Wie groß das Vertrauen des Handels in den Kunstmarkt auch im dritten Jahr des anhaltenden Booms noch ist, zeigen inzwischen nicht allein die Schätzpreise. Dass mittlerweile selbst Bilder mit zweistelligen Millionenpreisen aufgerufen werden, die noch vor wenigen Jahren deutlich geringer bewertet wurden, gilt als normal, seit im Mai 2004 ein Jungenporträt von Picasso die 100-Millionen-Dollar-Grenze überschritten hat. Inzwischen ist man sich bei Sotheby’s und Christie’s so sicher, dass die Werke auch tatsächlich verkauft werden, dass man den Einlieferern zusätzlich hohe Garantiesummen anbietet. Sotheby’s muss diese Beträge, die der Verkäufer auch dann erhält, wenn sein Bild nicht verkauft wird, als börsennotiertes Unternehmen öffentlich machen: Fast 300 Millionen Dollar sind es diesmal, wenn in dieser und in der kommenden Woche in New York wieder die großen Frühjahrsauktionen mit Kunst von Klassischer Moderne bis Gegenwart stattfinden. Christie’s ist als Privatunternehmen nicht zur Offenlegung verpflichtet, bestätigt aber inoffiziell die annähernd gleiche Höhe. Das Geschäft mit den Garantien birgt ein hohes Risiko: Hebt im Auktionssaal für ein mit Garantie versehenes Werk niemand die Hand, geht es in den Besitz des Auktionshauses über, das dann anschließend versuchen muss, das Bild über Privatverkäufe wieder loszuwerden – in der Regel zu Preisen, die deutlich unter der dafür gezahlten Garantiesumme liegen. Mark Rothkos »White Center« (Öl auf Leinwand) muss bei Sotheby’s eine hohe achtstellige Dollarsumme einbringen, das wurde dem Einlieferer garantiert. Für sparsame Millionäre hat Sotheby’s einen günstigeren Rothko im Angebot – eine Papierarbeit BILD

Den Stars in diesem Frühjahr wird dieses Schicksal nicht widerfahren. Sotheby’s bot am Dienstag bereits ein kleines Harlekin-Porträt aus Picassos blauer Periode an, das sich lange in deutschem Privatbesitz befand. Anders als bei jenem Bildnis seines Freundes Angel Fernández de Soto, das im November bei Christie’s unmittelbar vor der Auktion wegen bislang nicht belegter Restitutionsforderungen zurückgezogen werden musste, war man sich diesmal der Herkunft sicher. Schon im September 1932 hatte es der Düsseldorfer Kunsthändler Alex Vömel zu einer Picasso-Ausstellung im Kunsthaus Zürich ausgeliehen. Im Besitz seiner Familie befand sich das bis auf 18 Millionen Dollar geschätzte Kleinformat noch 1956. Aus dem Besitz des Mailänder Kunst- und Teppichhändlers Giuseppe Eskenazi stammte das auf das gleiche Niveau taxierte Cézanne-Aquarell Stillleben mit grüner Melone, das als wichtigste noch in Privatbesitz befindliche Papierarbeit des Postimpressionisten gilt.

Die wichtigsten Werke der vom kommenden Dienstag an versteigerten Nachkriegs- und Gegenwartskunst feiern die Auktionshäuser mit aufwendigen Einzelkatalogen. Mark Rothkos gelb-violette Leinwand White Center etwa, die der New Yorker Philanthrop David Rockefeller vor einem halben Jahrhundert für 10000 Dollar erwarb und für die ihm Sotheby’s nun mindestens 46 Millionen und einen Teil des vom Käufer zu zahlenden Aufschlags versprochen haben soll. Francis Bacons erstes Papstbild Study From Innocent X (1962) soll mit mindestens 30 Millionen den bisherigen Rekordpreis für eines seiner Werke brechen, Jackson Pollocks farbiges Drip-Painting Number 16, 1949 bis zu 25 Millionen Dollar einspielen. Christie’s hält dagegen mit Andy Warhols 1963 entstandenem Green Car Crash aus angeblich europäischem Privatbesitz (25 bis 35 Millionen), einem seiner epochalen Marylin -Porträts und mit Willem de Koonings expressivem Spätwerk Untitled I von 1981.

Bemerkenswert ist: Der Abstand zwischen Erwerb und Wiederverkauf einer Arbeit wird zunehmend kürzer, beträgt manchmal nur noch ein Jahr, und man scheut dabei nicht die Öffentlichkeit einer Auktion. Verständlich ist dieses Sammlerverhalten bei den augenblicklich zu erzielenden Preisen. Es könnte allerdings den langsamen Abschwung auf dem Kunstmarkt ankündigen.