Kaleidoskop Verflixte VergangenheitSeite 2/2
Aber die Geschichte durchkreuzt die Konzepte der Figuren, und nicht alle haben die Größe, mit dem neuen Blick auf die Dinge zu leben. Für eine Figur wird die Wahrheit sogar tödlich sein: Als Gift versteckt in jenem köstlichen Ashure, aus dem sich ja das ganze Buch zusammensetzt: Zimt, Garbanzobohnen, Zucker, Weizen, Pistazien, Haselnüsse, Mandeln.
Nicht zufällig ist diese tragische Figur einer der wenigen Männer, die in dem Buch vorkommen. »Ich wollte Frauen im Mittelpunkt haben. Das kulturelle Gedächtnis eines Landes wird über die Frauen weitergegeben, die Mütter, Großmütter, Tanten. Das meiste an Erinnerung verdankt man ihnen.« So sind es auch im Roman die Tanten und Mütter, die die seelische Bewältigung leisten und befördern, auch und gerade dort, wo das zweite große Tabu berührt wird, das Elif Shafak für noch mächtiger erachtet als das politische: das sexuelle. Auch Vergewaltigung, Inzest, Abtreibung liegen verborgen in den Kellern von Asyas Familiengeschichte. Die junge Frau wird damit fertig werden. Sie, die jung genug ist, um die aufgebrochene Familiengeschichte einzuflechten in die eigene Zukunft, ist längst in anderen Netzwerken eingespannt als nur dem familiären. Für Asya ist die Künstlerrunde im Istanbuler Café Kundera ihre Zuflucht; Armanoush begegnet ihren armenischen Freunden im Schutz eines Chatrooms mit Namen Café Constantinopolis.
»Ich hatte nie einen Vater, ich war immer frei und unabhängig«
Elif Shafak, die sich als Post-, also: selbstkritische Feministin versteht, ist im Schutz weiblicher Energie groß geworden. Die Tochter einer alleinerziehenden Diplomatin kennt aber auch beide Seiten der Vaterlosigkeit: »Ich war immer frei und unabhängig – etwas, das ich mit einem türkischen Vater so nie erlebt hätte. Zugleich gibt es natürlich diese Leerstelle. Die ganze türkische Gesellschaft ist auf den Baba ausgerichtet, in Sport, Politik, Medien, sogar der Staat versucht eine Vaterrolle einzunehmen. Die Sehnsucht nach diesem Baba, nach dieser Vaterfigur, habe ich allerdings nie empfunden.«
Zuletzt sollte man vielleicht von der Liebe reden. Dass Der Bastard von Istanbul nämlich auch eine Liebeserklärung an Istanbul ist und das ganze Buch ja gelesen werden kann als Ausdruck kritischer Loyalität zu seinem Land. »Eine Tradition, der ich mich sehr nahe fühle, ist der Sufismus. Die Sufis wussten immer, dass es viele Wege zur Wahrheit gibt. Die Offenheit für andere, der Respekt für Frauen war ihnen selbstverständlich.« Der Name Elif bedeutet übrigens »Tor zum Unbekannten«. Ihren Nachnamen gab sich die 17-Jährige selbst. Sie warf den Vaternamen ab und wählte Shafak, was bedeutet: Morgendämmerung.
Der Bastard von IstanbulRoman; aus dem Englischen von Juliane Gräbener-MüllerElif ShafakBelletristikBuchEichborn Verlag2007Frankfurt a. M.22,90458Spiegel der StadtRoman; aus dem Türkischen von Beatrix CanerElif ShafakBelletristikBuchLiteraturca Verlag2004Frankfurt a. M.19,80365- Datum 13.05.2007 - 13:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
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