Papstreise Benedikt und der ungehorsame KontinentSeite 5/5
Gutierréz stellte später in einer Überarbeitung seiner »Theologie der Befreiung« in der Tat das Ethos über die Utopie und räumte ein: »Es erwies sich als notwendig, unsere Ausdruckweise zu verfeinern.« Auch der Glaubenswächter Ratzinger klappte dann sein Scharnier hoch: »Das hat uns geholfen, ihn zu verstehen. Und er hat andererseits die Einseitigkeit seines Werkes eingesehen und es wirklich weiterentwickelt auf eine sachgerechte und integrationsfähige Form von ›Befreiungstheologie‹ hin.« Als der erzkonservative Bischof von Lima, Juan Luis Cipriani, wieder ein Verfahren gegen den Befreiungstheologen anstrengen wollte, ließ der Papst wissen: Nun reiche es, Gutierréz sei zu rehabilitieren. Am Aschermittwoch dieses Jahres legte Benedikt XVI. in Rom dem Vater der Befreiungstheologie das Aschekreuz auf.
Wie aber ist bei so viel Versöhnung am Ende die Abmahnung des leidgeprüften Jon Sobrino zu erklären? Die »Notifikation« hatte eigentlich schon am 5. Januar erscheinen sollen. Bei ihrer verspäteten Veröffentlichung war ihr dann zusätzlich eine erklärende Note vorangestellt worden. Und der Pressesprecher des Vatikans, Federico Lombardi, erklärte ausdrücklich, die Bekanntmachung bedeute »keine Verurteilung«. Mehr ist aus dem Vatikan seither nicht zu erfahren. Aber vieles spricht dafür, dass konservative Kurienkardinäle beabsichtigt hatten, den Fall Sobrino für die Bischofskonferenz zu einem neuen Rundumschlag gegen die Kirche der Armen zu benutzen. Benedikt hingegen wollte nur als Mahner, nicht als strafender Papst in Erscheinung treten, keine neuen Scheiterhaufen entzünden.
Dass die theologischen Positionen von Joseph Ratzinger und Jon Sobrino dennoch unvereinbar bleiben, liegt nicht zuletzt an ihren Biografien. Ratzinger lehrte ausgerechnet zwischen 1966 und 1969 in Tübingen, dem Hort progressiver Theologen. Der fromme Hochbegabte aus der tiefsten bayerischen Provinz erschauderte ob der »Zerstörung der Theologie durch ihre Politisierung im Sinne des marxistischen Messianismus«, wie er es in seinen Erinnerungen bezeugt. Am Ende brachte er seinen Glauben in der katholischen Feste Regensburg in Sicherheit.
Vierzig Jahr später geißelt er zwar die »Grausamkeit eines Kapitalismus, die den Menschen zur Ware degradiert« – aber jede Instrumentalisierung der Theologie lehnt er weiter ab. »Die Kirche kann nicht und darf nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen«, hat er in seiner ersten Enzyklika betont. »Sie kann und darf sich nicht an die Stelle des Staates setzen.« Das ist eine Position, für die heute, im Schatten des islamischen Fundamentalismus, viele Bürger mehr Verständnis aufbringen als früher. Für den einstigen brasilianischen Erzbischof Kardinal Páulo Evaristo Arns aus São Paulo ist das jedoch nicht zu Ende gedacht: Es könne, so hat er sinngemäß gesagt, keine unpolitische Kirche und Theologie geben. Wenn sie es sei, setze sie sich für den Status quo ein – als gottgewollt.
Jon Sobrino ist der gleichen Überzeugung – auch bei ihm ist sie biografisch begründet. »Die traumatischen Erfahrungen aus den vergangenen 50 Jahren haben sich tief in diese Lebensgeschichte eingegraben«, sagt der österreichische Jesuit und Mitherausgeber des Gesamtwerks von Karl Rahner, Andreas Batlogg. »Angesichts von Zehntausenden Bürgerkriegstoten und Verschwundenen, angesichts einer gespaltenen kirchlichen Hierarchie, die oft an der Seite der korrupten Oligarchien stand, angesichts massiver Interventionen aus Rom, ›linientreue‹ Bischöfe zu installieren, kann einer nicht Theologie treiben, die lediglich lehramtliche Daten wiederholt, völlig unabhängig vom Kontext.«
Die Karibische See rauscht, die Sterne funkeln. Doch Selino Ortiz und Juan Polo starren zu Boden. Wie ihre versklavten Vorfahren in den historischen Bildbänden. Am Nachmittag hat der Bürgermeister der kolumbianischen Touristenperle Cartagena das alte Paar und noch sieben Nach-barn aus ihren Wohnungen setzen lassen. Jetzt hocken rund 50 Afrokolumbianer aus dem Fischerdorf La Boquilla mit ihren handgemalten Protestplakaten niedergeschlagen am Strand. Ein paar Kilometer weiter südlich überreicht der Bürgermeister zu dieser Stunde den goldenen Schlüssel Cartagenas an Bundespräsident Horst Köhler, der auf seiner Lateinamerika-Reise gerade in der einst legendären Hauptstadt der spanischen Vizekönige eingetroffen ist.
Die Fischer haben auch einen deutschen Gast. Allerdings schon seit geraumer Zeit. Evelyn Burgmaier, die im Auftrag der katholischen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) in Köln für die Sozialpastoral der Erzdiözese Cartagena arbeitet, bringt einen kleinen Hoffnungsstrahl nach La Boquilla. Mit zwei Rechtsanwältinnen hat die 35-Jährige Grundstücksverzeichnisse und Besitzurkunden aus dem 19. und 20. Jahrhundert aufgetrieben. Von der Hacienda de Crespo, zu der die Ländereien ringsum gehörten – und die Sklaven ebenso.
