Kaleidoskop Verflixte Vergangenheit
Wie die Autorin Elif Shafak die Krise der Türkei sieht – und was ihr Roman erzählt.
Stellen wir uns vor: Ein Fest, und die Tische biegen sich. Albanische Fleischbällchen, Meeresfrüchte aus Griechenland, Gewürze aus Kurdistan, armenische Pasteten, türkischer Pilaw. Dazu wird gesungen, Lieder gehen hin und her zwischen den Sprachen, hört einer auf, setzt ein anderer fort. Ein schöner Traum? »Wir sind die Enkel des osmanischen Reiches mit seiner ganzen kulturellen Vielfalt«, hat Elif Shafak am Grab von Hrant Dink gesagt. Der armenischstämmige Journalist, Freiheitskämpfer und Freund von Orhan Pamuk war am 19. Januar 2007 ermordet worden. »Er hat mir gezeigt: Es ist eine mögliche Wirklichkeit, dass an einem Tisch das ganze reiche Erbe des Landes Platz hat.«
Ist also in der Türkei von heute schon die Begeisterung für die türkisch-multikulturelle Küche als Verrat zu sehen? »Wir sind eine leidenschaftlich politisierte Gesellschaft«, sagt Elif Shafak. Die 36-jährige Romanautorin steht schon lange im Rampenlicht der türkischen Öffentlichkeit. So lange, dass sie jetzt mal eine Pause will und nach Amerika gezogen ist. Eine Auszeit nach den traurigen Ereignissen des letzten Jahres, die sie ermüdet und erschöpft haben. Im September 2006 wurde Elif Shafak selbst angeklagt, in ihrem neuen Roman »das Türkentum beleidigt« zu haben. Die Anklage wurde nach einem Tag abgewiesen.
»Die Grenzen des Nationalstaates sind nicht die Grenzen der Fantasie«
Auch diesen Roman, Der Bastard von Istanbul, will Elif Shafak, so scheint es, als Speise verstanden wissen. Zimt heißt das erste Kapitel, dann: Garbanzobohnen. Zucker. Weizen. Pistazien. Geröstete Haselnüsse. Mandeln. Da wird gut und kulturell reich gekocht – Elif Shafak, die sich zu ihrer türkischen Herkunft und Tradition bekennt, ist zugleich ein Inbild kultureller Vielfalt. 1971 in Straßburg geboren, in Madrid und Amman aufgewachsen, ging sie erst spät in die Türkei, wo sie Politikwissenschaften studierte, darin promovierte, bevor sie noch einen Abschluss in Gender and Women’s Studies absolvierte und in Tucson, Arizona, unterrichtete. Und die Türkei war sogar einmal stolz auf diese produktive junge Autorin. Für den Roman Spiegel der Stadt erhielt sie 2000 den Preis des türkischen Schriftstellerverbandes. Dann aber kam Die Heilige des nahenden Irrsinns – in englischer Sprache. »Für mich, deren Leidenschaft Sprache ist, war dies eine poetisch-sprachliche Entscheidung, keine politische. Englisch ist eine mathematische, Türkisch hingegen meine emotionale Sprache. Ich hänge an beiden. In der Türkei wurde dies aber von manchen als kultureller Verrat betrachtet, als Verrat an meiner Muttersprache. Die Ultranationalisten können nicht verstehen, dass man auch vielsprachig, multikulturell, kosmopolitisch sein kann. Sie verstehen nicht, dass eine Autorin in zwei Sprachen schreibt, ohne die Verpflichtung zu empfinden, die eine zu wählen und die andere fallen zu lassen. Die Grenzen des Nationalstaates gehen eben nicht zusammen mit den Grenzen der Fantasie.«
Der Bastard von Istanbul ist wiederum zuerst auf Englisch erschienen. In diesem Roman laufen die Geschichte der jungen Türkin Asya, die ihren Vater nicht kennt, und der jungen halb-armenischen Amerikanerin Armanoush, die nach ihren Wurzeln sucht, aufeinander zu. Die beiden jungen Frauen treffen sich in Istanbul, und in ihrer Begegnung berühren sich zwei Familiengeschichten, die einander auszuschließen scheinen, aber eigentlich, das erweist der Verlauf des Romans, in der Tiefe der Vergangenheit miteinander verflochten sind. Tief unten – dort, wo 1915/16 der armenische Völkermord stattfand.
Dieses Tabu nicht nur beim Namen zu nennen, sondern es gar zum verschlungenen Knoten einer Geschichte zu machen, in dem sich das Schreckliche und das Hoffnungsvolle berühren, war wohl zu viel für die Ultranationalisten. »Die Türkei ist von kollektiver Amnesie befallen«, sagt Elif Shafak. »Als zukunftsorientierte Gesellschaft will sie ihre Vergangenheit vergessen. Darin liegt ja auch etwas Positives, Dynamisches. Aber es gibt eine Kehrseite.« Für Elif Shafak bildet die Frage nach dem Für und Wider der historischen Offenheit den Ausgangspunkt ihres Romans. »Wenn die Vergangenheit im Dunkeln liegt: Ist es besser, sie ans Licht zu holen? Oder einfach weiterzugehen?« Im Roman reicht Shafak diese Frage ihren Figuren weiter, die unterschiedlich damit umgehen. »Was die Faszination der Geschichte angeht«, sagt Armanoush zu Asya, »musst du verstehen, dass unsere Geschichte trotz des Schmerzes, den sie in sich birgt, das ist, was uns lebendig und miteinander verbunden bleiben lässt.« Worauf Aysa scharf antwortet: »Für mich fängt Geschichte heute an, verstehst du? Es gibt keine zeitliche Kontinuität. Du kannst dich nicht deinen Vorfahren verbunden fühlen, wenn du nicht einmal deinen Vater kennst. Vielleicht werde ich seinen Namen nie in Erfahrung bringen. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich verrückt. Also sage ich mir, warum willst du die Geheimnisse ans Licht bringen? Siehst du nicht, dass die Vergangenheit ein Teufelskreis ist?«
- Datum 13.05.2007 - 13:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
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