Ernährung

Abspecken!

Die Deutschen sind viel zu dick. Damit das Fett schwindet, müssen wir lieben Gewohnheiten abschwören.

Die Deutschen sind das dickste Volk Europas. Das jedenfalls stand jüngst in der Süddeutschen Zeitung. Drei Viertel der deutschen Männer und mehr als die Hälfte der Frauen sollen nach diesem Bericht zu viel auf die Waage bringen.

Die Politiker reagierten auf die Meldung, als seien ihnen kollektiv die Hemdknöpfe abgeplatzt. Verbraucherminister Horst Seehofer erkannte ein »ernst zu nehmendes gesellschaftliches Problem«, das er mit einem für diese Woche angekündigten »Aktionsplan Ernährung« bekämpfen will. Damit sollen jene arg vagen Absichtserklärungen in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, die im vergangenen Jahr die europäische Ministerkonferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter der Überschrift Charta zur Bekämpfung der Adipositas beschlossen hat. Die fetten Deutschen sollen abspecken, künftig maßhalten und auf ihre Gesundheit achten, so die Hoffnung. Doch die Aktionen, die man erwarten darf, haben nur eine bescheidene Aussicht auf Erfolg. Wenn die Fettleibigkeit samt den damit verbundenen gesundheitlichen Folgen ernsthaft bekämpft oder sogar schon im Ansatz verhindert werden soll, dann greift ein nationaler Diätplan mit ein paar guten Vorsätzen zu kurz. Für eine nachhaltige Veränderung wären tiefe Eingriffe in die freie Marktwirtschaft und unsere gesamte Lebenswelt nötig.

Zunächst einmal ist es keineswegs ausgemacht, dass die Deutschen wirklich Europas Dickenliste anführen. Ursprung der Rekordmeldung ist eine Tabelle, die von der International Association for the Study of Obesity (IASO) veröffentlicht wurde. Danach wären gut 75 Prozent aller deutschen Männer und fast 59 Prozent aller deutschen Frauen übergewichtig oder fettleibig. Die IASO hat diese Zahlen einer Veröffentlichung des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) entnommen, aus der aber nicht hervorgeht, dass sie einer Befragung von 25- bis 69-Jährigen entstammen. Aussagekräftiger ist laut RKI eine andere Erhebung an über 18-Jährigen, nach der »nur« 67 Prozent der deutschen Männer und 54 Prozent der Frauen zu viel auf die Waage bringen. Folglich könnten wir den Schwarzen Peter den Tschechen und Zyprioten zuschieben – sofern die mit den unterschiedlichsten Methoden eingesammelten IASO-Zahlen überhaupt ein echtes Euro-Ranking zulassen.

Aber ob die Deutschen nun nur dick oder die Allerdicksten sind, ist nebensächlich. Unbestritten ist, dass der Anteil der Menschen mit Übergewicht mit jedem Jahrzehnt steigt, am stärksten unter Kindern und Jugendlichen. Damit verbunden sind Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes, die mit steigender Körpermasse häufiger auftreten. »Die Zahl der Diabetespatienten wird sich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln«, prophezeit Manfred Müller, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. Bei der Beschreibung des Übels herrscht Einigkeit unter den Experten – strittig ist die Frage nach den Ursachen und vor allem nach den Mitteln gegen die kollektive Fettsucht.

Das größenunabhängige Maß für die Fettleibigkeit ist der Body-Mass-Index (BMI), der sich errechnet, indem man das Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße teilt. Ab einem BMI von 25 gilt ein Mensch als übergewichtig, die Adipositas beginnt bei einem Wert von 30.

Fast jeder, der es schafft abzunehmen, ist nach vier Jahren wieder dick

Der Kern des Übels ist klar: Die Menschen essen zu viel und bewegen sich zu wenig. Also appelliert man an sie, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Wem seine Gesundheit am Herzen liegt, hoffen die Aufklärer, der werde sich dieser Vernunft nicht ewig verschließen und seine Gewohnheiten ändern. Doch diese Hoffnung wird immer wieder enttäuscht. »Von 100 Menschen mit Adipositas, denen eine Gewichtsreduktion gelingt, sind 85 nach drei bis vier Jahren wieder so dick wie zuvor«, sagt der Adipositasexperte Stephan Herpertz von der Ruhr-Universität Bochum. »Bei den stark fettleibigen Menschen mit einem Body-Mass-Index von über 40 sind es sogar 99 Prozent. Bei ihnen helfen nur noch chirurgische Maßnahmen, etwa eine Magenverkleinerung.«

Leider sind die Gewohnheiten der Therapeuten kaum leichter zu ändern als die der übermäßigen Esser, beklagt Herpertz: »Die schicken einen Menschen lieber achtmal zur Diät, als die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Kenntnis zu nehmen.« Für außergewöhnlich disziplinierte Menschen mag sich der Versuch einer Ernährungsumstellung lohnen. Aber eine vernünftige Gesundheitspolitik kann solche Willenskraft nicht voraussetzen.

