Protest

Rebellen für gewisse Stunden

Junge Leute überfielen den Bundestag – um die Demokratie zu retten. Wer sind sie?

Man könnte Johannes im Trubel von Berlin-Mitte leicht übersehen, so unscheinbar wirkt er in seinem grauen Kapuzenpulli. Bemerkenswert ist der schmale 22-Jährige erst aus der Nähe. Ernst und eine gewisse Gewitztheit sprechen aus seinem Gesicht, und in diesen Wochen auch ein leichtes Misstrauen, jedenfalls wenn der Physikstudent über die Aktion »Geld oder Leben« spricht. Immerhin droht ihm ein Strafverfahren, deshalb nennt er auch lieber nur seinen Vornamen.

Wie alles anfing? Schon als Schüler, sagt Johannes, habe er sich für den Erhalt der Regenwälder engagiert. Auf Reisen nach dem Abitur, nach Indien und Afrika, sei ihm endgültig klar geworden, »wie sehr unser Wirtschaftssystem für die Ausbeutung dieser Länder und für den Klimawandel verantwortlich ist«. Je mehr er sich seither mit Politik beschäftigt habe, desto stärker sei der Drang gewachsen, etwas tun zu wollen, »ja tun zu müssen«. Denn: »Die Probleme sind so gravierend, dass Vehemenz notwendig ist.« Am vorletzten Freitag wurde Johannes also »vehement«. Und sprang von der Besuchertribüne des Reichstags mitten in dessen Plenarsaal, in dem gerade der Ausbau der Kinderbetreuung verhandelt wurde.

Ein Leben im Zeichen des »totalen Überkonsums«

Johannes sprang nicht allein. Abends konnte man die ganze Aktion in den Nachrichten sehen: Wie Demonstranten auf der Balustrade ein Transparent entrollten mit der Aufschrift »Die Wünsche der Wirtschaft sind unantastbar«. Wie sich außen weitere Protestierer vom Dach des Reichstages abseilten, um den Schriftzug »Dem deutschen Volke« mit einem anderen zu verhüllen: »Der deutschen Wirtschaft«. Wie eine dritte Gruppe am Eingang Parolen vor der Brust umhertrugen wie »Du machst keinen Sinn, nur Geld«. Eine derart penibel vorbereitete Aktion zivilen Ungehorsams gab es seit den Schornsteinbesteigungen von Greenpeace selten. Und das mitten im streng bewachten Bundestag.

Schnell war dessen Polizei zur Stelle und der Spuk vorbei. Die Ermittlungen laufen, womöglich wird der Bundestagspräsident die Demonstranten anzeigen, wegen Hausfriedensbruchs oder der Störung einer parlamentarischen Sitzung. Denn unantastbar ist in der repräsentativen Demokratie auf jeden Fall eines: die Würde der Volksvertretung.

Warum aber wurde ausgerechnet sie zum Aktionsschauplatz der Demonstranten? Wer sind sie, wofür stand ihre konzertierte Aktion? Solche Fragen müssten vielleicht nicht interessieren, steckten einzig »Chaoskletterer« hinter der »Attacke«, so einige Medien; und gäbe es nicht zumindest Indizien dafür, dass die plakative Botschaft von »Geld oder Leben« Gefühle eines wachsenden Teils der Jüngeren widerspiegeln.

Wie Johannes sind auch die anderen Schüler und Studenten zwischen 17 und 25 Jahre alt. Und in dieser Altersgruppe beobachtet nicht nur der Berliner Bewegungsforscher Dieter Rucht eine neue Politisierung – die sich indes auf »provokative Einzelaktionen« beschränke.

Dass dabei im Einzelfall auch Abenteuerlust im Spiel ist, mögen die Aktivisten nicht bestreiten. Sie haben sich, ein Netz der Freundeskreise »aus mehreren deutschen Städten«, eher zufällig gefunden – und wollen zusammenbleiben. Lena aus Berlin findet es zwar »problematisch, einfach zu behaupten, dass wir für andere sprechen«. Doch die im Internet dokumentierte »ziemliche Begeisterung«, auf die die Provokation gestoßen sei, sieht auch die Germanistikstudentin als Beleg dafür, dass ihre Kritik an der Vorherrschaft des Ökonomischen von vielen geteilt werde.

