Justiz Schwierige WahrheitSeite 5/5

Die Stimmensachverständige des Landeskriminalamts stellt in der Hauptverhandlung zwar fest, es bestehe eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die gesunde Stimme des Björn L. die Täterstimme sein könnte, denn beide Männer entstammten dem mittelmärkischen Sprachraum und verfügten über eine virtuose Kopfstimme, die mühelos durch die Register gleite. Weil aber niemand weiß, wie häufig solche Männerstimmen vorkommen, werden die Richter auf diese Übereinstimmung wohl keine Verurteilung stützen können. Ganz abgesehen davon, dass L. eben nicht gesund war. Die vernehmenden Kriminalbeamten bekunden vor Gericht, sie hätten überraschte Blicke ausgetauscht, als der Verhaftete mit dem Spitznamen »Pieps« seine Angaben heiser ins Mikrofon bellte.

Bleiben noch die Knastgerüchte: Gefängnisse sind Brutstätten der Verdächtigungen, hier blühen Verleumdung und üble Nachrede. Kaum ein Sensationsprozess, bei dem nicht ein Gefangener im Knast Belastendes über den Angeklagten erfahren haben will und sein Wissen gegen Vorteile einzutauschen sucht. Auch N., ein Mithäftling des Björn L., hat sich aus dem Untersuchungsgefängnis an die Staatsanwaltschaft gewandt: Er habe, schrieb N., von einem weiteren Knastbruder namens R. gehört, der »Pieps« hätte – als Mulugeta aus dem Koma erwacht sei – gegenüber einem dritten, einem gewissen P., bedauert, »bei dem Neger nicht richtig zugeschlagen« zu haben. Zum Gericht wird der Zeuge N. in Handschellen gebracht. Seine Anzeige begründet er damit, dass er »nicht mit einem Rassisten im selben Gefängnis« habe sitzen wollen. Dem Vorsitzenden erscheinen N.s Gründe weniger nobel. »Sie haben auf eine vorzeitige Entlassung spekuliert«, hält er ihm entgegen. Deshalb habe N. der Polizei auch angeboten, sich als Spitzel an die Fersen des Beschuldigten Björn L. zu heften, was abgelehnt worden sei.

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Ermyas Mulugeta sieht sich weiterhin als Opfer rassistischer Gewalt

P. soll nach seiner Aussage prompt entlassen worden sein. Natürlich wird er als unmittelbarer Zeuge auch selbst geladen. Er ist ein dicker Mann Ende zwanzig, ein polizeibekannter Rechter. Seine Freiheit war von kurzer Dauer, P. sitzt inzwischen wegen mehrerer Raubdelikte schon wieder ein und muss aus dem Vollzug herbeigeschafft werden. Doch die belastenden Angaben über Björn L. will er im Angesicht des Angeklagten nicht wiederholen. »Ich verweigere die Aussage«, sagt er zum Gericht und ist weder durch Drohungen noch durch gutes Zureden von diesem Vorsatz abzubringen. Schließlich wird es dem Staatsanwalt, dem die Indizien für seine Anklage nach und nach abhandenkommen, zu bunt. »Ich beantrage, den Zeugen in Beugehaft zu nehmen!«, ruft er. »Ich sitz doch schon«, gibt P. ungerührt zurück. Als er vier Wochen später erneut vorgeführt wird, sieht er nicht einsichtiger aus. Er habe damals die Wahrheit gesprochen, meint er bloß, und bleibe nun bei seinem Schweigen.

Also marschiert noch das halbe Gefängnis auf. Zahllose Häftlinge werden nach verdächtigen Äußerungen des Björn L. befragt, manche sehen aus wie einem Seeräuberfilm entsprungen, sie tragen Ohrringe, und die Tätowierungen quellen ihnen aus dem Hemdkragen. Alle sind sich sicher: Björn L. hat die ganze Zeit nichts anderes beteuert als seine Unschuld, und er war froh über das Erwachen des Ermyas Mulugeta, weil er hoffte, dieser könnte ihn endlich als Täter ausschließen.

Im Laufe der langen Verhandlung wird es Frühling vor den Fenstern des Gerichts, und auch auf der Anklagebank hebt sich die Stimmung. Die Zuhörer fragen sich in den Pausen, aufgrund welcher Beweise die Männer nun eigentlich verurteilt werden sollen. Um die Nebenklage wird es still.