Jede aussichtsreiche Strategie gegen die Verfettung der Nation muss bei den Kindern beginnen, darin sind sich die Experten einig. Wer schon als Kind und Jugendlicher dick war, hat später wenig Chancen auf eine schlanke Linie. Bei den Erwachsenen hält Herpertz allenfalls eine Stabilisierung des durchschnittlichen BMI für realistisch. Wie aber verhindert man, dass Kinder überhaupt erst dick werden? Gut gemeinten Rat gibt es dazu reichlich. Doch was hilft nachweislich?

Weltweit gibt es 22 wissenschaftliche Studien, die dieser Frage nachgehen. Nur 12 allerdings untersuchen einen Zeitraum von mehr als einem Jahr. Eine davon ist die Kieler Adipositaspräventionsstudie. In ihrem Rahmen erhielten Grundschüler Ernährungsunterricht und wurden zu mehr Bewegung während der Pausen ermuntert. Daneben besuchten die Ernährungsexperten gezielt die betroffenen Familien und informierten sie über Ernährung, Essgewohnheiten und Bewegung. Übergewichtige Kinder erhielten zusätzlichen Sportunterricht. In den folgenden Jahren verglichen die Forscher das Gewicht der Kinder mit dem von Kontrollgruppen.

Das Ergebnis bestätigt die allgemeinen Erfahrungen mit dem Abnehmen durch Aufklärung: Zwar ist in Einzelfällen eine Veränderung möglich, doch meist verhallen die Appelle ungehört. So sind zum Beispiel Jungen weitgehend unempfänglich für den gut gemeinten Rat. Bei sozial schwachen Familien bewirkten die Gesundheitsapostel sogar das Gegenteil des Beabsichtigten: Die Betroffenen wurden im Vergleich zu Kontrollgruppen dicker, nicht dünner. »Das war ärgerlich und enttäuschend«, sagt Manfred Müller. »Wir haben versucht, den Alltag der Familien zu begleiten, aber wenn man auf Argwohn stößt, erreicht man mitunter eine Gegenreaktion.« Dabei sollte eine erfolgreiche Prävention ja gerade schwache Gesellschaftsschichten erreichen, in denen Übergewicht besonders verbreitet ist. Allenfalls in der gebildeten Oberschicht können Erziehung und Aufklärung eine bewusste Veränderung bewirken, doch sie bergen die Gefahr einer weiteren Stigmatisierung dicker Menschen. »Man kommt immer mehr ins Grübeln«, sagt Müller. »Immerhin haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass es so nicht geht.«

Eine »Sündensteuer« soll fettes Essen teuer machen

Wie dann? Wer seine Leibesfülle nicht freiwillig bekämpft, müsse eben mit dosiertem Druck dazu bewegt werden, könnte man folgern. Schließlich seien Dicke nicht nur sich selbst eine Last, sondern auch der Solidargemeinschaft. Sie gelten vielen ihrer Mitmenschen als Sozialschädlinge. Zu den Kosten ihrer Folgeerkrankungen kursierten in Medienberichten der letzten Wochen schwindelerregend hohe Zahlen – mit bis zu 20 Milliarden Euro jährlich sollen übergewichtige Menschen die deutschen Gesundheitskassen belasten. Eine Quelle für diesen Wert hat der Gesundheitsökonom Jürgen John vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit bei München bislang nicht finden können. Er hat in einer eigenen Studie die medizinischen Kosten von knapp tausend Erwachsenen in der Region Augsburg ermittelt und mit ihrem BMI verglichen. Dabei unterschieden sich die Normalgewichtigen nicht signifikant von Menschen mit Übergewicht (BMI 25 bis 30) oder moderater Adipositas (BMI 30 bis 35). Erst in der Gruppe mit starker Fettleibigkeit stiegen die Kosten sprunghaft auf mehr als das Doppelte an.

