Kindesmisshandlung »Geschlagen und gefesselt«

Die Berliner Polizeikommissarin Gina Graichen über den Tod eines Babys aus »gutem Hause« – und Gewalt gegen Kinder in bürgerlichen Milieus

DIE ZEIT: Frau Graichen, Sie leiten in Berlin das einzige deutsche Polizeikommissariat, das sich auf die Verfolgung von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung spezialisiert hat. Jetzt ermitteln Sie wegen eines sechs Monate alten Babys, das vorige Woche starb. Es war das Kind einer Modemacherin, die auch als Professorin tätig ist. Verhaftet wurde der Lebensgefährte, er soll den Säugling misshandelt haben. Erstaunt Sie der Fall?

Gina Graichen: Nein. Misshandlung von Kindern gibt es seit je in allen Teilen der Gesellschaft, auch in bürgerlichen Milieus. Der Unterschied ist lediglich: Menschen aus einfachen Verhältnissen wenden eher rohe Gewalt an, während jene mit höheren intellektuellen Fähigkeiten subtilere Wege wählen.

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ZEIT: Sind Gebildete genauso brutal – und wissen dies nur besser zu verbergen?

Graichen: Oft ist das so. Die Kinder werden unter Druck gesetzt. Man zwingt sie etwa zu Höchstleistungen in der Schule. Sie werden eingesperrt und Hausarbeiten um vier Uhr morgens angeordnet. Das steigert sich so weit, dass die lieb gewonnenen Kuscheltiere vor den Augen der Kinder zerstört werden. Manchmal werden sogar ihre Haustiere gequält oder getötet. All diese Fälle hatte ich schon.

ZEIT: Woher kommt diese Brutalität?

Graichen: Viele Eltern sind überfordert und ratlos, selbst wenn ihr Kind gewünscht war. Es verhält sich überhaupt nicht so, wie man das bei den süßen Babys im Fernsehen gesehen hat. Es will trinken, essen, schreit Tag und Nacht. In den Augen der Eltern nörgelt es nur. Manche glauben sogar, es wolle sie ärgern. Bei Familien aus sozial auffälligen Milieus geht oft als Erstes der leibliche Vater stiften. Dann sitzt die junge Mutter allein zu Hause. Würde eigentlich gern mit den Freundinnen durch die Discos ziehen und denkt: Das war’s jetzt für mich. Und wenn das Baby dann noch ein Schreikind ist, kann das schnell dazu führen, dass die Mutter ihm gegenüber ausfällig wird.

ZEIT: Welche Taten sind typisch?

Graichen: Angezeigt werden in der Regel Fälle, in denen die Verletzungen der Kinder offensichtlich sind. Deshalb sitzen uns in den Vernehmungen hauptsächlich Täter aus einfachen Verhältnissen gegenüber. Ich glaube aber, Gewalt in gut situierten Familien ist viel verbreiteter, als bislang angenommen. Oft handelt es sich um psychische Gewalt, die keine sichtbaren Spuren hinterlässt.

ZEIT: Haben Sie Verständnis für gewalttätige Eltern?

Graichen: Nein. Was sie antreibt, müssen Psychologen ergründen – ich halte das nicht für normal. Tatsächlich sagen manche Eltern in der Vernehmung: Ja, ich steh dazu, das viele Schreien hat mir nicht gepasst, da habe ich zugeschlagen. Eine Mutter sagte wörtlich: Mein Kind hat mir jede Möglichkeit zum Atmen geraubt. Dauernd war es da. Es war wie Klebstoff. Deshalb habe sie es geschlagen, gebissen und gefesselt.

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