Kunst Der Schleiertänzer

Kaum ein Maler ist so erfolgreich wie Daniel Richter. Jetzt zeigt sich in der Hamburger Kunsthalle, ob er zu Recht gefeiert wird.

Jedes Bild war für Daniel Richter ein großer, leerer Teller, und auf diesen Teller packte er die schönsten Brocken vom Buffet der abstrakten Malerei. Er nahm sich von den Kringeln, den Schlieren, den Rauten, gab feine Sprenkel dazu, dicke Wülste, schwere Kleckse, es war ein einziges Form- und Farbverschlingen. Nie konnte Richter genug bekommen, er ließ sich treiben von seiner Lust an der Überfülle. Und natürlich vom Horror Vacui, einer Angst vor der Leere.

Wie groß diese Angst war, wurde so richtig erst vor ein paar Jahren deutlich, als Richter das Buffet Buffet sein ließ und einen Hunger auf Figuren, Raum und Landschaft verspürte. Als er anfing, mit grellbunten Bildern von den stockfinsteren Seiten des Menschen zu erzählen. Auch auf diesen Bildern kann er nicht genug bekommen, er überzieht seine Leinwände mit Ölbatzen, Schlieren, Blasen, so als würde sich die Farbe gegen jede Art von Gehorsam sträuben. Was aber früher ein lukullisches Spiel war, ein Herumtändeln mit den Möglichkeiten der Malerei, das kündet heute von Dramatik, von Schwermut, den Widrigkeiten der Welt.

Daniel Richter ist sich treu geblieben und hat sich doch verwandelt. Das allein reicht schon, um ihn zu einem der gefragtesten Künstler der Gegenwart zu machen. Er ist gerade mal Mitte 40, viele seine Bilder aber werden für sechsstellige Summen gehandelt, eine C4-Professur hat er auch schon bekommen, und nun ehrt ihn die Hamburger Kunsthalle mit einer Retrospektive. Gleich zwei Stockwerke hat man ihm dort frei geräumt, auf dass nun alle sehen und prüfen können, was den unerhörten Erfolg dieses Malers eigentlich ausmacht.

Bislang war es vor allem die Richter-Saga, die der Kunst ihren Wert zu geben schien. Wer seine Bilder kaufte, kaufte die Geschichte eines Außenseiters, der zum Künstlerheld aufsteigt, die Geschichte des rebellischen Punks, der die Schule abbricht, vom Dorf in die Stadt zieht, ins große Hamburg, sich ins Getümmel um die Hafenstraße wirft und erst mit Ende 20 anfängt, die Malerei für sich zu entdecken und nur gnadenhalber an der Hamburger Kunsthochschule zugelassen wird.

Viele Sammler lieben solche Karrieren, sie lieben Authentizität. Und nichts scheint authentischer als ein Kerl wie Richter mit seiner politisch-bewegten Vergangenheit und der schäumend-ästhetischen Gegenwart. Er redet gewitzt und unverbogen, er verkörpert den Unkorrumpierbaren, der allein seinen Instinkten folgt – und nach so einem sehnen sich natürlich alle, die Modemagazine ebenso wie die Sammler in ihrem Verlangen nach einem wahren, wilden Leben.

Mit diesem Idealbild haben die Realbilder allerdings nicht viel zu tun. Zwar geht es dort tatsächlich oft um ein Ringen, um Kampf, Feuer, derbe Schlachten, doch das vermeintlich Rebellische erweist sich eher als Rückzug. Richters Kunst hat keine Kanten und Konturen, sie brüllt keine Parolen, plant keinen Umsturz. Sie weicht aus ins Unscharfe, sie tarnt sich, auch wenn ihr Tarnfleck nicht Nato-oliv ist, sondern Batikfarben-bunt.

Viele Richter-Bilder glühen, die Figuren wabern in Neonrot oder Neongrün, als seien sie nur aus Gas und könnten schon im nächsten Moment verpuffen. Zuvor allerdings sollen sie noch Großes verrichten: Sie rotten sich zusammen, mal zur Kampftruppe, mal zur Leidensgemeinschaft, mal zum Chor, der den Helden am Bühnenrand umfängt. Richter liebt die Massen, oft reiht er Leib an Leib, Kopf an Kopf, oft stellt er sie auf öde Plätze, in schwarze Wälder. Richter will Öffentliches zeigen, eine Gesellschaft, in der nicht allein das Individuum interessiert, sondern gemeinschaftliches Handeln sichtbar wird.

Doch wofür seine Gestalten eigentlich eintreten, wozu ihr Getümmel gut ist, bleibt meist unbestimmt. Je greller die Figuren flackern, je dramatischer sie auftreten, desto verlorener scheinen sie zu sein – als gebe es kein Hinaus aus Richters Nacht der Vergeblichkeit.

Auf mehreren Bildern lässt er seine Farbwesen in eine dunkle Tiefe stürzen, was wunderbar und wunderlich zugleich ist. Denn wie kann jemand stürzen, der nur noch ein letztes Flackern seiner selbst ist? In Hamburg gibt es viele solcher Bilder, in der sich die Auflösung auflöst und Richter das ohnehin Fieberhafte noch kräftig aufheizt.

