In einer Ecke der Bamberger Dombauhütte liegt, von Klöpfeln und Zahneisen rhythmisch umhämmert, still eine weißlich-transparente Gestalt unter einer Decke aus Noppenfolie. Das ist Eva, Adams Gefährtin von der linken Dompforte, vielmehr ihre Gussform aus Plastik. Aus ihr soll, auf Millimeterbruchteile identisch, die Kopie des romanischen Originals entstehen. Ihre Kollegen aus gehärteter Sandsteinmasse – nebst Adam die Statuen der Bistumsgründer Heinrich und Kunigunde, des Petrus und des lächelnden Märtyrers Stephanus – haben es schon geschafft zurück auf die Sockel der Adamspforte. Eva mit den Apfelbrüstchen und dem riesigen Feigenblatt fehlt noch, weil es für ihre Kunststeinkopie bis dato an 35000 Euro Sponsorengeldern mangelt. Eigentlich nicht viel, um im Jahr des tausendjährigen Bistumsjubiläums den Figurenschmuck zu komplettieren. Die Originalskulpturen aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts stehen, vor Verwitterung geschützt, im Kreuzgang, der Teil des Diözesanmuseums ist. Das Museum wiederum ist heuer Schauplatz der großen Ausstellung Unterm Sternenmantel, die ein Jahrtausend glorioser, spannungsreicher, mitunter auch fürchterlicher Bistumsgeschichte mit einer Fülle fantastischer, unschätzbar wertvoller Objekte darbietet. Die ehemalige Fischersiedlung am Ufer der Regnitz nennt sich Klein Venedig BILD

Nein, die beiden Kaiserkronen aus der Münchner Schatzkammer sind nicht dabei – die Hauptstadt hat sich auch zu ihrer zeitweiligen Überlassung an den Ursprungsort Bamberg nicht durchringen können. Nach der Säkularisation 1803 nämlich waren große Teile des Bamberger Domschatzes ins wittelsbachische München gewandert. Doch andere singuläre Leihgaben kommen von dort: die edelsteingeschmückte Frauenkrone, ein wundervolles Elfenbeinrelief aus dem 11. Jahrhundert, das Kästchen der Kunigunde von anno 1000, frühe illuminierte Handschriften wie das Evangeliar Ottos III., dies allein mit 90 Millionen Euro versichert. Die mittelalterlichen Handschriften schon lohnen den Weg nach Bamberg: Aus konservatorischen Gründen dürfen sie nur alle zwanzig Jahre öffentlich präsentiert werden. Und der Magie der tausendjährigen, reich bestickten Stoffmäntel kann man sich nicht entziehen – Heinrichs geheimnisvoll goldglänzender Sternenmantel, Kunigundes bilderreicher Seidenumhang, das Gunthertuch mit seiner archaischen Ornamentik: In den Vitrinen sind sie aufgespannt wie gigantische, farbenprächtige Schmetterlingsflügel. Ein Lieblingsobjekt des Publikums werden vermutlich die blässlichen Stiefelchen aus der Zeit vor 1050 sein, Pontifikalstrümpfe genannt, die bis 1942, phänomenal erhalten, im modrigen Papstgrab von Clemens II. ruhten. Gebrauchsspuren zeigen, dass sie jener Papst vor einem Millennium auch an den eigenen Füßen trug.

Am frühen Morgen präsentiert sich die weitläufige, holperige Schräge des Domplatzes noch verkehrsverschont und menschenleer, das Viergestirn der Türme steht im Schatten. Im Tympanon am Fürstenportal des Doms feixen bubenhaft schadenfroh die Seligen beim Jüngsten Gericht, den Verdammten bleibt nur ein verzerrtes Zähnefletschen. Der kringellockige »Lach-Engel« im Dominneren steht gleich um die Ecke vom weltbekannten Reiter, der Gott sei Dank heute auch wieder der Welt gehört, nachdem ihn die Nazi-Ideologie als Inbegriff des urgermanischen Recken und markigen Ostlandfahrers für ein hanebüchenes Deutschtum vereinnahmt hatte. Jedes Mal wieder wundert man sich über seine Zartheit, seine unstraffe Haltung und coole Lässigkeit. Dieses elegante staufische Bildwerk aus der Schule von Reims umzudeuten in einen völkischen Heros des Ariertums, einen »Sieggedanken aus Blut und Glauben« bedurfte schon gewaltiger Verzerrungsbemühung. Dem sogenannten Bamberger Dichterkreis, einer sinistren Runde hitlertreuer Skribenten, war der Reiter »das Testament unserer Rasse – Volk, Reich und Führer wurden in seiner Gestalt geschaut«. Auch solche Töne gehören zur tausendjährigen Geschichte des Bistums.