Deren Nachfahren blieben auf dem Land, als die Hacienda 1931 niemand mehr wollte. Nach kolumbianischem Recht ist es längst ihr Boden – nur Rechtstitel dafür haben sie nicht. Jetzt heißt es, ihr Land liege unter dem Meeresspiegel und drohe überschwemmt zu werden. Nach dieser »Expertise« hat die Nachbargemeinde ihren Grund im Kollektiv und spottbillig verkauft. Inzwischen sind auf dem »Überschwemmungsgebiet« Luxushotels hochgezogen worden. Das malerische Cartagena hat ehrgeizige Entwicklungspläne. So werden die Fischer von La Boquilla wohl in alle Winde verstreut werden. Doch ohne die pastorale Hilfe wäre ihr Schicksal noch härter. Evelyn Burgmaier und die beiden Rechtsanwältinnen helfen ihnen, Fristverlängerungen und finanzielle Hilfsversprechungen zu erkämpfen.
Cartagena ist durch den Tourismus ein relativ sicherer Hafen auch für die Kirche der Armen. Viele Orte im Drogenland Kolumbien sind es noch immer nicht. Yolanda Ceron, die in der Diözese von Tumaco die Sozialpastoral leitete, führte Buch über alles Land, von dem rechte Paramilitärs die Armen vertrieben: Hektar für Hektar. Am 19. September 2001 – es war der achte Tag, an dem die schockierte Welt nur die Trümmer der New Yorker Zwillingstürme vor Augen hatte – wurde das kleine Katasteramt der Nächstenliebe in Tumaco ausgelöscht. Um zwölf Uhr mittags erschossen Paramilitärs Yolanda Ceron vor der Kirche Nuestra Señora de Merced.
Das erste Dokument zur Vorbereitung der Bischofskonferenz des Jahres 2007 erwähnt die Ordensfrauen, Bischöfe, Priester, pastoralen Mitarbeiter nicht, die ihre Einsätze mit dem Leben bezahlten. Kein Wort über die Basisgemeinden und die Befreiungstheologie. Viele Gläubige sehen darin ein Signal für die »vergessene Zukunft« der katholischen Kirche.
Anderen erscheint der militante Frieden des Evangeliums, wie ihn die Befreiungstheologie sucht, als ein falsches Ziel. Aus dieser – vor allem europäischen – Sicht sollte die Kirche ein Raum der stillen Besinnung und Selbstfindung bleiben. Ein Refugium vor der – um es mit den Worten von Benedikt XVI. auszudrücken – »Diktatur der Gewöhnlichkeit« und der »verlogenen Vergöttlichung der Macht und des Wohlstands«. Nur bietet den 290 Millionen Latinos in Armut und den 81 Millionen im Elend die Not kaum eine Chance zur Besinnung – allenfalls zur Betäubung. Wie ihre Flucht in die Sekten zeigt.
Welchen Weg zwischen ihrem irdischen Los und dem jenseitigen Heil Papst Benedikt XVI. diesen Menschen weisen wird, erwarten nicht nur die 270 in Aparecida versammelten Kardinäle, Bischöfe und Ordensleute mit Ungeduld.
- Datum 14.05.2007 - 13:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
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Interessanter Artikel! Der Autor zeigt viel Hintergrundwissen bezüglich der in Lateinamerika staaatlich und kirchlich unterdrückten Befreiungstheologie. Es ist zu hoffen, das die kath. Kirche ihren Antireflex gegen die Option für die Armen überwinden kann. Tut sie es nicht, wird sie im krisengeschüttelten Lateinamerika nicht "Kirche des Volkes" sein können, damit auch nicht mehr "Volkskirche".
So sehr der Autor m.E. eine differenzierte und von Hintergrundwissen geprägte Sicht auf die Befreiungstheologie hat, so sehr fehlt mir das in Bezug auf die als "Freikirchen und Sekten" subsumierten protestantischen Kirchen. Man muß deren Unzulänglichkeiten nicht schönreden, aber hier hätte etwas mehr Differenzierung gut getan. Das Phänomen ist weit aus komplexer als "emotionale Bauernfängerei", wie es die kath. Kirche in ihrem Abwehrkampf glauben machen möchte. Interessant aber nicht verwunderlich, dass protestantische deutsche Kirchenfürsten in ihrer Bewertung oftmals weitaus positiver sind als ihre katholischen Kollegen. Schon lange sind diese kleinen Kirchen nicht mehr bloß aus den USA finanziert, sondern entstehen wild und unabhängig (und von Hierarchien unkontrolliert). Immer mehr unter ihnen betreiben gerade in den Slums Sozialarbeit, Kinderheime etc. Ihre Stärke (und damit Gefahr für die kath. Kirche) liegt darin, dass in ihnen meist ein ausgeprägtes Gemeinschaftsleben existiert, wo der Einzelne aufgehoben und wichtig ist, ähnlich wie in den bekämpften kath. Basisgemeinden, aber ganz anders als in der sanktionierten Kirchenform, die den kath. Gläubigen auf die Rolle des bloßen Zuschauers und Dabeiseiers von ritueller Handlungen kirchlicher Profis beschränkt. Dies scheint mir die Überlebensfrage der kath. Kirche in der Zukunft in Lateinamerika (und vielleicht nicht nur dort) zu sein.
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