Allerdings kann man die Kosten von Übergewicht auch mit einer anderen Methode berechnen. Man geht von den erhöhten Krankheitsrisiken aus, die Übergewichtige haben, und errechnet dann, wie viele Herzinfarkte es zum Beispiel weniger gäbe, wenn alle Menschen schlank wären. Aus den Kosten eines Herzinfarkts kann man dann die Gesamtbelastung ableiten. Nach der aktuellsten Studie liegen die Folgekosten durch erhöhten Blutdruck, Diabetes, Schlaganfall und Herzinfarkt in Deutschland zwischen 2,7 und 5,7 Milliarden Euro jährlich. Der tatsächliche Wert dürfte noch höher liegen, weil die Autoren nur jene Krankheiten berücksichtigt haben, für die es verlässliche Daten gibt.

Angesichts solcher Summen wundert es nicht, wenn an Stammtischen und von manchen Rednerpulten aus Sanktionen gefordert werden, etwa in Form erhöhter Krankenkassenbeiträge. Erste Schritte haben einzelne Kassen bereits getan, in Form von Bonuspunkten für den richtigen BMI. Man könnte auch an den Zuzahlungen der Patienten ansetzen. Jürgen John erinnert sich an eine besonders originelle Idee, die vor Jahren im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen zunächst diskutiert, dann aber doch verworfen wurde: Wer künftig in der Apotheke ein Rezept einlöst, der solle zunächst auf die Waage geschickt werden. Die Höhe der Zuzahlung könnte dann je nach BMI unterschiedlich bemessen werden.

Auch wenn der Wirtschaftswissenschaftler John grundsätzlich ein Freund monetärer Anreize ist – er ist skeptisch, ob die bei den Kosten der medizinischen Versorgung ansetzen sollten. Sinnvoller wären sie außerhalb des Gesundheitswesens: zum Beispiel »Sündensteuern«, die eine ungesunde Ernährung teurer und eine gesunde Ernährung billiger machen. Außerdem sei es nicht ausgemacht, dass bei einem Volk von Dünnen die Gesundheit insgesamt billiger würde. Auch schlanke Menschen fallen nicht eines Tages kostengünstig tot um. Wer keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall bekommt, der leidet im höheren Alter dafür vielleicht an Alzheimer oder Krebs und kostet die Gemeinschaft noch viel mehr. Eine solche Bilanz gibt es aber bislang nicht. »Das Kostenargument darf ohnehin nicht maßgeblich sein«, findet John. »Wenn wir die Adipositas erfolgreich bekämpfen, dann könnte der Aufwand sogar steigen, aber wir hätten dadurch mehr Gesundheit erkauft.«

Die Kantine ist zum Synonym für gezielte Überfütterung geworden

Viele Dünne meinen, die Dicken müssten einfach aufhören, sich übergroße Portionen einzuverleiben, schon wäre das Problem gelöst. Der Denkfehler liegt in dem Wörtchen »einfach«: Manche Menschen sind viel anfälliger für Völlerei als andere. Für sie bedeutet es eine größere Willensanstrengung, den Nachschlag abzulehnen. Diese Veranlagung wird ihnen vor allem dann zum Verhängnis, wenn ständig und überall kalorienreiches Essen angeboten und zugleich die Notwendigkeit von Bewegung eliminiert wird. Obesogenic environment lautet der Fachbegriff für unsere Welt – wir leben in einer »fett machenden Umwelt«.

Präventionsforscher kennen die Situation: Ob beim Kampf gegen Alkohol, Nikotin oder Karies, der Effekt von Druck und Aufklärung ist stets bescheiden, solange die äußeren Umstände unverändert bleiben. Echte Erfolge stellten sich erst dann ein, wenn man aktiv in den Konsumzusammenhang eingreift, etwa durch Reglementierung der Abgabe von Alkoholika und Zigaretten, Werbeverbote und die Fluoridierung von Trinkwasser oder Zahnpasta. Und so verficht der amerikanische Adipositasforscher George Bray die »Fluoridhypothese« zur Prävention von Übergewicht: Nicht der Mensch soll sich ändern, sondern seine Umgebung.

Diese Umgebung ist heute eine einzige Verführung zum Essen: Überall locken Imbissbuden, Fast-Food-Filialen und Fertiggerichte, die Nahrung überall und innerhalb von Minuten verfügbar machen. Dazu prasseln Werbebotschaften auf Kinder und Erwachsene ein, um sie zum Konsum von angeblich gesunden Lebensmitteln zu verleiten. Hochkalorische Speisen stecken in attraktiven Verpackungen, sind angereichert mit Aromen und Geschmacksverstärkern. Arbeit findet häufig sitzend statt, und dank einer immer umfassenderen Unterhaltungsindustrie verbringen wir auch die Freizeit zunehmend regungslos.

