Zeit für Systemvergleiche. Abstrakt: In welcher Art Gesellschaft wollen wir leben (und gibt es überhaupt Alternativen)? Konkret: Wohin wird sich die Wirtschafts- und Sozialpolitik in Sarkozys Paris und in Browns London wenden, wie bestimmen die Democrats ihre Richtung für den Kampf um Washington, was kommt nach der Großen Koalition in Berlin? Eine gesellschaftspolitische Diskussion springt wieder an, die über Landesgrenzen hinausreicht und aller Voraussicht nach nicht folgenlos bleiben wird.

Sie dreht sich um „Modelle des Kapitalismus“, und das ist schon deswegen interessant, weil Modelldiskussionen ein politisches Element innewohnt. Als in den späten Jahrzehnten des „realen Sozialismus“ die Rede von Modellen aufkam, da ging es nur nachrangig um Analyse und Erkenntnis, vielmehr um Politik und Programme; so auch diesmal. Der Vergleich mit dem sozialistischen Lager von ehedem mag hinken, aber immerhin regt er zu der Frage an, ob sich die gegenwärtige Kapitalismusdiskussion nicht auch um internationale Beziehungen und Machtverhältnisse drehe - klare Antwort: ja.

Zumindest scheint das die Linke diesseits und jenseits des Atlantiks so zu sehen. Zu ihren einigenden Erzählungen gehört diejenige vom amerikanischen Kapitalismus, der sein Gesellschaftsmodell weltweit verbreiten wolle. Amartya Sen, der indische Nobelpreisträger für Ökonomie, spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kolonisierung des Geistes“, die weitaus problematischere Folgen habe als der Neokolonialismus. Er verweist beispielsweise auf die chinesische Agrarpolitik, die der amerikanischen Marktideologie folge, sich gleichgültig gegen die extremen Ungleichheiten auf dem Lande verhalte und die staatliche Gesundheitsvorsorge zerschlagen habe - mit der Folge sinkender Lebenserwartung.

Selbst dort also, wo der amerikanische Kapitalismus keinen direkten Zugriff hat, trägt er Schuld am Elend, so lässt sich dieses Argument lesen.

Vorgetragen wurde es auf einer Konferenz, die am vergangenen Wochenende unter dem Titel „Das neue Gesicht des amerikanischen Kapitalismus und sein Einfluss auf die Welt“ stattfand . Die New York Review of Books hatte eine All-Star-Besetzung ihrer Autoren ins britische Oxford geladen. Auf den abgewetzten Bänken der Union Hall, einem historischen Ort, nahmen daraufhin Richard Sennett, Timothy Garton Ash, Tony Judt, Paul Krugman und andere Akteure des heutigen Linksliberalismus Platz. Zwei Tage lang diskutierten sie über die gedanklichen und strategischen Grundlagen einer sich womöglich neu formierenden Reformlinken.

Die Review als Zentralorgan, Oxford als Versammlungsplatz, das sind beides wohlvertraute Orte in der Geografie der Linken, aber es fällt schon auf, dass ihr neuerlicher Anlauf, eine Konzeption zu finden, zunächst einmal ein angelsächsischer ist. Vielleicht, weil die amerikanische und die britische Gesellschaft so verfasst sind, dass die Stressfaktoren des Kapitalismus in ihnen fühlbarer wirken als im westlichen Kontinentaleuropa? Oder weil die intellektuelle Kraft der italienischen, französischen und deutschen Linken zurzeit nicht zu spüren ist?