Jedes historische Buch, auch das beste, unterliegt dem Gesetz der Revision. » Manche Autoren«, hat der französische Historiker Lucien Febvre einmal bemerkt, »mögen glauben, ihre Schriften seien für die Ewigkeit bestimmt. Wir dagegen bewerten ein großartiges Buch nach der Zeit, die unsere Pionier- und Bergungstruppen brauchen, um es auseinander zu nehmen.« Zu einem Klassiker wird ein Werk erst, wenn es den Prozess des »Auseinandernehmens« übersteht, sich also in gewisser Weise doch als dauerhaft erweist.

50 Klassiker der Zeitgeschichte lautet der Titel eines soeben bei Vandenhoeck & - Ruprecht erschienenen Buches (herausgegeben von Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow). Beispielhaft lässt sich hier zeigen, wie man den Begriff »Klassiker« so weit dehnen kann, dass er vollkommen beliebig wird.

Über einige der vorgestellten Bücher muss man nicht streiten. Karl Dietrich Brachers brillante Analyse Die Auflösung der Weimarer Republik (1955), Fritz Fischers bahnbrechendes Werk Griff nach der Weltmacht (1961) oder auch Raul Hilbergs Pionierstudie Die Vernichtung der europäischen Juden (1961 - auf Deutsch erst 1982) sind längst zu Klassikern avanciert.

Auf viele Titel kann man das Attribut »klassisch« indes selbst bei wohlwollendster Betrachtung nicht verwenden. Die achtbändige Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa (1953/62) ist kein Klassiker, sondern Propaganda im Regierungsauftrag.

Die Enzyklopädie Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft (1966/72) ist kein Klassiker, sondern ein Produkt des Kalten Krieges. Peter Benders Büchlein Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR (1968) ist kein Klassiker, sondern eine seinerzeit verdienstvolle Streitschrift.

Sebastian Haffners Die verratene Revolution (1969) ist kein Klassiker, sondern eine Polemik gegen Friedrich Ebert und Genossen, von der sich der Autor zehn Jahre später selbst distanzierte. Besonders absurd, dass auch Andreas Hillgrubers Skandalschrift Zweierlei Untergang (1986), die im »Historikerstreit« eine Rolle spielte, in den Rang eines Klassikers gehoben wird.

Noch gravierender als die Fehlgriffe sind die Lücken. Norbert Freis Vergangenheitspolitik sucht man ebenso vergebens wie Heinrich August Winklers großes Weimar-Buch oder seine schon klassische Geschichte Der lange Weg nach Westen. Hans-Ulrich Wehler ist mit einem schmalen Band über Modernisierungstheorien vertreten, nicht aber mit seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte (BandIV) - Saul Friedländer mit seinem Essay Kitsch und Tod, nicht aber mit seinem Opus magnum Das Dritte Reich und die Juden.