Raumfahrt Kein Taxi ins All

Die Nasa hatte versprochen, ein milliardenteures Forschungsgerät zur Internationalen Raumstation zu fliegen. Nach zwölf Jahren ist es fast fertig, doch der Transportflug wurde gestrichen.

Es ist eines der größten Forschungsprojekte, die je zum Einsatz im All entwickelt wurden: eine Art Weltraumteleskop für hochenergetische kosmische Strahlung. Das Supergerät sollte an der Internationalen Raumstation ISS andocken. Doch nun hat die US-Raumfahrtbehörde den von ihr versprochenen Transport für die Strahlensonde gestrichen.

Dadurch wird der gewaltige Himmelsspäher, ein Teilchendetektor namens Alpha Magnetic Spectrometer (AMS), zwangsläufig zur Ruhe gebettet. An ihm haben rund 500 Wissenschaftler aus 16 Ländern zwölf Jahre lang gearbeitet. Die Astrophysiker versprechen sich von unverfälschten Messungen der hochenergetischen Strahlen wichtige Einblicke in die Entstehung von Materie und Antimaterie direkt nach dem Urknall. Das AMS sollte auch zur Entschlüsselung der Dunklen Materie beitragen. Aus diesem rätselhaften Zeug besteht ein Großteil des Universums. Doch kaum hat die Endmontage des sieben Tonnen schweren Strahlenspähers am Forschungszentrum Cern in Genf begonnen, da schockt seine Erbauer die Botschaft: Auf der Liste der 16 noch vorgesehenen Starts der amerikanischen Raumfähren taucht ihr AMS gar nicht mehr auf!

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»Jeder Flug, der mir noch bleibt, muss für die Fertigstellung der Internationalen Raumstation genutzt werden«, hatte Nasa-Chef Michael Griffin Ende Februar vor dem Raumfahrtausschuss des US-Senats in Washington erklärt. Dann folgte die Botschaft, die Ärger und Verunsicherung bei den Wissenschaftlern auslöste. »Nach gegenwärtigem Kenntnisstand«, bekannte Griffin, gebe es bis zur beschlossenen Ausmusterung der letzten drei Raumgleiter im Jahr 2010 keine Mitflugmöglichkeit mehr für das AMS.

»Ich kann nur hoffen, dass das nicht das letzte Wort ist«, grummelt Samuel Ting, Vater und Leiter des Projekts. Mit gewaltigem persönlichem Einsatz ist der inzwischen 71-jährige Kernphysiker zwischen Asien, Europa und den USA hin und her gejettet, um die weltweite Wissenschaftlerkooperation auf den Weg und dann auf Trab zu bringen. Politisch einmalig ist dabei eine enge Zusammenarbeit von Forschern aus Taiwan und der Volksrepublik China. Ohne Ting wäre sie schwerlich zustandegekommen. 1,5 Milliarden Dollar sind unter seiner Regie bislang in den Bau des AMS geflossen.

Davon hat der nun abtrünnige Partner Nasa immerhin 55 Millionen getragen. Weitere 30 Millionen steuerte das in den USA für Grundlagenforschung zuständige Department of Energy bei. Insgesamt beträgt der amerikanische Anteil an den Gesamtkosten jedoch nicht mehr als zehn Prozent. Für den großen Rest sind die nun düpierten internationalen Partner aufgekommen. So ist Deutschland mit gut fünf Prozent beteiligt. Im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben die Technischen Hochschulen in Aachen und Karlsruhe einen Detektor für das AMS entwickelt. Er funktioniert ähnlich wie ein Geigerzähler und soll vor allem die Geschwindigkeit der kosmischen Teilchen messen. Anschließend werden sie von einem erstmals im Weltall eingesetzten supraleitenden Magneten abgelenkt und genauer bestimmt.

