Lauter Missverständnisse

Was will »Bild« in Berlin?

Bislang war die Bild-Zeitung immer auf zwei Dinge stolz: die Schnellste zu sein in der Verarbeitung von Ereignissen zu Nachrichten-Hackepeter. Und das Ohr immer ganz nah dran zu haben an Volkes Stimme. Doch nach den jüngsten Äußerungen des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann darf man zweifeln, ob es um diese Kardinaltugenden noch gut bestellt ist. In der FAZ stellte Diekmann den Umzug von Bild nach Berlin in Aussicht. Uns hier in Hamburg soll das recht sein, das sind 700 Konkurrenten weniger beim Kampf um die besten Plätze bei den hanseatischen Stehempfängen. Aber Diekmanns Begründungen erfüllen uns mit Sorge um die Weitsicht der Kollegen.

Um weiterhin erfolgreich sein zu können, müsse man sich der neuen Rolle Berlins stellen, sagt Diekmann. Hallo? Kann in der Bild-Redaktion mal jemand den Kalender zum richtigen Jahr vorblättern? Wer »neue Rolle« und »Berlin« im Jahr 2007 noch in einem Satz verwendet, zahlt ja selbst beim Heuberger Boten fünf Euro ins Phrasenschwein! Und dass die Hauptstadt die tolle »Schnittstelle zwischen Ost und West« sei, darüber kann im Jahre 18 der Wiedervereinigung sogar das Faultier im Berliner Zoo nur herzhaft gähnen. Es ist paradox: In dem Moment, in dem am Potsdamer Platz symbolträchtig die Fensterscheiben aus den Möchtegernhochhäusern fallen und die Fassaden bröckeln, will Bild ein Berliner sein. Beide, die Zeitung und die Stadt, seien in Deutschland die Größten und »Agendasetter«. Das übersetzt man schon in Spandau mit Märchenonkel.

Berlin ist eben nicht der deutsche Normal-, sondern der Sonderfall. Nirgendwo sind die Busfahrer unfreundlicher, die Schulden höher, die Schulschlägereien brutaler, die Selbstüberschätzungen größer. Und das erzählen nicht wir, die Nichtberliner auf Stippvisite, sondern die Metropolenbewohner selbst, und es ist nicht immer klar, ob sie voll echter Verzweiflung oder voller Sündenstolz so klagen.

Im Regierungsviertel, in den dazugehörigen Szenebezirken und Restaurants versichern sich Journalisten und die Gegenstände ihrer Arbeit so lange der eigenen Bedeutsamkeit, bis man eng umschlungen und weltvergessen in einem Orbit weit jenseits der Bundesrepublik kreist. Inzwischen macht sich beim Homo Berlinensis Mitte eine genetische Veränderung breit, die Experten von außerhalb als Morbus Borchardt diagnostizieren: Wenn die Betroffenen ein Restaurant oder einen anderen öffentlichen Ort betreten, beginnen sie reflexartig den Kopf hierhin und dorthin zu wenden, um zu ermitteln, ob sie auch 1.) ja erkannt werden und 2.) bloß nicht jemanden verpassen, der noch wichtiger ist als sie selbst.

Kai Diekmann und sein Blatt sind nur die prominentesten Opfer des Agendasettings, an dem er so gerne teilhaben möchte. Wenn er wirklich eine Zeitung machen wollte, die so wäre wie das Land und seine Bewohner, sollte er die Redaktion nach Rheda-Wiedenbrück, Wanne-Eickel oder Jauernick-Buschbach verlegen. Denn Deutschlands Herz schlägt in der Provinz. Christof Siemes

Audio a www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • yella
    • 14.05.2007 um 9:36 Uhr

    BILd soll bleiben, wo es ist. Das eingesparte Geld kann man für Aktivitäten verwenden, um die 1 Mio. Auflage zurückzuerobern, die in der Ära Diekmann verloren ging.

  1. Juchu! Bild zieht nach Berlin! Das wurde auch Zeit das wir Europas grösste Erfinderwerkstatt los werden! Die Politik sollte ein Gesetz erschaffen, welches der Presse vorgibt das mindestens 50% der Inhalte WAHR sein müssen!
    Ein Hamburger, der sich tierisch freut das die Springer-Band e hier abhaut!

    • dasOJO
    • 18.05.2007 um 12:50 Uhr

    Och Mönsch, Herr Siemes, Sie platzen ja gleich vor Neid. Klar, in Berlin ist alles ganz ganz schlimm dreckig, die Hochhäuser sind eigentlich gar keine (und bröckeln tun sie auch), die Stadt ist total pleite, die Schüler prügeln sich nur und alle tun nur so, als wären sie wichtig. Ganz schlimm hier. Wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß im ruhigen Hamburg. Und falls Sie doch mal in die Großstadt fahren müssen: Vorsicht! Hier ist's ganz übel gefährlich, sage ich Ihnen...

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  • Quelle DIE ZEIT, 10.05.2007 Nr. 20
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