Östereich »Wenn die Kinder nicht stottern, ist alles okay«
Das Bildungssystem kennt zwei Klassen. Besuche in einem Gymnasium und einer Hauptschule, in der die »Rückfluter« landen.
Wien
Auf dem Papier sieht es so vielseitig aus, das österreichische Schulsystem. In der dritten Klasse der Hauptschule in der Wendstattgasse basteln die Schüler eine Collage, welche die verschiedenen Bildungswege, die jungen Leuten offenstehen, veranschaulichen soll. Sie sitzen um Vierertische, schneiden eckige Papierstücke aus und kleben sie auf bunte Blätter. Das Blättchen mit der Aufschrift »Hauptschule« wird links unten hingeklebt. Darüber »Polytechnische Schule«, darüber »Lehre«. Auf der anderen Seite: »AHS« und »Universität«. Dazwischen Pfeile. Einer verläuft von der Hauptschule zur AHS und von dort zur Uni. Soll heißen: Von hier aus bis zum Doktorat, das ist möglich.
Theoretisch für alle. Doch dann gibt es Kinder wie Robert. Der Bub mit den blonden Locken, schwarzem Sweater, Jeans und einer großen, roten Digitaluhr zeigt auf – die grüne Kinderschere noch in der Hand. »Kann ich eigentlich noch eine Lehre machen?« Die Lehrerin lächelt. »Ja, kannst du. Wenn du dich ein bisschen bemühst.« Einige andere Kinder kichern. Robert ist 16 Jahre alt und erst in der dritten Klasse. »Ein absoluter Schulverweigerer«, wird Lehrerin Monika Mayer später sagen. »Dabei ist er hochintelligent.« Vor einem Jahr ist Robert von der AHS geflogen. Nun sitzt er in der Hauptschule Wendstattgasse im zehnten Wiener Gemeindebezirk. »Das hier«, sagt seine Lehrerin, »ist seine letzte Station.«
Das zweistöckige Gebäude aus den Siebzigerjahren liegt in der Per Albin Hansson-Siedlung, einer der größten städtischen Wohnhausanlagen in Wien – ein sozialer Brennpunkt. Im schmalen Direktorenzimmer gleich neben der Eingangshalle sitzt Christian Tucheslau zwischen hohen braunen Schränken und Bücherregalen. Seit 20 Jahren leitet er die Bildungsstätte und steht kurz vor der Pension. »Viele sehen unsere Schule als Sackgasse. Egal, wie engagiert wir sind«, sagt er. Tucheslau erzählt von Eltern, die nicht auf seine Briefe antworten, von schlecht besuchten Elternsprechtagen und von gehässigen Leserbriefen in Zeitungen, in denen Hauptschulen als »Deppenschule« dargestellt werden. Jüngst hat sogar eine Expertin behauptet, Hauptschulen würden gegen die Menschenrechte verstoßen. Wie gehen Lehrer damit um? »Man tut, was man kann«, sagt Tucheslau. »Manchmal hat man aber das Gefühl, dass der Input größer ist als der Output.«
Fünf Kilometer weiter nördlich, im Bezirk Margarethen, liegt das Gymnasium Rainergasse. Von außen betrachtet, scheint es keine bessere Schule als die Hauptschule Wendstattgasse zu sein. Da sieht man einen veralteten vierstöckigen Fünfzigerjahrebau ohne Lift. Man sieht Klassen, die das letzte Mal vor drei Jahrzehnten renoviert wurden, Wände, die dringend wieder einmal einen Anstrich vertragen könnten, und abgetretene Parkettböden.
Auch die Unterrichtsangebote der beiden Schulen lesen sich auf dem Papier ähnlich: Beide bieten einen Musik-Schwerpunkt, in beiden Schulen wird Englisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Besonders Sprachbegabte können hier wie dort im Nachmittagsunterricht ein Cambridge Certificate erwerben. Und in beiden Schulen wird besonderer Wert auf fächerübergreifenden Unterricht gelegt. Sogar der Anteil von Schülern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, liegt in beiden Schulen mit etwa einem Drittel gleich hoch.
An diesem Vormittag findet in der 2c der AHS Rainergasse eine fächerübergreifende Arbeit zum Thema Mittelalter statt. Bei Margarete Windsperger, Deutschlehrerin und Klassenvorstand, musste jedes Kind eines von vier zur Auswahl stehenden historischen Büchern lesen. Heute werden die Schüler in Gruppen eingeteilt und sollen Fragen dazu beantworten. Schnell wird klar, wer hier die schwachen, wer die durchschnittlich und wer die hochbegabten Schüler sind. Da gibt es Alex und Max, die hyperaktiven Störenfriede, die sich nie richtig konzentrieren können. Es gibt Jasir, der mit der deutschen Sprache so seine Probleme hat. Und dann gibt es die Vorzugsschüler, die in der Lage sind, andere mitzuziehen. Sonja zum Beispiel. Sie schlägt sich die Hände vors Gesicht, wenn jemand in ihrer Gruppe wieder mal eine dumme Bemerkung schiebt. Das Mädchen gefällt sich in der Rolle derer, die Verantwortung übernehmen: »So, jetzt seid doch mal alle ruhig, wir müssen uns organisieren. Am besten wir stimmen ab. Wer ist dafür, dass wir mit der dritten Frage beginnen?« Gerade hat Max noch sein Pennal und seine Unterlagen auf den Boden geschmissen, um damit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch die Beharrlichkeit seiner Klassenkollegin zeigt Wirkung. Nach ein paar Minuten macht auch er mit und hilft, die Fragen zu beantworten. Wenn Problemkinder wie Max in der AHS nicht mehr zurechtkommen, werden sie in eine Hauptschule versetzt.
Kinder, die das System rückrelegiert, nennt man in der Wendstattgasse »Rückfluter«. Die meisten fallen dort nicht etwa durch besonders gute Leistungen auf. Ganz im Gegenteil. »Die Kinder aus der AHS kommen oft frustriert zu uns. Die haben irgendwie innerlich abgeschlossen und sind durch fast nichts mehr zu motivieren«, sagt Direktor Tucheslau. Ungefähr 20 ehemalige AHS-Schüler bekommt die Wendstattgasse jährlich zugewiesen. Gerade erst ist wegen der vielen »Rückfluter« eine neue dritte Klasse entstanden.
Es ist 8.55 Uhr, in der Hauptschule Wendstattgasse beginnt für die 2b die zweite Stunde: Englisch. »Free Writing« steht auf der Tafel: Die Kinder sollen schreiben, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sie an den heutigen Tag denken. Wenn nachher bloß »hmmm« auf dem Papier steht, ist das auch in Ordnung. »Los«, sagt Lehrerin Gundi Haigner. Und die 30 Schüler beginnen zu schreiben – auf Englisch. Wem ein bestimmtes Vokabel nicht einfällt, der schreibt das Wort einfach auf Deutsch. »Ahmed is my best friend«, hat Tom zu Papier gebracht. »My little sister hat yesterday im Schlaf geredet«, liest Martin vor. »And my brother hat geschnarcht.« Lehrerin Haigner lobt die Kinder für ihre Spontanität. Mit solchen kreativen Übungen, sagt sie, könne man das Potenzial jener Schüler zum Vorschein bringen, »die ansonsten wenig leisten, die am Durchfallen sind«.
- Datum 09.05.2007 - 08:19 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren