Sieben Fragen an 1968 Haben die 68er die Familie zerstört?

Ein Kommentar von Susanne Mayer

Zu viel der Ehre! Der Vorwurf, die 68er hätten die Familie zerstört, die Frauen dem Gebären entfremdet, Papas Autorität untergraben, die Erziehung ruiniert, hat den Sound des Trotzes, die Wut der Betrogenen, in ihm heult eine kindliche Sehnsucht nach heiler Welt. Aber die heilige deutsche Familie ist schon lange tot. Sie starb in einer Aprilnacht im Jahre 1945, als Magda Goebbels im Führerbunker ihren sechs kleinen Töchtern und Söhnen vergifteten Kakao einflößte.

Es war das Ende eines ideologischen Missbrauchs intimster Beziehungen, der Untergang der familiären Unschuld unter Bedingungen des zivilisatorischen GAUs. Falls man denn die Familie im historischen Vorfeld des Nationalsozialismus, die des Kaiserreichs, mit ihrer patriarchalen Befehlsstruktur und konstitutiven Frauenverächtlichkeit, unschuldig nennen möchte.

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Die 68er sind Trümmerkinder, gezeugt zwischen Ruinen, aufgewachsen in einer Kulisse schlecht inszenierter Restauration, unter Figuren geworfen, denen ein neuer Text fehlte. Wie viele Liebesheiraten hatte der Krieg verhindert? Wie viele Männer als moralisch ausgehöhlte Gestalten ausgespuckt? Spezialisten für brüchige Autorität, das waren sie nun wirklich selbst, diese Eltern. So mussten nicht nur die Kinder am Tisch schweigen, es herrschte überhaupt viel Stille hinter all dem Aufbaugetöse, auch zwischen Vater und Mutter. Über die Ängste, ihre Schuld. Die Kinder aber spielten ihre Rollen wie im Märchen, sie hüpften und schrien und kreischten: Der König ist nackt! Der König ist nackt! Das tat nicht nur in den Ohren weh.

Nackt! Sagen, wie’s einem ums Herz ist, rumlümmeln, mal mit der einen, auch mit anderen. Was die sich rausnahmen, die Kinder, das weckte wohl auch Erinnerungen an eigene Erfahrungen, mit den Mädels in Frankreich oder GIs in Hannover. So wähnten sich ihre Kinder 1968 im Besitz aller Neuigkeiten, als sie eifrig die sexuelle Revolution verkündeten, die Befreiung der Frau, nicht ahnend, dass der One-Night-Stand womöglich von Mutti längst erprobt war.

Der revolutionäre Elan wäre somit auch ein Fall pubertärer Selbstüberschätzung. Nicht der einzige Vorwurf, der den 68ern zu machen wäre. Tatsächlich wurde jenseits der Stille viel zu wenig zerstört. Und viel zu wenig aufgebaut. Im Verhältnis der Geschlechter, im Umgang mit den Kindern ist ja viel zu wenig passiert, das ist es, was Familie heute zermürbt.

»Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen«, hatte Magda Goebbels’ Ehemann, der Propagandist, in seinem Tagebuch vermerkt: »Dafür sorgt der Mann für die Nahrung, sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab.« Darüber streitet die Nation schlecht gelaunt noch heute. Junge Paare finden so gleichberechtigte Partnerschaften schwierig zu leben. Das macht nicht gerade Lust auf Babys, sondern sorgt für einen demografischen GAU. Na und? »Dann sterben die Deutschen eben aus!« schnarrt es beleidigt in sattsam bekannter Schnurrbarttonlage. Da ist sie, die alte Untergangssehnsucht.

Leser-Kommentare
  1. 1. Danke!

    Treffender hätte man die heuchlerische Verlogenheit unserer Neukonservativen kaum enthüllen können, als mit dem unverblümten Hinweis auf die selbsternannten Schutzherren der deutschen Familie und deren mörderisches Ende. Dieses Zitat gehört auf alle Buchumschläge von Eva Hermann.

  2. auch wenn ich in einem punkt abweiche, nicht zuletzt da die live-version von "young man's blues" der who live at leeds sich regelmäßig in meine playlists verirrt: früher war ein junger mensch nichts, heute ist er alles. das ist - bevor dieser zustand motto einer vielfalt von industriezweigen wurde, ergebnis dessen, was man gerne mit "antiautoritärer erziehung" etikettiet - bevor man es in das kerbholz der 68er schnitzt.

    war diese veränderung zunächst das logische resultat der wahrnehmung von kindern als zu respektierende individuen, ist sie heute ja die basis der zunehmenden infantilisierung der gesellschaft [es gibt da einen wirklich köstlchen podcast im dlf, abteilung politisches feuilleton zum thema] - gemündet ist dieser respekt ja letztlich in den moment, in dem das kind beklagt, daß alle anderen in der klasse "nike"-schuhe tragen - und nicht, wie zu hoffen in einem gereiften selbst-respekt der nachfolgenden generationen.

    "respekt, alda!" ist zwar eine durchaus gängige formel, aber unglücklicherweise kommt sie in der regel aus dem mund von couchpotatoes, die im haus der eltern mit 22 ihre wut auf die ungerechtigkeit in der welt an hilflosen pixeln auslassen. als passender soundtrack dazu goldkettchenbewehrte revoluzzer, die mit dem mund maschinengewehre in richtung polizei entleeren. halt die art von kids, die überlegt, ob sie demnächst mal in ihrer alten schule vorbeischauen sollten.

    über die frage, ob dies das ergebnis der "antiautoritären erziehung" oder einer systematischen gehirnwäsche durch waschmittelverkäufer, die sich ab und an den spaß erlauben, den werbeblock durch eine soap oder einen "äkkschn-fuim" zu unterbrechen, läßt sich sicher streiten.

    aber darüber, daß sich seither das verhältnis zwischen jung und alt radikal verändert hat, wahrscheinlich weniger.

    trotzdem, vielen danke für den geistreichen artikel!

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