Papstreise Benedikt und der ungehorsame Kontinent

In dieser Woche besucht der Papst Lateinamerika. Die römische Kirche – einst konkurrenzlos dort – kämpft an zwei Fronten: Gegen die Befreiungstheologie und gegen evangelikale Sekten, zu denen immer mehr Gläubige überlaufen.

Messe von Papst Benedict XVI. vor etwa 1 Million Menschen in Sao Paulo

Messe von Papst Benedict XVI. vor etwa 1 Million Menschen in Sao Paulo

Am 16. November 1989 herrscht in Deutschland der Ausnahmezustand. Sieben Tage zuvor ist die Mauer in Berlin gefallen. Die Republik feiert die schönste Woche ihrer Nachkriegsgeschichte. So kommt es, dass die Meldung aus dem mittelamerikanischen El Salvador, das sich auch im Ausnahmezustand befindet, nicht allzu viel Aufsehen erregt. Dabei bringt ebendieser 16. November 1989 die finstersten Stunden der Geschichte über das kleine, geteilte Land. Der Bürgerkrieg hat es zerrissen. Und eine Mauer in seiner Hauptstadt San Salvador wird über Nacht zum Symbol dafür, dass dem Hass der Herrschenden nichts mehr heilig ist.

Die Mauer begrenzt die von Jesuiten geleitete Zentralamerikanische Universität (UCA). Sie wird seit Tagen von Armeesoldaten rundum gesichert, weil das Stabsquartier der Streitkräfte in unmittelbarer Nähe liegt und Rebellen die Stadt attackieren. Dennoch dringen in der Nacht zum 16. November, gegen zwei Uhr, sieben Angehörige der von den USA ausgebildeten Eliteeinheit Atlacatl über den bewachten Campus zum Wohnbereich der Lehrkräfte vor. Der Spezialtrupp mit Leutnant Espinoza Guerra an der Spitze holt fünf Padres aus ihren Zimmern. Voran den weit über Lateinamerika hinaus geachteten Rektor und Theologieprofessor Ignacio Ellacuría. Im Vorgarten müssen sich die Priester auf den Rasen werfen, die Gesichter zur Erde. Dann lässt der Leutnant, unbekümmert um den Lärm, über Funk dem stellvertretenden Verteidigungsminister melden: »Wir haben hier noch zwei Frauen gefunden. Was machen wir mit denen?« Die Antwort ist knapp: »Töten!«

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In diesem Moment hört Lucía Berrera de Cerna, die in einem Haus am Rande der Universität wohnt, eine grabestiefe Stimme aus dem Vorgarten. Es muss einer der Theologen sein, der den Uniformierten zubrüllt: »Ihr seid Aasgeier!« Dem Aufschrei folgen die leisen Stimmen der Padres im Chor. Für die Zeugin klingt es wie ein Gebet. Dann krachen Salven.

Um sechs Uhr früh findet der Gärtner Obdulio Elba Ramos acht Tote. Vier Padres auf dem Rasen, zwei Priester im Gebäude. Und die beiden Frauen, mit denen die sonst genau instruierten Mörder nicht gerechnet hatten. Es sind die 42-jährige Köchin der Jesuiten, Julia Elba, und ihre 16-jährige Tochter Celina. Des Gärtners Frau und Kind. Sie wohnten in einem Häuschen vor dem Eingang der Universität. Wegen des Ausnahmezustands hatten die Frauen gerade in dieser Nacht im Wohnkomplex auf dem Campus Schutz gesucht. Den die Armee, so ihr Glauben, absicherte.

Lucía Berrera de Cerna hatte die Camouflage-Uniformen erkennen können; denn die Mörder ließen ungeniert alle Lichter brennen. Sie floh in die spanische Botschaft. Ihre ersten Angaben führten später zur Festnahme der Täter. Nur zwei von ihnen wurden zu lächerlich kurzer Haft verurteilt.

Auch ein Deutscher war Zeuge dieser dunkelsten Tage El Salvadors. Der damals 29-jährige Pater Martin Maier betreute eine Landpfarre und war den Opfern zugleich so nahe wie kaum einer. Er arbeitete an der Jesuiten-Universität für seine Dissertation – über Ignacio Ellacuría. Der Doktorand wohnte in einem Haus der Jesuiten nahe der Universität. Um sieben Uhr morgens klingelte dort das Telefon: »Man hat alle von der UCA erschossen!« Martin Maier, heute in München Herausgeber und Chefredakteur der Kulturzeitschrift Stimmen der Zeit, verfolgt dieser Tag für immer: »Die Bilder im Garten vor dem Haus am Morgen des 16. November bleiben mir unauslöschlich vor Augen. Gehirn und Schädelfragmente lagen neben den Toten auf dem blutgetränkten Rasen. Die Mörder hatten den Opfern gezielt in die Köpfe geschossen – als sollte mit den Hinrichtungen das soziale Gewissen des Landes demonstrativ ausgelöscht werden. Denn die Padres hatten in der Universität Ersatzdienst geleistet für das, was die Politiker nicht bekümmerte.«

Der rechten Oligarchie und der Armee jedoch galten die Jesuiten als liberacionistas, als Befreiungstheologen, als ideologische Wasserträger des Rebellenbündnisses FMLN. In Wahrheit waren die Professoren und Priester nicht nur für die Befreiung aus dem Elend und für eine Kirche der Armen aufgestanden, sondern auch gegen die Gewalt und Gräuel aller Seiten. Weil sie den Bürgerkrieg für das größte Übel hielten, versuchten sie zwischen Rebellenführern und hohen Militärs zu vermitteln, eine tödliche Mission.