»Wenn man Menschen bunte Smarties hinstellt, dann essen sie davon mehr als von einheitlich braunen«, sagt der Lübecker Adipositasforscher Achim Peters. »Auf die gleiche Weise lassen uns möglicherweise auch Werbebotschaften zugreifen, wenn wir eigentlich schon satt sind.« Wer daran etwas ändern will, der müsste zunächst die meiste Werbung für Lebensmittel verbieten, Snickers und Co. mit Warnhinweisen versehen und mit erhöhten Steuern belegen. Das Essensangebot in Kantinen müsste gründlich überdacht werden. Nicht zufällig nennt man eine wirksame Methode der gezielten Überfütterung im Tierversuch cafeteria feeding. Besonderes Potenzial sieht Stephan Herpertz im Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung: »Immer häufiger essen Kinder mittags nicht in der Familie – dadurch hat der Staat immerhin die Chance, gezielt die Ernährung zu beeinflussen.« Aber nicht nur die Essgewohnheiten müssen überdacht werden, sondern die gesamten Lebensgewohnheiten. »Warum nicht den Fernsehkonsum reduzieren«, schlägt Johannes Hebebrand vor, »muss es unbedingt rund um die Uhr Programm geben?« Auch im Städtebau müsse man umsteuern, meint er: »Alle Technik zielt darauf ab, die Bewegung zu reduzieren. Wir müssen uns stattdessen überlegen, wie wir sie zurückgewinnen.« Und wieder gelte es, bei den Kleinen zu beginnen. »Viele Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, weil sie Angst vor dem Straßenverkehr haben«, sagt Herpertz, »was für ein Unding!«

Veränderungen dieser Tragweite lassen sich nicht auf die Schnelle erreichen. Es dauert Jahrzehnte, bis sie sich durchsetzen – wie die langwierige Geschichte der Umweltbewegung seit den sechziger Jahren zeigt. »Unsere Gesellschaft basiert nun einmal auf Konsum«, sagt Manfred Müller, »und dieser Konsum soll möglichst immer weiter gesteigert werden. Wir produzieren heute fast doppelt so viele Lebensmittel, wie wir essen können.«

Die drei größten Risikofaktoren für Übergewicht bei Kindern sind laut der Kieler Präventionsstudie das Geburtsgewicht, der sozioökonomische Status und das Gewicht der Eltern. Eine Bestrafung dieser Lebensumstände wäre ungerecht. Denn der Leidensdruck, den die soziale Ungnade auf die meisten dicken Menschen ausübt, ist schon so groß, dass Gesetze und Gebühren ihn kaum wirksam erhöhen könnten. Wirklich geholfen wäre ihnen erst, wenn die Gesellschaft als Ganze wieder ins kalorische Gleichgewicht fände. Ein bisschen sind die Fettpolster der Dicken unser aller Fettpolster. Übergewicht und Adipositas sind die Kehrseite von Wohlstand und Wirtschaftswachstum.

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Leser-Kommentare

    • 16.05.2007 um 15:35 Uhr
    • zoepp

    Ich erinnere zu Beginn einmal an eine Faktum, das im Zusammenhang mit der Übergewichtsdiskussion gerne übergangen wird: wir "kämpfen" hier mit den Folgen unseres eigenen Erfolges. Die historisch beispiellose wirtschaftliche Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg hat uns eine Situation beschert, auf die wir entwicklungsgeschichtlich nicht vorbereitet sind, nämlich permanenter Überfluss an Nahrungsmitteln statt, wie im grossen Rest der Menschheitsgeschichte, Mangelwirtschaft.
    Man bedenke also, wenn es darum geht irgendwelche Kosten umzuverteilen: die Übergewichtigen sind die notwendige Folge einer grandiosen Erfolgsgeschichte, die systembedingt auch Schattenseiten zeigt. Es ist ein falsches Signal und eine verkürzte Interpretation der Solidargemeinschaft, diese Menschen für ihr "Leiden" mit neuen Kosten zu bestrafen.
    Zweifelhaft ist die Aussage, der Eingriff in den Konsumkreislauf, etwa durch Werbeverbote oder Abgabebeschränkungen, ändere etwas: die Erfahrung lehrt genau das Gegenteil; prominentestes Beispiel ist die Prohibition in den USA. Niemals wurde mehr Alkohol konsumiert als in dieser Zeitspanne.
    Der erfolgversprechendste Ansatz wurde im Artikl bereits genannt: die unteren sozialen Schichten sind am stärksten betroffen - der wesentliche Faktor die Bildung. Es sollte klar sein, wo man ansetzen muss.