In der Zeitung bleibt Ermyas Mulugeta dabei, Opfer rassistischer Gewalt zu sein. Sein eigenes Verhalten in jener Nacht ist ihm nicht der Rede wert. Er widmet sich nun ganz seinem neuen Verein »Löwenherz«, der Wasserprojekte in Äthiopien unterstützen soll, und ist mit dem Schreiben von Anträgen auf Fördergelder beschäftigt. Da kann eine gewisse Berühmtheit nicht schaden. Am Jahrestag der Tat, am 16. April 2007, veranstaltete Löwenherz unter dem Motto »Farbe tut gut« auf dem Potsdamer Luisenplatz ein Fest als Zeichen gegen Rassismus. Mulugeta schmückte die Titelseite der Potsdamer Neuesten Nachrichten , der Bürgermeister ließ sich mit ihm ablichten, und im Kommentar stand, Mulugeta sei zum »Synonym für den Kampf gegen Rassismus« geworden. Die Reflexmaschinerie der Political Correctness hat Mulugeta ohne näheres Hinsehen in die Reihe der Prominenten katapultiert, und er dürfte eines Tages Mühe haben, sich von seiner Opferrolle zu verabschieden.

Dass der deutsche Osten ein Problem mit dem Rechtsradikalismus hat, weiß jeder Zeitungsleser. Trotzdem ist nicht erwiesen, dass der Faustschlag, der Mulugeta traf, einen Weißhäutigen in vergleichbarer Lage nicht ebenso getroffen hätte. Zwar fiel das Wort »Nigger«, aber es fiel auch das Wort »Schweinesau«. Hätte es einen Aufschrei gegeben, wenn – den umgekehrten Fall gedacht – Mulugeta sich gegen einen nach ihm tretenden Weißen mit einem Faustschlag zur Wehr gesetzt hätte?

Wo kein Täter ermittelt ist, da ist auch die Frage nach dem Motiv obsolet. Doch irgendwo im mittelmärkischen Sprachraum lebt ein Mann mit heller Stimme, der im tiefsten Herzen weiß, ob sein Hieb in der Nacht zum Ostersonntag 2006 einen »rassistischen Hintergrund« hatte oder nicht.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Die Artikel von Sabine Rückert sind das Fundierteste, was man in der ZEIT zu lesen bekommt. So soll Journalismus sein: Genau hinschauen, wo die Öffentlichkeit [und in manchen Fällen - wenn auch offenbar nicht im vorliegenden - die Justiz] ihr Urteil bereits auf Basis erster Eindrücke und Vorurteile gefällt hat.

    • Anonym
    • 12.05.2007 um 14:56 Uhr
    2. \N

    Mir ist unklar, warum selbst die gebildetesten unter den Weißen Deutschen noch immer nicht begriffen haben, daß das Wort 'Neger' rassistisch ist. Woher kommt da noch der Zweifel am Motiv?
    Unabhängig von der Schuld oder Unschuld der Angeklagten: es gibt kein vergleichbares Schimpfwort für Weiße, daß sich der Bedeutung des N-wortes auch nur annähern könnte.
    Abgesehen davon lassn die Bemühungen (soweit vorhanden), Ermyas Ms Herkunft. korrekt zu beschreiben, in diesem Text wieder einmal zu wünschen übrig. Als Schwarzer Deutscher kann man dieser Ignoranz, auf der hartnäckig beharrt wird leider nicht viel entgegen setzen.

    • Anonym
    • 12.05.2007 um 15:49 Uhr
    3. \N

    Ich kann nicht nachvollziehen, dass hier angezweifelt wird, dass die Tat rassistisch motiviert war. Emyras M wurde als
    ' Neger' beschimpft. Was lässt da noch zweifeln? Er wurde nicht allgemein beleidigt, sondern aufgrund seiner Hautfarbe. Darüber hinaus erscheint der Vergleich und die Beschreibung des Äusseren der Angeklagten sowie des Opfers in dem Artikel tendenziös und populistisch, und unterstellt Emyras M eine bewusste Beeinflussung der Öffentlichkeit durch sein Auftreten.

