Versprochen war viel: Rund 1.000 Euro netto sollte Maria Z. aus Stettin am Ende eines Monats nach Hause bringen, mindestens 700 wurden Jarek T. in Aussicht gestellt, der in Bromberg lebt. Auch anderen Arbeitssuchenden gelobten die Vermittler, dass sie in Deutschland bekommen, was sie in Polen nicht hatten: gute Arbeit, gutes Geld, gute Bedingungen.

Gehalten wurde wenig: Nicht acht Stunden täglich arbeiteten die Polen, sondern nach eigenen Angaben teilweise mindestens elf, das über Wochen und überwiegend nachts. Der »gute Lohn« betrug manchmal nicht mehr als 600 Euro im Monat. Die Arbeitsbedingungen waren schlecht, die Lebensumstände miserabel: Sechs Personen teilten sich mitunter ein Zimmer, zwanzig lebten in einer einzigen Wohnung. So die Berichte der Betroffenen.

Tausende polnische Arbeitskräfte arbeiten in deutschen Betrieben. Sie tun das ganz legal – wie beim Fleischverarbeiter B&C Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. In seinem Werk sind rund 3.000 Menschen beschäftigt, die Hälfte von ihnen hat einen Arbeitsvertrag mit dem deutschen Unternehmen. Für etwa 1.500 weitere Beschäftigte, darunter viele Rumänen oder Polen, heißt der Arbeitgeber nicht Tönnies, sondern zum Beispiel Agro Visbek oder Marko-Bis – polnische Dienstleister, die Polen nach Deutschland vermitteln.

Tönnies vergibt Arbeit über Werkverträge an deutsche Subunternehmen, die wiederum holen sich die nötigen Arbeitskräfte aus dem osteuropäischen Ausland. »Ohne vorherige Schulung wurden wir am Fließband postiert«, berichtet Maria Z. »Wir packten das Fleisch in Schalen, 190 Kilogramm betrug die Stundennorm. Schaffst du die Norm nicht, bekommst du weniger Lohn.« Ein anderer polnischer Arbeiter: »Man bekam Aufgaben, für die eigentlich drei Arbeitskräfte nötig gewesen wären.«

Beaufsichtigt wurden die Polen von Polen – in deutschen Fabriken. »Unsere Aufseher verfolgten uns auf Schritt und Tritt, Drohungen waren an der Tagesordnung. Eine Kollegin hatte sich verletzt, der Aufseher sagte, sie solle sich verpissen«, so die polnische Arbeiterin Monika B. Gearbeitet wurde von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Vertraglich seien drei Stunden Pause vorgesehen, tatsächlich habe es nur zwei Arbeitsunterbrechungen von je 30 Minuten gegeben, sagen die Polen.

Und die Deutschen? Tönnies verweist darauf, dass nicht das deutsche Unternehmen, sondern der polnische Vermittler als Arbeitgeber für die Aufsicht bei der Arbeit, die Festlegung der Normen, die Löhne und für die Einhaltung der Arbeitszeiten verantwortlich sei. Polnische »Gruppenleiter« würden das ungelernte Personal einweisen; Fälle, in denen zwölf Stunden lang gearbeitet wurde, seien ihm »nicht bekannt«, sagt ein Sprecher der Firma. Überdies liege nach Angaben des deutschen Subunternehmens, das die polnischen Dienstleister beauftragt habe, der Stundenlohn für die polnischen Schlachter bei etwa 6, der für die meist weiblichen Verpackerinnen bei 4 bis 4,30 Euro netto – bei 40 Wochenstunden wären das 640 bis knapp 700 Euro monatlich. Diese Daten seien allerdings »nur bedingt verifizierbar«, so der Sprecher. Beim Lohn sei man »ständig getäuscht« worden, meint der polnische Arbeiter Jarek T.: »Wir bekamen im Schnitt 600 Euro im Monat. In der Regel musste man 300 Stunden arbeiten, bezahlt wurden aber nur 200.«

Werner Dümpelmann, örtlicher Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, nennt Zustände wie bei Tönnies »Kapitalismus pur«. Dazu gehöre auch die Unterbringung der polnischen Gastarbeiter in winzigen Wohnungen mit schlechten sanitären Ausstattungen. Auch hier widerspricht Tönnies. Stichproben der Unterkünfte seien »ohne Beanstandungen« geblieben, sagt der Sprecher. Allerdings nehme das Unternehmen das Thema ernst. »Tönnies möchte einen Ehrenkodex in der Branche, mit dem etwa Arbeitsbedingungen geregelt werden, und ist auch bereit, über einen Mindestlohn zu reden«, so der Sprecher.

Rechtlich kann Tönnies kaum belangt werden, legale Schritte sind nur in Polen gegen die dortigen polnischen Vermittler möglich. Genau diesen Weg gehen jetzt zwei polnische Studenten. Sie klagen gegen Agro-Visbek und Marko-Bis. Die beiden waren kurzzeitig an die Paderborner Nahrungsmittelfabrik Stute vermittelt worden. Ein Stute-Sprecher teilte mit, das Unternehmen habe nachweislich keine Fehler und keinen Rechtsbruch begangen.

Bartosz Wielinski ist Deutschland-Korrespondent der polnischen Tageszeitung »Gazeta Wyborcza«

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