Noch gilt die Wiener Staatsoper als eines der besten Opernhäuser der Welt. Entsprechend groß ist die Nervosität in Österreich, seit Langzeitdirektor Ioan Holender im vergangenen Februar seinen Rückzug für 2010 angekündigt hat. Bis in die Spitze der Bundesregierung hinein zieht sich die Diskussion um einen Nachfolger – und wurde dort wohl auch bereits entschieden. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) möchte dem Haus »ein künstlerisches Gepräge« verleihen und wolle, ernst zu nehmenden Gerüchten zu Folge, partout seinen Freund und Wahlkampfhelfer, den amerikanischen Tenor Neil Shicoff, auf den Posten hieven. Keinen Manager also, sondern einen aktiven Sänger, der bislang noch jedes Klischee seines sensiblen Fachs bediente. Der Tenor Neil Shicoff soll ab 2010 den großen Wiener Opern-Apparat lenken BILD

Es wäre eine kuriose Entscheidung, erklärbar nur durch das kulturelle Selbstverständnis des offiziellen Österreich. Dem Tenor, der noch nie ein Haus geleitet hat, traut kaum ein Fachmann diese Aufgabe zu. Zumal Holender der Staatsoper nicht nur hohe Auslastungsquoten hinterlassen wird, sondern auch substanzielle Probleme, deren Lösung im Dschungel der Wiener Befindlichkeiten einiges an diplomatischem Geschick und Erfahrung verlangt. Und ausgesprochen gute Nerven.

So mangelt es dem Haus seit Jahren an Dirigenten von Rang, und dafür sind zuvorderst die mächtigen Wiener Philharmoniker samt ihrer Vorfeldorganisation, dem Wiener Staatsopernorchester, verantwortlich. Sie beharren stur auf praxisfernen Dienstrechten und verrichten das Alltagsgeschäft im Graben hörbar lustlos; ihrem guten Ruf werden sie meist nur noch bei Premieren gerecht. Auch bei der Entstaubung des zum Teil jahrzehntealten Repertoires, die Holender bereits halbherzig begonnen hat, ist mit heftigem Widerstand zu rechnen, freilich eher seitens des Publikums.

Einem Direktor Shicoff solle immerhin, so hört man in Wien, ein kaufmännischer Routinier zur Seite gestellt werden, womöglich der derzeitige Chef der Bundestheaterholding, Georg Springer. Shicoff selbst, als Sänger einer der wenigen Publikumslieblinge in Wien, wäre damit vor allem für den Glamour zuständig. Und er könnte seine guten Kontakte zum internationalen Sängerzirkus einbringen.

Ebendas war aber immer auch die Leistung Ioan Holenders. Allen musikalischen und szenischen Problemen zum Trotz gelang es ihm stets, die prominentesten Sängerinnen und Sänger zu engagieren. Ein Führungsduo Shicoff/Springer wäre mithin nichts anderes als die Fortsetzung der Weiterführung der Verwaltung des Status quo. Nichts könnte die österreichische Kulturpolitik treffender illustrieren: Gewünscht wird ein Feuerwerk der Stars und Sternchen, keine leuchtende Signalwirkung auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen.

In diesem Sinne äußerte sich auch Placido Domingo, selbst gefeierter Tenor und Operndirektor (in Washington und Los Angeles), beschwichtigend zur Causa: Keine Oper der Welt sei leichter zu führen als die Wiener Staatsoper. Die Leichtigkeit bestünde freilich allenfalls darin, die Konventionen zu erfüllen. Nähme man die Aufgabe ernst, das Haus in die Gegenwart zu führen, es gäbe kaum eine schwerere.

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