Es war nicht so, dass Diego von sich selbst berauscht war, was allzu verständlich gewesen wäre nach diesem unglaublichen Tor aus 62,6 Metern. Im Fernsehen konnte man sehen, dass die Mitspieler schon die Arme hochrissen, als der Ball noch im hohen Bogen durch den Bremer Nachthimmel flog. Diego nicht. Er schaute dem Ball nach. Er wusste, dass der vor dem Tor aufspringen würde, und er befürchtete, der Ball könnte übers Tor springen. Der Kommentator sprach vom Tor des Jahres, andere von einem Weltklassetor. Diego hätte also allen Grund gehabt, berauscht zu sein. »Er war eher verlegen«, sagt Roland Martinez, sein Dolmetscher und Freund, verlegen, weil alle von diesem Tor schwärmten. Diego, 22, vor seinem Haus in Bremen. Familie und Freundin blieben in Brasilien BILD

Diego Ribas da Cunha ist nicht erst seit dem spektakulären Tor gegen Aachen am 20. April die Sensation dieser Bundesligasaison. Für sechs Millionen Euro kam Diego aus Porto nach Bremen, wurde seitdem dreimal Spieler des Monats und von den Profis der Liga zum Spieler der Hinrunde gewählt. Er hat zwölf Tore geschossen und zwölf vorbereitet – und das als Mittelfeldspieler. Davor hatten die Bremer den genialen Johan Micoud als Spielmacher, und alle dachten, er sei der einzige Spieler, der nicht zu ersetzen sei, aber dann kam Diego, und Micoud war schnell vergessen. Wer Diego spielen sieht, mit welcher Abgeklärtheit er den Ball abschirmt, welche Sicherheit er in seinen Dribblings hat, der begreift, dass die eigentliche Sensation sein Alter ist: Diego ist vor Kurzem 22 geworden. Mit sechs Jahren spielte er bei Comercial FC, der Mannschaft von Ribeirão Preto, seiner Heimatstadt, eine halbe Million Einwohner, dreihundert Kilometer von São Paulo entfernt. Ribeirão Preto ist bekannt als größter Zucker- und Alkoholproduzent der Welt. Mit neun spielte Diego bei Turnieren in Argentinien und Chile, an die er sich erinnert, weil es sehr kalt war und sie in ärmlichen Behausungen wohnten, wie er sagt. Mit zwölf hat er seine Familie verlassen, weil ihn Späher des FC Santos entdeckten und ihn ins Vereinsinternat holten. Beim FC Santos hat Pelé seine Karriere begonnen.

Es sei sein Wunsch gewesen, sagt Diego, er habe den Traum vom Profifußball gehabt. Und es sei der Fußball gewesen, die Sache, die ihm am meisten Spaß machte, der ihm über das Heimweh hinweggeholfen habe. Sein Vater sagte damals: »Das ist dein großer Traum, es wird nicht leicht, du musst stark sein, es gibt nichts umsonst im Leben, du musst da durch.« Sein Vater ist heute sein Manager.

Mit 17 wurde Diego mit dem FC Santos brasilianischer Meister, schoss zehn Tore in der Saison, und die Presse schrieb, man solle eine DNA-Probe von ihm nehmen, weil nur ein Sohn des Brasilianers Zico – Anfang der achtziger Jahre der beste Mittelfeldspieler der Welt – zu einer solchen Leistung in der Lage wäre. Mit 19 wechselte er zum FC Porto, der gerade Champions-League-Sieger geworden war und einen Nachfolger für seinen Spielmacher Deco brauchte. Im zweiten Jahr lief es dann nicht mehr, der Trainer hatte das Spielsystem umgestellt und verzichtete auf einen Spielmacher. Das war die Chance für Werder Bremen.

Diego wohnt in einem Einfamilienhaus im Bremer Stadtteil Schwachhausen. Eine bürgerliche Idylle, nahe am Stadtpark. Eine kleine Stichstraße, hinter einem Block aus Reihenhäusern: vier weiß geklinkerte, zweistöckige Neubauten mit kleinen Gärten und bepflanzten Vorbeeten. Vor der Garage steht ein Porsche Cayenne. Aus dem Haus zur Rechten kommt gerade der Nachbar. Er grüßt, sie kennen sich, sie spielen in derselben Mannschaft und teilen sich auf Reisen das Hotelzimmer. Der Nachbar ist sein Mitspieler Naldo, er kam ein Jahr vor Diego nach Bremen. Martinez, der Dolmetscher, hat ihnen die Häuser vermittelt.

Nicht nur das, Martinez ist ständig für beide da, hilft ihnen bei Behördengängen, beim Autokauf, bei der Einrichtung ihrer Häuser. Kürzlich fiel bei Diego im Haus der Strom aus, natürlich hat er zuerst Martinez angerufen. Martinez wird vom Verein dafür bezahlt, dass es den Stars gut geht.