Welcher Spielraum bleibt heute noch einem Täter? Er wird belauscht, wenn er Pläne schmiedet, er wird gescannt, wenn er Verbündete sucht, seine Gedanken lösen Alarm aus, ehe sie Tat werden. Der Mann ist schon gefesselt, er weiß es nur noch nicht. Ein Fest in der Bühnenhöhle: Szene aus dem »Tartuffe« des Hamburger Thalia Theaters BILD

Die neueste Technik ist eine Einschnürungstechnik. Im Kino und Fernsehen diktiert sie längst den Lauf der Geschichten: das Handy, das geortet wird; das Internet, in dem man die Tat zurückverfolgen kann bis zur Idee, der sie entsprang; die GPS-Spuren, die das Fluchtauto hinterlässt; die Satellitenkamera, die auf die Städte niederfährt wie ein sehender Blitz.

Bald wird es das nicht mehr geben, den Zufall, das individuelle Böse, die Flucht. Und auch nicht mehr das Zusammenspiel von Entschlossenheit und gesellschaftlicher Trägheit (Menschen, die sich nicht erinnern und die nichts gesehen haben), durch das eine Tat erst wirkt. Die Erzählung der Welt wird den Menschen entzogen und an die Maschinen delegiert, die nicht wegsehen und nicht vergessen und nun den Zusammenhang herstellen.

Die Schauspieler, die das Leben von heute darstellen wollen, fragen sich: Wie spielt man das? Welche Geschichten bleiben noch zu erzählen? Natürlich arbeitet jeder Zeitungsartikel über »das aktuelle Theater« mit fahrlässigster Vergröberung, aber in diesem Grobmodell lässt sich ein Muster deutlich wahrnehmen: Die Erzählungen vom entschlossenen Handeln gehen im Kino, TV und mittlerweile im Videospiel vonstatten, während das Theater vom Behandeltwerden, vom Ausgesetztsein, vom Warten erzählt. Während TV und Kino gerne »außenrum« gehen und das große Welteinschnürungskunststück begleiten mit bubenhafter Bewunderung, stiehlt sich das Theater zur Andacht ins stille Innere der Falle. Während jene die Vernichtung der Freiheit als Weltfest der Suspense feiern, zeigt das Theater sie als Endspiel.

Die Helden der Spannungsfilme sind kühle Forensiker (die aus einem Tellerchen mit Hautschuppen eine Tragödie rekonstruieren) oder kauzige Hellseher und Röntgendenker (die das noch nicht Geschehene vorauswissen). Gemeinsam schnüren sie uns symbolisch ein. Gemeinsam verkörpern sie die Macht der Technologie. Es geht letzten Endes nicht mehr darum, Verbrechen aufzuklären, sondern darum, sie zu unterbinden: schneller sein als die böse Tat. Nein, schneller sein als der böse Gedanke!

Das legendäre Beispiel für eine berauschende Einschnürungserzählung im Fernsehen ist die amerikanische Serie 24, in welcher der Geheimagent Jack Bauer 24 in Echtzeit erzählte Stunden hat, um die Welt zu retten vor der Vernichtung durch feindliche Technik. Handlungsstränge schießen durcheinander, alle schlingen sich um den zentralen Gelenkpunkt dieser Welt, nämlich um den Hals des armen Jack. Sein Leben wird so beschleunigt (oder so sehr dem Stillstand entgegengepeitscht), dass es nur noch aus dauernden Entscheidungen und Bewährungsproben besteht. Jeder Moment ist eine Weggabelung, und in jeder Sekunde lauert eine Falle. Zeit wird als Raum erfahrbar, als begehbare Höllenmaschine, in der brennende Lunten uns den Weg weisen. 24 hat eine solche gestalterische Fülle, dass wir ganz vergessen, was da eigentlich erzählt wird: wie feindliche Technologien sich ineinander verkrallen, bis sie die letzte unbewachte Sekunde zerquetscht haben.