmenschlichen Moral, keine hohen und vor allem keine sofort zählbaren Gewinne einfährt.
    Der Haupteinwand gegen jegliche System-Kritik lautet heute, wie schon zu Voltaires Zeiten: „Was wollt ihr denn, die Leute sind doch meist glücklich und zufrieden, sie wehren sich nicht übermäßig und wollen nur von Zeit zu Zeit einmal zu nicht- privaten Dingen befragt werden, gar staatstragend sein.“ - Wir leben wahrlich gut eingerichtet in der besten aller Welten.

  3. Wer von Randow\'s Artikel liest und mit den vielfach veroeffentlichten politischen Positionen der Teilnehmer vergleicht, der ahnt, warum es keine (nicht-UK)-Europaer in diesen erlauchten Diskussionszirkel gebracht haben.

    Die europaeische Linke ist im Gegensatz zur angelsaechsischen auch 2007 tief einem Vulgaer-Marxismus verhaftet, der den Blick auf die zentrale Frage der Linken, derjenigen nach der besten Form der Zaehmung des Kapitalismus, verstellt.

    Und das Schlimmste dabei ist: ihre an der Macht befindlichen politischen Protagonisten setzen den marxistischen Kastenstaat 1-1 um, selbstverstaendlich nach ihren eigenen Regeln.

    In einer Politik, die aus dem Lehrbuch des Marxismus stammen koennte, verdoppelte SPD-Finanzminister Steinbrueck etwa gerade die Steuerlast fuer Kleinaktionaere in Deutschland. Die gleichen Kleinaktionaere werden durch ein veraltetes Aktienrecht faktisch ihres Stimmrechts beraubt und koennen deshalb Exzesse z.B. bei Vorstandsgehaeltern oder Korruptionsfaellen nicht sanktionieren, obwohl sie in vielen Unternehmen die Stimmenmehrheit halten. Sanktionieren sollen sie wohl auch nicht, denn nichts liebt der marxistisch geschulte Genosse mehr als die eigene privilegierte Funktionaersposition auf Augenhoehe der Bosse in Aufsichts- und Betriebsrat.

    Dass aus einer derart deformierten und von Kapitalbildung und Entscheidungsprozessen ausgeschlossenen deutschen Gesellschaft von arbeitenden Kleinbuergern keine angelsaechsische Mittelklasse mit liberaleren Ansichten entstehen kann, versteht sich von selbst.

    Und dass die aus einer echten Mittelschicht von kleinen Kapitaleignern stammenden Intellektuellen den Marxismus heute bestenfalls als verstaubtes Apercu der Wirtschaftstheoriegeschichte sehen, und die europaeischen Ideologen schon lange nicht mehr ernstnehmen, ebenso.

  4. Wenn Sie Marx oder etwas über sein theoretisches Werk gelesen hätten würden Sie die Diskussion nicht als Gewäsch bezeichnen.

    Gerade in der Analyse des Kapitals (nicht 'Geld' das nur zum Warentausch benutzt wird, sondern Kapital, das angehäuft werden kann) liegt Marxens Stärke. Welchen Einfluss sein Werk heute haben soll, muss diskutiert werden.

    Aber dazu muss man manchmal die Klassische/ Liberale Sicht der Dinge verlassen, sonst zwingt man sich in ein (zu) enges Weltbild und bezeichnet alles außerhalb davon als 'Gewäsch'.

  5. Linkssein nur im Kopf wird immer wieder vor die Wand führen.
    Ein Rechter hat mir sinngemäß letztens geschrieben, die Linken haben keinen Zugang zum Mythos (Herz, Bauch). Und da ist schwerstens was dran.
    Nur erdenken lässt sich die gerechtere, freiere Alternative nicht.
    Sie muss auch erfühlt werden oder erfühlbar werden. Da steckt die umwälzende Energie drin.
    Abgesehen davon, daß die alten Schemata nicht mehr vollständig funktionieren und sich ebenfalls verändern werden.
    Mit Gefühlen meine ich nicht den Plastik-Emotions-Kram, den man bisher so kennt, um eine Klientel anzusprechen oder zu mobilisieren, sondern denken kombiniert mit dem von Linken oft geschmähten nicht direkt logischen Bereichen des Seins.

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