Die Dominanz der Wirtschaft erlebe sie in der Universität, sagt Lena, wo es »nur noch um Wettbewerbsfähigkeit« gehe, und bei Hochschulabsolventen, »die kurz vor ihrer Bewerbung noch bei amnesty international eintreten, weil das gut aussieht im Lebenslauf«. Ökonomische Interessen prägten den Bundestag, findet Lena, solange die Vereinbarkeit der Mandate mit Aufsichtsratstätigkeiten als legitim gelte: »Das ist scheindemokratisch, das muss sauber getrennt sein.«

Einer global vereinheitlichenden Wirtschaft diene überhaupt der ganze Lebensstil; ein »totaler Überkonsum«. Das sagt der Bundestagsspringer Justus, der, hochgewachsen und von ausholender Eloquenz, auch einem fremden Gegenüber gleich mit einem sanften »Du« entgegentritt. Detailreich kann er die Folgen des kritisierten Lebensstils vorrechnen: wie viele Milliarden aus dem Süden in den Norden fließen. Wie lange die Ressourcen noch reichen. »Wenn wir so weitermachen«, sagt er, »dann läuft das hinaus auf eine ziemlich krasse Zukunft.« Das könne nur mehr »eine radikale Demokratie« verhindern.

Aber all diese Themen sind doch längst in Angriff genommen: Die Große Koalition kämpft für den Klimaschutz, die Bundeskanzlerin will gerechtere Regeln für die Globalisierung; rennt die Jugend nicht weit geöffnete Türen ein? »Ja und nein«. So antworten Rebellen selten. Natürlich sei es gut, meint Justus, wenn diese Fragen jetzt breit debattiert würden. Aber zugleich fühle er sich an die Aufbruchstimmung Anfang der neunziger Jahre während der Rio-Konferenz erinnert. Damals, zu Helmut Kohls Regierungszeiten, hätten schon einmal alle Parteien im großen Konsens der Weltkonferenz geschwelgt. »Aber seither haben sich die Probleme alle verschärft, und die CO₂-Emission nehmen immer noch zu«, meint Justus. »Deshalb treibt uns das Gefühl, dass sehr viel mehr sehr viel schneller passieren und dass das ganze System sich ändern muss.« Den Sprung in den Bundestag, »heraus aus dem Lebenslauf«, sieht er dafür als Symbol. Auch Lena begegnet um sich herum einer »starken Sehnsucht nach neuen Utopien«.

»Wir glauben nicht, dass wir die Guten sind und alle anderen blöd«

Eigentlich will keiner der Demonstranten individuell in Erscheinung treten; Inhalte sollten nicht »personalisiert« und die verschiedenen Meinungen in der Gruppe nicht auf einen vermeintlich homogenen Nenner gebracht werden. So viel Persönliches immerhin geben sie preis: dass die meisten von ihnen einem eher liberalen, bildungsbürgerlichen Milieu entstammen. Einige sind auf dem besten Wege, darin zu bleiben: Justus geht bald an die London School of Economics. Johannes wird gefördert von der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Wer sich bei der Verbindung dieses respekta- blen Namens mit radikaler Systemkritik an die Exstipendiaten Gudrun Ensslin oder Horst Mahler erinnert fühlt, der ist allerdings auf dem Holzweg. »Diesen Weg wollen wir nicht gehen«, sagt Johannes unzweideutig. Auch Lena winkt genervt ab: »Gewaltfreiheit war nun wirklich das Erste, worauf wir uns verständigt haben.«

Die Rebellion von 68 indes sehen alle »eher als gutes Beispiel«. Jedenfalls, schränkt Justus ein, wenn man aus den Erfahrungen der Apo-Opas lerne: »Wir sind nicht dogmatisch. Wir denken nicht, dass wir die Guten sind und alle anderen die Blöden. Wir wollen auch nicht bloß eine Bewegung der Jugend bleiben. Darüber, wie wir in Zukunft leben wollen, müssen alle Altersgruppen miteinander diskutieren.«