  1. 1) Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Adipositas.
    Unsere Kinder werden aus Bequemlichkeit und Zeitmangel teilweise schon im Säuglingsalter(!) vor die Glotze gesetzt. Mittlerweile wissenschaftlich belegt ist ein Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum im Kindesalter und Neigung zu Adipositas im Erwachsenenalter. Ich verweise hierzu auf "Sekundärliteratur" z.B. von Manfred Spitzer.

    2) Mobilität fördert die Bequemlichkeit.
    Wer keine Strecke mehr zu Fuß zurücklegt, sondern alles nur noch mit Auto, Fahrstuhl und Rolltreppe bewältigt, muss sich nicht wundern, wenn er unterm Strich zu wenig Kalorien verbraucht. Das fängt ebenfalls schon bei unseren Kleinsten an. Die meisten müssen nicht mehr in die Schule laufen, sie werden von ihren Eltern bequem mit dem Auto kutschiert, selbst wenn die Schule nur 600 m von zuhause entfernt liegt.

    3) Stoffwechsel-Prinzipien, an denen keiner vorbei kommt.
    Wenn der Körper permanent Kohlenhydrate (Getreideprodukte, Süßigkeiten, süße Getränke) im Überschuss präsentiert bekommt, stellen sich seine Stoffwechsel-Enzyme tendenziell auf Fettsäure-Produktion und -einlagerung um. Gefördert werden diese Prozesse durch den von Ernährungsindustrie und selbst ernannten Ernährungsgurus in die Welt gesetzten Irrglauben, wir müssten uns fettarm ernähren um nicht zuzunehmen. Das Gegenteil ist der Fall: Zuwenig Fett in der Nahrung fördert den Umbau der mit der Nahrung zugeführten Kohlenhydrate zu Fettsäuren. Ein weiterer Mechanismus ist besonders heimtückisch: der massive Anstieg des Blutzuckerspiegels bei Zufuhr kurzkettiger Kohlenhydrate (Industriezucker, Auszugsmehl) führt zu einer äußerst effektiven Gegenregulation durch Insulinausschüttung. Was zur Folge hat, dass der Blutzuckerspiegel genauso rapide wieder abfällt wie er angestiegen ist. Hunger und Appetit kommen also schneller wieder als einem lieb ist. Vergleiche hierzu Lehrbücher der Biochemie. Auch lesenswert: "Fett" von Ulrike Gonder. Also: zum Essen nicht Apfelsaft, Limo oder Cola saufen, sondern Wasser, so wie früher, als es noch nichts anderes gab.

    4) Grundsteine werden bereits im Säuglingsalter gelegt
    Thure von Uexküll hat schon in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in seinem Buch "Grundfragen der Psychosomatischen Medizin" darauf hingewiesen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Sensibilität der Eltern für die Bedürfnisse ihrer Kinder und späterer Veranlagung zu Fettleibigkeit. Das funktioniert folgendermaßen: Der Mensch lernt im Laufe der ersten Lebensjahre seine Bedürfnisse ("Motive") zu unterscheiden - dazu gehören u.a. Hunger, Durst, aber auch Liebe, Zuwendung, Anerkennung. Werden im frühesten Kindesalter sämtliche Gefühlsregungen des Kindes mit der Gabe von Nahrung beantwortet, lernt es nicht, seine Bedürfnisse feiner zu differenzieren, sondern einen als unspezifisch wahrgenommenen "Hunger" stets mit Nahrungsnachschub zu beantworten. Die Folgen dürften jedem klar sein. Wenn man sich dazu die Punkte 1 und 2 anschaut (Bequemlichkeit und Zeitmangel) wird deutlich, wie es in unteren sozialen Schichten (v.a. deren Frauen und Mütter arbeiten ja oftmals für "Hunger"löhne und haben kaum noch Zeit für ihre Kinder) zu solch geradezu paradoxen Erscheinungen kommen kann.

  2. Sündensteuern könnten zwar den Konsum von ungesunden Produkten mindern, aber besser wäre es ein Zertifikatsystem zu etablieren (ähnlich den CO2 Handel). Die Hersteller von ungesunden Nahrungsmittel müssten dann Zertifikate von Biobauern kaufen, was sich darin äußert, dass die gesunden Produkte billiger werden (und die ungesunden teurer). Siehe auch diesen Blog Eintrag von mir.

    seb

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  • Von Birgit Herden
  • Datum 13.5.2007 - 06:49 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
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