Nur einer überlebte: Jon Sobrino. Der damals 51-jährige Theologe hielt gerade Vorträge in Thailand. Dass auch er auf der Todesliste stand, demonstrierten die Mörder mit bestialischer Symbolik. Sie schleiften den schon erschossenen Professor und Novizenmeister Juan Ramón Moreno aus dem Vorgarten in jenes Zimmer, das mit Sobrinos Namen ausgeschildert war. Dabei fiel ein Buch in die Blutlache: El Dios Crucificado, die spanische Ausgabe von Der gekreuzigte Gott, dem Buch des deutschen Theologen Jürgen Moltmann. Es liegt heute unter Glas in dem Raum, in dem der Toten gedacht wird.

Jon Sobrino, der mit diesem Erbe überlebte, verfasste im Jahrzehnt nach dem Massaker zwei theologische Standardwerke, sie werden von vielen Fachleuten hoch geschätzt: Jesucristo liberador (Der befreiende Christus) und La fe en Jesucristo (Der Glaube an Jesus Christus).

Darin wendet sich Sobrino gegen eine Sicht, die Jesus als einen »karitativen«, rein »fürsorglichen« Christus versteht. Er betont die innerweltliche, befreiende Dimension: »Wird Jesus von Nazareth vergessen und zurechtgestutzt, dann wird Christus in seiner Bedeutung verdreht… In Jesus aber hat Gott den Christus, den Träger messianischer Hoffnung, mit der Befreiung der Unterdrückten verbunden. Dies wird durch die Menschen wieder getrennt, sodass das Christusbild ohne Jesus dann sogar in das Gegenteil des ursprünglich Gemeinten verkehrt werden kann … ganz im Interesse der Mächtigen und Unterdrücker.«

Am 15. März dieses Jahres ist Jon Sobrino als erster Theologe unter Papst Benedikt XVI. wegen dieser beiden Bücher abgemahnt worden. In einer Notifikation wirft ihm die Vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre vor, die »normativen Aussagen des Neuen Testaments und die Konzilien der frühen Kirche zu entwerten, wie zum Beispiel die Göttlichkeit Jesu Christi…« Sobrino mache nicht den Glauben der Kirche zum Ausgangspunkt der theologischen Reflexion, sondern die »Kirche der Armen«.

Leser-Kommentare
    • Poco
    • 13.05.2007 um 23:21 Uhr

    Interessanter Artikel! Der Autor zeigt viel Hintergrundwissen bezüglich der in Lateinamerika staaatlich und kirchlich unterdrückten Befreiungstheologie. Es ist zu hoffen, das die kath. Kirche ihren Antireflex gegen die Option für die Armen überwinden kann. Tut sie es nicht, wird sie im krisengeschüttelten Lateinamerika nicht "Kirche des Volkes" sein können, damit auch nicht mehr "Volkskirche".
    So sehr der Autor m.E. eine differenzierte und von Hintergrundwissen geprägte Sicht auf die Befreiungstheologie hat, so sehr fehlt mir das in Bezug auf die als "Freikirchen und Sekten" subsumierten protestantischen Kirchen. Man muß deren Unzulänglichkeiten nicht schönreden, aber hier hätte etwas mehr Differenzierung gut getan. Das Phänomen ist weit aus komplexer als "emotionale Bauernfängerei", wie es die kath. Kirche in ihrem Abwehrkampf glauben machen möchte. Interessant aber nicht verwunderlich, dass protestantische deutsche Kirchenfürsten in ihrer Bewertung oftmals weitaus positiver sind als ihre katholischen Kollegen. Schon lange sind diese kleinen Kirchen nicht mehr bloß aus den USA finanziert, sondern entstehen wild und unabhängig (und von Hierarchien unkontrolliert). Immer mehr unter ihnen betreiben gerade in den Slums Sozialarbeit, Kinderheime etc. Ihre Stärke (und damit Gefahr für die kath. Kirche) liegt darin, dass in ihnen meist ein ausgeprägtes Gemeinschaftsleben existiert, wo der Einzelne aufgehoben und wichtig ist, ähnlich wie in den bekämpften kath. Basisgemeinden, aber ganz anders als in der sanktionierten Kirchenform, die den kath. Gläubigen auf die Rolle des bloßen Zuschauers und Dabeiseiers von ritueller Handlungen kirchlicher Profis beschränkt. Dies scheint mir die Überlebensfrage der kath. Kirche in der Zukunft in Lateinamerika (und vielleicht nicht nur dort) zu sein.

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