Manche halten das für eine zeitgenössische Form von Historienmalerei – wo so viel Pathos ist, muss auch viel Geschichte sein. Doch wenn Richter überhaupt etwas heroisiert, dann höchstens das Scheitern. Und selbst das löst sich auf im Farbnebel des Ungefähren. Fast alle Bilder sind dräuende Rätsel, schon die Bildtitel üben sich meist in launigen Verdrehungen, aus Norden zum Beispiel wird Nerdon. Worum es in den Bildern geht, bleibt oft unklar. Auch der Katalog ist nur wenig hilfreich, er überlässt es allein dem Betrachter, sich auszumalen, was ein weißer Gorilla im Rollstuhl mit einem langnasigen schwarzen Maskenmann zu tun haben könnte. Darin liegt eine Freiheit: Jeder Betrachter ist sein eigener Regisseur und schiebt die kauzigen Gestalten frei über die Bildbühne seiner Imagination. Aber spätestens im zweiten Saal der Ausstellung erlahmt die spekulative Fantasie. Zu oft malt Richter ähnliche Szenerien, zu traumverloren bleiben die Figuren. Am Ende wirkt seine Kunst wie ein psychedelisch aufgepeppter Impressionismus, eine Stimmungsmalerei, die vor allem Melancholie, Inferno, Depression heraufbeschwört.

Es sind grandiose Schleiertänze, das Auge darf sich berauschen an ekstatischen Züngelfarben, sich laben an kunsthistorischen Verweisen. Doch mitunter wirkt diese Malerei auch nur wie ein großes Ausweichmanöver. Richter zeigt nichts als Schemen, lauter Rückenfiguren und Masken, und wenn er es doch einmal wagt, ein Gesicht zu malen, dann sieht es meist comichaft überzeichnet aus oder hölzern erstarrt.

Unübersehbar ist Richter noch von den künstlerischen Ideologiekämpfen des 20. Jahrhunderts gezeichnet. In vielen Bildern ringt er mit einer Maltradition, die das Malen für überflüssig hielt und jede Art von erzählerischer Kunst als altväterlich verdammte. Zwar befreit er sich von vielen dieser Denk- und Kunstverbote, immer wieder aber beschleichen ihn Zweifel, und es wirkt, als müsse er sich rechtfertigen. Warum ich kein Konservativer bin heißt eines seiner Bilder.

Da ist es natürlich bequemer, die Kunst ins Ungefähre zu entrücken, dort wird sie unangreifbar. Und auch mit der malerischen Detailarbeit muss man sich nicht so plagen, wenn alles im Farbdunst aufgeht. Richter liebt verdrehte Körper, aufbegehrende Menschen. Viele aber sind seltsam hüftsteif, andere sehen aus wie labberige Gummiwesen mit verzogenen Schultern und Füßen – so als verlangte Richter von seinen Figuren mehr, als er ihnen mit seinen malerischen Fähigkeiten geben kann.

Das ist das Sympathische an Richter: Er scheut sich nicht vor dem Scheitern. Seine besten Bilder aber sind oft jene, in denen er sich begrenzt, sich konzentriert auf eine Figur, auf seine Aufklärung zum Beispiel. Sie tastet sich vor in ein undurchdringliches Schwarz, fast scheint sie darin zu verschwinden. Doch wer weiß: Vielleicht knickst sie auch nur vor einem unsichtbaren Publikum, vielleicht geht gleich das große Saallicht an, und das Ungeklärte klärt sich. Zuzutrauen wäre es Richter.

Bis zum 8. August; der Katalog kostet 28,– Euro

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 15.05.2007 um 10:33 Uhr

    Lieber Herr Rauterberg,

    "Am Ende wirkt seine Kunst wie ein psychedelisch aufgepeppter Impressionismus, eine Stimmungsmalerei, die vor allem Melancholie, Inferno, Depression heraufbeschwört." - Sicher meinten Sie Expressionismus.
    Denn impressionistische Malerei orientierte sich, seit ihrer kollektiven Erfindung, nicht an
    Stimmungen und Gefühlseindrücken, sondern an Lichtwirkungen,Farbeindrücken und Farbwirkungen. Zusätzlich versuchen die Maler dieser Richtung sehr häufig, Bewegungsphänomene im Bild sprichwörtlich festzuhalten. Hingegen ist es immer Absicht expressiver Malerei, eine Stimmung, ein Gefühl, eine Haltung, malerisch abzubilden. Expressionismus ist, seit seiner
    gemeinschaftlichen Entstehung, Stimmungsmalerei.

    Grüße

  1. Scheinen aber auch nicht zum Präzisionsbesteck greifen zu wollen, Monsieur Rautenberg. Was ist denn nun? Ihr Artikel klingt eher wie gütige Nachsicht statt ästhetisches Urteil. Gilt dann die Nachsicht dem Künstler, oder dem Hype, dem sie nun auch einige Berechtigung nachschieben? Lob oder Tadel der Kunst sollte sich nun doch entschiedener lesen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
  • Kommentare 2
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Kunst | Malerei | Renaissance | Florenz
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service