    Alles in allem erweckt Sabine Rückert den Eindruck, rassistisch motivierte Straftaten in Deutschland könnten in der Vergangenheit durch die Gerichte und die Medien in erhöhtem Masse falsch beurteilt worden sein, und müssten so für die Zukunft genauer unter die Lupe genommen werden. Dies rückt rassistisches Gedankengut allerdings wieder gefährlich weit aus der Mitte der Gesellschaft in eine vermeintlich harmlose, weil durch eine Minderheit vertretene rechtsextreme Ecke.

    Eine derart tendenziöse Berichterstattung, wie sie Sabine Rückerts Artikel darstellt, ist man sonst eigentlich nur durch Postwurfsendungen einschlägig bekannter Parteien oder der Boulevardpresse gewohnt.

  2. 4. Unsinn

    'Neger' gilt juristisch nichtmal als Beleidigung. Genausowenig wie 'Weissbrot'

  3. Die 'Täter' hätten wohl auch jedem anderen angetrunkenen Troublemaker eine verpasst wenn er sie beleidigt ('Schweinesau') und in den Hintern getreten hätte.

    Rassistisch motiviert war hier gar nix. Für die Medien und Politiker war das Sebnitz II.

    Die Medien müssen sich die Frage stellen warum sie nie im vergleichbaren Umfang über Hassverbrechen Berichten wenn sie 'Ur-Deutsche' treffen.

    • verb
    • 13.05.2007 um 12:26 Uhr

    Ich bin fassungslos auf wieviel Unbildung in Bezug auf Rassismus sowohl der Artikel,als auch einige Reaktionen darauf, basieren. Rassismus zeichnet sich eben dadurch aus, daß er von Angehörigen einer Mehrheit, gegenüber einer Minderheit ausgeübt wird. Motivation ist hierbei eine Aufwertung des eigenen Selbsts gegenüber vermeintlich minderwertigeren Personen...Ich bin allerdings auch der Meinung , dass eine Vorverurteilung der Täter nicht hätte stattfinden sollen, und finde den Artikel insofern auch wichtig, aber dieses -was wäre wenn es umgekehrt gewesen wäre- ist aus meiner Sicht undifferenziert und überflüssig.

  4. Traurig deshalb, weil man in schiere Begeisterung verfällt ob des hohen Niveaus der Berichterstattung.
    Was eigentlich der Normalfall sein sollte, das Recherchieren, das Einsammeln aller Informationen, das kritische Bewerten, wird ist in Deutschland leider die Ausnahme.
    Rückert in der ZEIT und Friedrichsen im SPIEGEL scheinen die letzten Reste einer aussterbenden Gattung zu sein, wenn es um Justizberichterstattung geht.
    Man wagt gar nicht daran zu denken was uns blüht, wenn Rückert und Friedrichsen eines Tage (aus welchem Grund auch immer) keine Lust mehr haben weiter zu schreiben, wenn dann nur noch Schreiberling vom Kaliber Faller, Radisch und Gaschke auftreten.

    Deshalb, liebe Frau Rückert, bitte bleiben Sie dran.
    Und lassen Sie sich auch in Zukunft nicht aus dem Tritt bringen durch die Pöbeleien des linken Gutmenschentums (N-Wort usw.).

  5. Die Gleichsetzung von
    Mann = schlecht und frauenfeindlich
    Deutscher = Nazi und ausländerfeindlich
    geht uns ganz leicht von der Zunge.

    Auch die Forderung nach einer Negerquote im öffentlichen Dienst, in der ZEIT
    (http://www.zeit.de/online...)
    erhoben am 4.9.2006, ist überhaupt nicht rassistisch. Im Gegenteil, auf der Leserbriefseite wurden die Gegner dieser Quote als Rassisten beschimpft.

    Und von des sexistischen Ausfällen von Gaschke, Radisch und Faller, die sich vom Rassismus durch nichts unterscheiden, wollen wir gar nicht erst anfangen zu reden. Im Gegenteil, wir müssen die loben für ihre Hetze.

    Nur wenn es um Fehlverhalten der Schutzbefohlenen der Unmverteilungsfraktion (seien es Frauen Ausländer, Dumme oder Neger)geht, erhebt sich ein Aufschrei des empörten Gutmenschentums, wenn man, pfui Teufel, das F- oder N-Wort verwendet.

    Das verstehe wer kann!

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