Sieben Fragen an 1968 Wie autoritär war die Bundesrepublik 1967?
Ein Kommentar von Ulrich Greiner
In jenen Jahren war es noch üblich, dass Väter ihre Söhne mit Schlägen auf den rechten Weg brachten; dass Schüler sich erhoben, wenn der Lehrer die Klasse betrat; dass Veteranen die Biostunde missbrauchten, um von ihren Erlebnissen an der Ostfront zu erzählen; dass Assistenten ihrem Professor auf dem Weg in die Vorlesung die Tasche hinterhertrugen. Damals hatten die Hosen Bügelfalten, man half der Dame in den Mantel, man schenkte dem befreundeten Paar zur Hochzeit silberne Messerbänkchen. Es war nicht üblich, dass man das Theater ohne Schlips besuchte; dass Jugendliche unterschiedlichen Geschlechts auf Zeltplätzen oder in Gasthöfen gemeinsam übernachteten (es war sogar verboten); und es war auch nicht üblich, dass man genauer fragte, was die Väter, die Lehrer, die Professoren, die Richter und Minister in dieser unsagbar weit zurückliegenden, unsagbar dunklen Nazizeit gemacht hatten. Es waren die Jahre, als Franz Josef Degenhardt sein Lied vom Deutschen Sonntag sang: »Da hockt die ganze Stadt und mampft, / dass Bratenschweiß aus Fenstern dampft. / Durch die fette Stille dringen Gaumenschnalzen, / Schüsselklingen, Messer, die auf Knochen stoßen, / und das Blubbern dicker Soßen. / Hat nicht irgendwas geschrien?«
In jenen schönen Jahren ging’s uns noch gold, denn die Autorität hatte Namen und Anschrift, und man konnte sie, ohne allzu mutig sein zu müssen, kritisieren und lächerlich machen. Sie wurde zuweilen, wenn man sie reizte, äußerst brutal und zeigte ihr reaktionäres Gesicht. Unter den Talaren verbarg sich der Muff, und nicht selten roch er braun. Aber die Tage dieser nicht wirklich begründeten und letztlich maroden Autorität waren gezählt, und die Revolte der Studenten war (wenn auch nicht nur) das Vehikel fälliger Modernisierung. Die Revolte, die zur Selbstüberschätzung neigte und von der Weltrevolution träumte, zertrümmerte bloß den bürgerlichen Komment. Hier entstand, was heute als Mobilität und Flexibilität gepriesen wird, hier begann der Aufbruch in die Welt der Selbstverwirklichung. Dazu gehörte nicht allein die berufliche Karriere (gut bezahlte Stellen lagen überall herum), sondern auch das Engagement für die Freiheit des Bürgers, für die Dritte Welt, für die ökologische Vernunft.
Heutzutage, in dieser scheinbar autoritätslosen Zeit, hat die Autorität kein Gesicht mehr, sie nennt sich Marktwirtschaft und droht mit der Globalisierung, sie verbirgt sich hinter anonymen Zwängen, objektiven Erfordernissen und scheint unangreifbar. Wer heute jung ist, hat es schwerer als wir damals. Uns ging es gut, sonst wären wir nicht auf die Straße gegangen. Ulrich Greiner
- Datum 16.05.2007 - 14:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.05.2007 Nr. 21
- Kommentare 2
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fast für einen bruchteil einer sekunde mitleid mit der "generation teletubbie" bekommen:
"Uns ging es gut, sonst wären wir nicht auf die Straße gegangen."
so richtig der kommentar, so präzise die bemerkung, daß man den "feind" damals noch als solchen ausmachen konnte [er war ja fast überall], so hanebüchen ist der schlussatz: die "generation teletubbie" geht doch nicht etwa deshalb nicht auf die strasse, weil es ihr "schlecht" geht.
wenn die sich zusammenrottet, dann in der regel, um gemeinsam "gilmore girls" zu gucken oder weil's mal wieder ne flatrate gibt.
ich empfehle hier mal juli zeh's "präsentation eines prototyps" das ich persönlich für die beste zustandsbeschreibung der generationen "golf" bis "teletubbies" halte: "wozu kämpfen, es ist doch schon alles erreicht." sollte das nicht greifbar sein, "spieltrieb" von juli tut's auch.
auch wenn's nicht ganz so schlimm sein kann, sonst wär's ja am heiligendamm menschenleer, befürchte ich, daß diese "jeunesse dorée" sich eines tages mit dem ergebnis einer jugendbewegung konfrontiert sehen wird, die politisches bewusstsein [wenn auch das falsche] hat, weil sie sich jetzt schon mal "schulen" läßt für die nächste "machtergreifung".
sie wird ihrer eigenen politischen indiffernz ausgeliefert sein, ihrem vertrauen darin, daß RTL2-nachrichten den namen verdienen und journaillisten tatsächlich etwas anderes seien als waschmittelverkäufer.
und: sie wird sich fröhlichen herzens in den nächsten krieg treiben lassen, falls sie - viel zu beschäftigt mit der ausgestaltung ihrer wohnung in "second life" - den überhaupt mitbekommen wird.
jedenfalls bis der strom ausfällt.
Nun, die "Generation Teletubby" ist momentan höchstens 15 Jahre alt, und dürfte damit noch nicht in einem mit den damaligen 68ern vergleichbar sein.
Die Generation -zu der ich mich zähle- die heute im entsprechenden Alter ist, ist wahrscheinlich -so wie ich- zu sehr damit beschäftigt sich unter verschärften Rahmenbedingungen eine Zukunft aufzubauen, um sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben.
In einer Gesellschaft die weit entfernt ist von wirklicher Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit.
In einer Demokratie in der es akzeptiert ist das der Vizekanzler sich darüber empört dass er an seinen Wahlversprechen festgenagelt wird, stellt sich die Frage was diese glorreiche 68er-Revolution -deren Veranstalter ja durchaus im Parlament vertreten sind- bewirkt hat.
Passend ist die Interpretation von Peter Licht:
"Jedes Böhnchen marschiert durch ein Institutiönchen,
ihr könnt machen was ihr wollt,
ihr habt euch ja befreit,
aber bitte ruft uns nicht an..."
Es stellt sich die Frage worum es diesen Leuten gegangen ist, es ging um eine bessere Zukunft, ja natürlich, aber für wen, für die Menschheit? Für die eigene Person?
Was treibt sie noch an nach dem langen ermüdenden Marsch, korrumpiert, umgeben von Lobbyisten, selbst Lobbyist der eigenen Interessen, Empfänger von zehn Gehältern ohne für einen der 10 Arbeitgeber wirkliche Arbeit zu leisten. Dienstleister! das Produkt: Gefälligkeiten!
Danke für alles!
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