Und wie soll das gehen, wenn die Jungen allen Institutionen aus dem Weg gehen? Warum treten sie nicht beispielsweise bei Attac ein? »Nicht schlecht«, meint Justus, »aber nicht eindeutig systemkritisch.« Drücken sich die neuen Spontis nicht vor der oft quälenden Kompromisssuche in jener Demokratie, die zu verteidigen sie sich anmaßen? Das bestreitet Lena energisch: »Gequält haben wir uns auch. Wir entscheiden alles basisdemokratisch.« Und warum versuchen politische junge Leute nicht, die Parteien von innen heraus zu verändern? »Eine berechtigte Frage«, meint Justus. »Aber zurzeit geht Veränderung nur von außen.« Und Johannes meint: »In den Parteien werden wichtige Entscheidungen doch gar nicht mehr unten getroffen. Wir wollen, dass uns mehr zugemutet wird.«

Auf die Zumutung in umgekehrter Richtung, im Bundestag, reagierten viele Abgeordnete empört, nicht nur aus politischen Gründen; die eingesprungene vermeintliche Guerilla hatte ihnen schlicht einen gehörigen Schrecken eingejagt. In den Reihen der linken Parteien habe er allerdings, behauptet Johannes, auch »einzelne aufmunternde Blicke« gesehen.

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Leser-Kommentare

    • 14.05.2007 um 9:56 Uhr
    • keox

    "Aber all diese Themen sind doch längst in Angriff genommen: Die Große Koalition kämpft für den Klimaschutz, die Bundeskanzlerin will gerechtere Regeln für die Globalisierung; rennt die Jugend nicht weit geöffnete Türen ein?"

    gibt es in den aufsichtsräten auch zeit-autoren?

  1. Ich bin sehr froh, dass "die jungen Leute" endlich etwas unternehmen, wenigstens in Berlin! Und ihr Aufgebrachtsein verstehe ich nur zu gut. Jetzt fühle ich mich nicht mehr so allein ;-) mit meinen stillen Beobachtungen und habe nicht mehr nur den Eindruck, ich wäre halt einfach in die falsche Zeit hineingeboren.
    Sehr ähnliche Gedanken wie Lena und Johannes habe ich schon sehr oft gehabt ohne sie zu äußern. Und vereinzelte Zeitgenossen von mir ebenfalls.
    Egozentriertheit, unpolitisch sein, keine Zeitung lesen (oder diese lesen für den Lebenslauf...), lächerlicherweise mit 20 Jahren nur an "die Karriere" und den Lebenslauf denken, von Einzelkämpfergesellschaft faseln, bei dem ganzen inneren Druck nervöse Verhaltensstörungen entwickeln ohne es zu bemerken, nicht mehr nachdenken ... all das (und noch viel mehr...) begegnet einem regelmäßig im universitären Alltag. Es wird für den Lebenslauf studiert und gelebt, nicht, weil die Inhalte begeistern, weil es Spaß macht, etwas zu erfahren, zu entdecken, zu lernen. Schneller als der Kommilitone, besser als der Kommilitone, das ist, worauf es ankommt. Wofür früher evtl. mal nur angehende Rechtswissenschaftler traurig bekannt waren, gibt es scheinbar nun auch häufiger in anderen Studiengängen.
    Die Shell-Studie hat ja all dies schon aufgedeckt. :-)

    • 14.05.2007 um 16:19 Uhr
    • admin

    die jetzige Bundesregierung. Aber wenn die mächtign Staaten wie USA, China u.a. nicht bereit sind, Umweltschutz zu betreiben, wird sich nichts ändern. Die jüngsten Umweltschutzverträge hat Umweltminister Gabriel nicht unterzeichnet, weil sie ein Rückschritt bedeuten.

    Also der Fortschritt in Sachen Umwelt (Wirtschaft) lässt noch auf sich warten. Solche studentischen Aktionen können ein wenig Aufmerksamkeit auf das Thema lenken, aber Auswirkungen auf politische entscheidungen haben sie leider nicht.

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  • Von Christiane Grefe
  • Datum 13.5.2007 - 09:29 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
  • Kommentare 3
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