Dombauhüttenleiter Ulrich Först, der mit einer riesigen Taschenlampe in die ältesten Kryptabereiche leuchtet – unterm Westchor sind noch brüchige Mauerreste des allerersten Heinrichsdoms zu erspähen –, hat sehr gegenwärtig Konservatorisches zu bedenken. Er ist stolz, dass es der Bauhütte gelungen ist, zum Bistumsjubiläum alle Gerüste im Kirchenschiff abzubauen. Sein »nächstes Sorgenkind« zeigt er hoch oben im Nordostturm, wo der Wind um die Kaiserglocken aus dem 12. und 14. Jahrhundert pfeift und nur ein paar aufgespannte Netze den Sog der Tiefe abhalten. Ein massiver Sandsteinbrocken ist aus einem der Maßwerkfenster auf die Plattform gefallen – unablässig muss die Steinmetzwerkstatt flicken und ergänzen, abstützen, erneuern und einpassen. Dombaumeister Först, ein handfester Praktiker, kann aber auch ins Schwärmen geraten über seinen sehr speziellen Betreuungsgegenstand: Dass sich seine mittelalterlichen Vorläufer auch noch in dem Publikum unzugänglichen Höhen größte Mühe mit den Details von Fensterschmuck, von Fialen und Kreuzblumen gaben, erfüllt ihn mit Bewunderung. Die Domkühe des Südwestturms zum Beispiel kann man von unten gerade mal mit dem Fernglas ausmachen. Diese realistischen Tiergestalten aus der Erbauungszeit sollten die unendlichen Mühen der vielen Last- und Arbeitstiere ehren, denen wir neben menschlicher Fronarbeit unsere stolzen Dome danken.

Es gibt in Bamberg viele atemberaubende Ausblicke. Der von den Domtürmen zeigt aus steiler Nähe die meist versperrten intimen Gärten der verschachtelten Kurien- oder Kanonikerhöfe, eine stille, zeitverlorene Welt für sich. Das ganze Hinterland des Dombergs um Jakobsplatz, Materngasse, Sutte und Knöcklein, den grünen Domgrund, den Hinteren und Vorderen Bach stellt ein überaus atmosphärereiches Flanierrevier dar. Rund um die Anhöhe des Kaiserdoms verschachteln sich Barock-, Renaissance- und Fachwerkgiebel im verwinkelten Auf und Ab, dazwischen abgetretene Treppen, Hausmadonnen und Eisenlaternen und immer wieder die Terrassenmauern versteckter Gärten, »von denen der Holunder stürzt«, wie der Feuilletonist Victor Aubertin schrieb.

Keine andere altdeutsche Stadt ist so von Gärten und Grün durchsetzt wie Bamberg: bäuerliche Hausgärtlein mit Staketenzäunen, verborgene Parks hinter Sandsteinmauern und Rokokoportalen, Kreuzgänge wie jenes blühende Geviert des Karmelitenklosters, einer der friedvollsten Bamberger Rückzugsorte.

Die Gassen, Stiegen und Plätzchen zwischen Oberer Pfarre und Stephansberg liegen, obwohl nicht weit vom Dom, etwas abseits der Touristenstrecke und tragen klingende Namen wie Eisgrube, Hölle oder Seelgrund. Sie gewähren einen ständigen Perspektivenwechsel auf den himmelstürmenden gotischen Parlerchor der imposanten Bürgerkirche Zu Unserer Lieben Frau – darunter krumme und verschattete Sträßchen, in denen das Klein-Klein der Häuschen mit stattlichen Stuckpalais wechselt. Automobile haben hier wirklich nichts verloren. Bamberg ist, vor allem in seinen Hügelbereichen, pure Fußgängerstadt, und einzig per pedes auf dem Buckelpflaster lässt sich ihre Vielgestalt erfassen.

In der gotischen, barock überformten Bürgerstadt direkt zu Füßen des bischöflichen Bezirks von Domberg und Residenz ballt sich rund um Sand- oder Karolinenstraße dann das Leben – das der Sightseer, aber ebenso das der eingesessenen Bamberger. Vor dem Hofbräu am Alten Rathaus treffen sich die einheimischen Antiquitätenhändler auf ein Seidla – eine Halbe Bier – oder einen Saibling und beratschlagen, wie man nicht nur betuchte Bayreuther Festspielgäste, sondern auch die geldigen Russen aus Karlsbad in die Antiquitätenläden voll hochklassiger und hochpreisiger Altertümer locken könnte. Ins Hofbräu gehen die Hiesigen, aber auch das berühmte Schlenkerla mit seinem von Glas zu Glas süffigeren Rauchbier haben die Stammtische keineswegs an die Touristen abgegeben. Man trifft sich bei der deftig fränkischen Küche des Kachelofens, in der alteingesessenen Bäckerei Seel oder in der sehr patinierten Weinstube Pizzini an der Sandgasse, einem Hort der »Gscheiderles«, Künstler, Uni-Leute, Bamberger Philharmoniker. Mittenmang zwischen den Fremdengruppen hat man sich seine einheimischen Inseln zu bewahren gewusst: das vorzügliche Tortencafé Am Dom und die Weinkneipe Fischerei an der Regnitz oder das Bäckereicafé Beckstein in der Langen Straße, wo man sich grundsätzlich mit »Adee« verabschiedet und den Tischnachbarn lange Geschichten erzählt, dass der Dackel von der Frau Beckstein immä a Wöschdla griecht, weswegen er schon am Goblmoo an der Leine zerrt.

Dieser Gabelmann, ein Neptunbrunnen, ist Zentrum des Grünen Marktes und der Inselstadt jenseits des ziemlich wild rauschenden und gurgelnden linken Regnitzarms, ein paar Schritte sind es vom viel fotografierten Alten Rathaus, und auch vom Domberg herunter ist es nur ein Katzensprung. Palais und Kirchenfassaden in regelmäßigem Sandsteinbarock prägen diese von jeher umtriebige Markt- und Geschäftsgegend: Der große Baulöwe und Barockisierer, Fürstbischof Lothar von Schönborn, gönnte sich nicht nur selbst die grandiose neue Dientzenhofer-Residenz in seiner Geistlichkeitsdomäne, sondern animierte auch seine Bürger mittels Steuererlassen und Subventionen zu Neubauten im damals topmodernen Stil.