Sachbuch Ach, Mutter
Christina von Braun und Alexandra Senfft steigen ins Archiv der Gefühle und schreiben Familiengeschichte.
Fotos sind trügerisch. Diese Familienfotos zeigen ansehnliche Frauen, gefällig in Pose, häufig mit Mann, nicht selten ganz in Weiß, eine beugt sich an ihrem Frühstückstisch strahlend vor, um ihre Tochter in dem Hochstühlchen zu beäugen. Idylle auf Balkon, inklusive Oma.
Eine Frau steht in ihrem weißen Kostüm neben einer Limousine, vor ihr das Mädchen mit den Affenschaukeln. Gattin vor Ausfahrt, Hakenkreuz am Wagen. Eine junge Frau im schimmernden Seidenmantel, dazu die passende Pillbox, ihr Mann balanciert den Regenschirm über ihr und dem Kind, welches sie so hart am Arm packt, dass man fürchten muss, das Blumenkörbchen in der Hand des Mädchens könnte abfallen. Szenen einer Veranstaltung, die wir Familie nennen und die in endlosen Variationen gespielt wird, das allein aber wäre natürlich belanglos, Familie haben schließlich alle, als Intimbereich. Familiengeschichte als öffentliches Geschehen braucht die Ingredienzien Unglück und Geheimnis, Verstrickung in Schuld, Skandal, Sühne und Verhängnis, wird erst so Tragödie, auflagengeeignet – oder gar historisch bedeutsam, so viel behaupten jedenfalls die Autorinnen der beiden Familiengeschichten, in denen die beschriebenen Bilder zu betrachten sind. Alexandra Senfft und Christina von Braun haben sich vorgenommen, ihre Familiengeschichte zu erzählen, »eine deutsche Familiengeschichte« sei es, schreibt Alexandra Senfft, »eine andere Familiengeschichte« verspricht Christina von Braun. Geschichten, die erzählen, was die Fotos nicht zeigen, die wahre Geschichte sozusagen. Aber was ist schon wahr?
Ist Leben überhaupt erzählbar, wenn ja, wer dirigiert die Handlung?
Wie tief kann man in das Leben anderer eintauchen, was hat man selbst darin verloren, was wäre darin zu finden, was andere angeht? Ist Leben überhaupt erzählbar, und wenn ja, wer dirigiert die Handlung? Das Schicksal? Oder die Protagonisten? Sind es vielleicht die, die erzählen, mit ihrem eigenen Interesse, hier zum Beispiel zwei Töchter?
Christina von Braun und Alexandra Senfft sind keine naiven Frauen. Die eine, Jahrgang 1944, Kulturwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin und davor in Paris und Amerika lebend, die andere, rund zwanzig Jahre jünger, Journalistin, auch für die UN vor Ort in Gaza und im Westjordanland als Beobachterin und Pressesprecherin. Beide Frauen der Öffentlichkeit also, übrigens auch selbst Mütter und nun eintauchend in Privates, das sie hier öffentlich stellen. Christina von Braun hat sich vorgenommen, die Geschichte ihrer Großmutter zu erforschen, Mutter ihrer Mutter, es ist die strategische Suche nach einer ihr Unbekannten, einer tüchtigen Kriegerwitwe des Ersten Weltkriegs, die drei Monate nach Christinas Geburt starb, Herzstillstand im Frauengefängnis Berlin. Wie bitte? Wie durch ein Dickicht schlägt sich die Enkelin zu ihr, durch Schweigen. Alexandra Senfft dagegen hat sich aufgemacht, eine Frau auf Distanz zu bringen, sich zu retten aus der Verstrickung mit einer unglücklichen Mutter, selbstzerstörerisch bis zu ihrem Tod durch Verbrühung bei einem Sturz in kochend heißes Badewasser. Senfft ringt mit diesem Erbe wie mit Tentakeln.
Hildegard also und Hilde, Erla und Eri. Es ist eine Frauengeschichte
- Datum 16.05.2007 - 05:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
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Davon hatten wir doch schon so viele, angefangen bei den Buddenbrooks und dann die lange Reihe von Familien ab Ende des 19. Jahrhunderts bis zu den Ur-Enkeln von heute heute, von denen sich viele aufgefordert fuehlen, nun endlich dem geneigten Publikum etwas ueber die Grosseltern, die 2 Weltkriege ( eignen sich immer noch gut fuer die Verklaerung von Schicksalen, von Trennung, Tod, Vertreibung und grossen Frauenfiguren, die die Familie zusammenhielten ), zu erzaehlen.
Ich werden das Buch wohl nicht lesen. Habe davon auch viel selbst erlebt. Meine Grosseltern sind 1875 geboren, und meine Grossmutter war auch ueberwiegend in weiss auf den Fotos. Bis 1915 jedenfalls, danach nur noch in schwarz, weil der Grossvater in Polen fiel.
Für spätere Generationen erweist es sich zunehmend als bedeutsam, durch anschauliche Lebenserinnerungen und Familiengeschichten einen Bezug zur Vergangenheit herstellen zu können. Bis heute prägen die Erfahrungen gerade der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Biografien vieler Eltern und Großeltern. Um die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, müssen diese Erinnerungen erzählt werden. Ein Bewusstsein der Geschichte ist für Kinder und Kindeskinder von unschätzbarem Wert.
Ein weiteres Beispiel solch einer Lebensgeschichte, die in diesem Falle von der Kindheit in und der Flucht aus Schlesien berichtet, ist das Buch " Was bleibt, ist die Erinnerung" von Heinz Schwark. Auch er macht Vergangenheit zugänglich.
Leseprobe:
Bald darauf kamen die Polen mit ihren Pferdewagen. Sie staunten nicht schlecht, dass wir mit unseren Bündeln schon bereitstanden. Sie konnten ja nicht ahnen, dass wir schon informiert worden waren.
Andere hatten weniger Glück. Unterwegs trafen wir viele Menschen, die nicht mehr bei sich hatten als die Kleider, die sie auf dem Leib trugen. Auch ein Verwandter war darunter: der Bruder meiner Großmutter. Er ging an zwei Stöcken und hatte es nicht einmal geschafft, sich richtige Schuhe anzuziehen. Seine Füße steckten in Filzpantoffeln, mit denen er kaum laufen konnte. Seiner Frau erging es ähnlich.
(herausgegeben von Rohnstock Biografien Berlin, http://www.rohnstock-biog...)
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