Sieben Fragen an 1968
Wurden die RAF und ihr Terror durch 68er erst möglich gemacht?
Ein Kommentar von Patrik Schwarz
So unbefangen lässt sich die Frage erst im Rückblick beantworten, denn erst jetzt lässt sie sich unbefangen stellen. In den siebziger und achtziger Jahren diente sie der Diffamierung. Da wurde die Studentenbewegung in der Öffentlichkeit so gerne und umfassend der Urheberschaft am deutschen Terrorismus bezichtigt, dass man den 68ern schon aus Mitleid hätte beispringen müssen. Umgekehrt verbindet viele 68er ein eigentümliches Verhältnis mit der RAF: Der Terrorismus mag ein horrend missratener Auswuchs sein, aber er gehört doch uns – und so soll gefälligst kein anderer (und schlimmer: kein Jüngerer!) über unsre Verstrickung urteilen. Zeitweilig war es also, als hätte die RAF allen Verstand aus den Debatten um 68 herausgesogen.
Dabei ist eine unbefangene Antwort nicht so schwer: Ja, die 68er haben die RAF und ihren Terror erst möglich gemacht, denn ohne den Zeitgeist von 68 ist die RAF schwer denkbar. Sind darum die 68er schuld am Terrorismus? Nein, denn je mehr die RAF zur RAF wurde, umso weniger war sie ein Ausdruck von 68. So gesehen, war die RAF für viele 68er das dunkle Bild im Spiegel – zu Beginn auch lockend, dann zunehmend abstoßend.
68 ist die Geschichte einer Rebellion und ihrer stufenweisen Selbstzivilisierung. Die RAF ist die Geschichte einer Selbstüberschätzung, die immer blutigere Ausmaße annahm. Beide Geschichten schneiden sich an einem entscheidenden, fatalen Punkt – im Verhältnis zur Gewalt. 68 war Aktionismus und Expressionismus in einem. Und weil nichts tatkräftiger wirkte – more sexy – als Worte der Gewalt, spielte 68 mit den Worten, als seien sie Waffen. Erst als einige verirrte Gestalten mit den Waffen Ernst machten, merkte die Mehrheit, dass man mit manchen Worten besser nicht spielt. Patrik Schwarz
- Datum 16.5.2007 - 02:17 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.05.2007 Nr. 21
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