Trotz der Nachrichten aus Washington laufen die Entwicklungsarbeiten weiter. Der Aachener Experimentalphysiker Stefan Schael, Projektleiter des deutschen AMS-Beitrags, übt sich in Zweckoptimismus: »Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was Nasa-Chef Griffin sagt, und dem, was er tut.« Hoffnung macht ihm vor allem, dass auch ein 40-köpfiges Nasa-Team weiterhin für das Projekt arbeitet. Die Raumfahrtexperten bereiten die im Mai anstehende Sicherheitsprüfung in Houston für den Flug mit einem Spaceshuttle vor. »Wir werden unser Experiment wie geplant im Dezember 2008 am Kennedy Space Center abliefern. Dann haben wir alles getan, was möglich ist«, sagt Schael. Er macht sich mit einer alten Weisheit der Raumfahrt Mut: »Totgesagte leben länger.«

Jedenfalls sind enorme Zeitverschiebungen branchenüblich. So hatte der Start des Hubble-Weltraumteleskops sich 1986 wegen des Challenger-Absturzes um fast vier Jahre verzögert. Und das europäische Weltraumlabor Columbus, das ursprünglich 2004 zur ISS gebracht werden sollte, steht wegen der Columbia-Katastrophe noch immer abflugbereit in einem staubfreien Lagerraum. Immerhin ist es auf der offiziellen Nasa-Startliste inzwischen auf Platz vier vorgerückt und soll am 6. Dezember starten.

»Bindende Verträge gibt es bei solchen Raumfahrtprojekten nie«, sagt Thomas Galinski, der zuständige Abteilungsleiter beim DLR. Grundlage der Milliardeninvestitionen in Columbus und AMS waren Absichtserklärungen der Nasa, die Geräte »nach bestem Vermögen« in die Erdumlaufbahn zu transportieren. Die Ursache ihres derzeitigen Unvermögens hat weniger technische als politische Gründe. Präsident George W. Bush hatte Anfang 2004 den Mond und anschließend den Mars als Ziel der amerikanischen Raumfahrt ausgerufen. Um das nötige Geld dafür freizuschaufeln, wurde das Ende der Shuttle-Flüge für 2010 beschlossen – und damit auch das der amerikanischen Mitarbeit an Aufbau und Versorgung der Raumstation ISS.

Pikant ist, dass es praktisch keine Alternative zum Spaceshuttle gibt. Das AMS ist nämlich nicht als eigenständiger Satellit geplant und gebaut worden, sondern als angedocktes Großgerät an der Außenseite der ISS. Für den hohen Strombedarf des supraleitenden Magneten und die Übertragung der gewaltigen Menge an Messdaten ist der Teilchendetektor auf die Infrastruktur der Raumstation angewiesen. Die ISS kann zwar auch mit einer russischen Proton-Rakete und demnächst sogar mit europäischen und japanischen Trägern beliefert werden. Aber das Gewicht und die Ausmaße des AMS sind für die Raketenköpfe zu groß.

»Im AMS-Team wurden schon Pläne für die Umrüstung des Experiments zu einem frei fliegenden Satelliten entworfen«, sagt Wim de Boer vom Karlsruher Institut für experimentelle Kernphysik. Theoretisch sei das möglich, und die chinesischen Kollegen hätten sogar eine günstige Startmöglichkeit auf ihrer Rakete Langer Marsch angeboten. Praktisch kommt dieser Ausweg aber nicht infrage – weniger aus technischen als aus juristischen Gründen. Die strikten Richtlinien der USA zur Exportkontrolle machen die Übergabe des Satelliten samt aller speziell entwickelten Materialien und Elektronik an die chinesischen Partner unmöglich.

AMS-Projektleiter Samuel Ting weist denn auch alle Spekulationen über eine Alternative zum Shuttletransport entschieden zurück. »Die amerikanische Regierung schuldet uns einen Flug, sonst niemand«, ließ er aus Genf mitteilen. Sein Ärger ist dabei kaum zu überhören. Schließlich hatte sich die Nasa mehrfach mit dem Forschungsprojekt des Nobelpreisträgers gebrüstet und schon 1998 einen Gerätetest an Bord der Raumfähre als »ersten Flug eines hochempfindlichen Teilchendetektors ins All« gefeiert.

Die Sorgen der AMS-Entwickler sind symptomatisch für das gestörte Verhältnis der amerikanischen Raumfahrtagentur zu ihren internationalen Kooperationspartnern. Die Forscher setzen ihre Hoffnungen nun auf einen Wechsel in der amerikanischen Politik. Die Chancen stehen nicht schlecht: Wenn der Teilchendetektor Ende 2008 am Kennedy Space Center in Florida abgeliefert wird, läuft auch die Amtsperiode von Präsident Bush aus.

Information im Internet
Alpha Magnetic Spectrometer (AMS) »

Offizielle Liste der Nasa mit allen noch vorgesehenen Shuttle-Flügen »

 
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