Klassiker der Moderne (61) Gegen den Wind
Während andere Sängerinnen vibrierten und zwitscherten, brachte Nico alias Christa Päffgen Ende der Sechziger eine hypnotische Schwere in den Rock'n'Roll.
BILDDein Schatten hat Angst vor dir, titelte der großartige Musikjournalist Lester Bangs seinen Artikel über die deutsche Sängerin Nico und nannte ihn einen »Versuch, vor Nico keinen Horror zu kriegen«. Unberührt blieb keiner von dieser Stimme. Entweder lief man davon oder erstarrte zu Eis, für immer gebannt von einem Spiegelbild, das man eigentlich nicht sehen will. »I’ll be your mirror / reflect what you are«, schrieb Lou Reed, Kopf der Velvet Underground, für eine Sängerin, die ihr Mentor Andy Warhol 1967 der Band vorgesetzt hatte. Als Fotomodell war die 1938 in Köln geborene Christa Päffgen nach New York gekommen, mit einer Filmempfehlung von Federico Fellini, mit einem Sohn von Alain Delon, einem Song von Bob Dylan und mit einer Langsamkeit, die jeden in ihre eigene Zeit und ihren eigenen Raum zog.
Damals vibrierten die Gesänge der Girl Groups, es verlockten die Songs der Folksängerinnen oder zwitscherten die Kleinmädchen mit dem Rock-’n’-Roll-Feeling, aber keiner kannte diese hypnotische Schwere, die mit eisernem deutschem Akzent jeden Wunsch nach einer Zukunft auslöschte. (Nebenbei: keine Björk, keine Patti Smith, weder P. J. Harvey noch Cat Power, kein Dark Wave und Gothic ohne Nico.) Das Model wurde zur Sängerin und Komponistin. Ihre Liebhaber wie Jim Morrison, Jackson Browne oder Leonard Cohen (der ihr ein pedalbetriebenes Harmonium zur Begleitung der Einsamkeit empfahl) nahm sie als Inspiration, der lebenslange Verehrer John Cale produzierte ihre Solo-Alben, umgarnte ihren melismatischen Gesang und den Cantus firmus ihrer Orgel mit Viola, Gitarren und hämmerndem Klavier. Marble Index (1968) wurde zum Meilenstein der »ernsten« Avantgarde des 20. Jahrhunderts, voller Klang- und Tonscherben, das Covergesicht mit den aufgesprungenen Lippen und den schwarzgeränderten Augen zum Symbol genussvoller Verdammnis (Woodworth: »The marble index of a mind forever voyaging through strange seas of thought, alone«.) 1970 folgte Desertshore, mit Liedern aus Filmen des französischen Geliebten Philippe Garrel, nicht weniger schwermütig und doch leichter zu hören, samt deutschen Texten zu Mütterlein und Abschied. »Sie hatte eine Sehnsucht und wusste nicht, wonach«, sang sie auf ihrem letzten Album Camera Obscura, 1988 starb sie auf Ibiza.
Die Mischung aus Kinderlied, mittelalterlichem Kirchengesang und grabestiefen Hymnen wirkt unverändert dringlich, es ist die »German Angst«, die den kommenden Ton vorgab, von den Einstürzenden Neubauten bis Rammstein. Dass Nico später die erste Strophe der deutschen Nationalhymne mit Widmungen für Andreas Baader verband, bewies ebenso viel Naivität wie provokante Gleichgültigkeit. Nach vierzig Jahren klingt die Einheit aus Schönheit und Verzweiflung ungebrochen, ihre Männerstimme verströmt mehr Kraft und Widerstand, als die Erinnerung vermuten ließ, ihre wispernde Mädchenstimme ist ohnehin für die Engel.
Nico: The Frozen Borderline 1968–1970, Elektra/Rhino 8122 74885
- Datum 14.05.2007 - 04:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
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