»Jetzt wird aufgeräumt«. Kaum war der Funke aus Berkeley, der Protest amerikanischer Studenten, nach Deutschland übergesprungen, da eröffnete die Springer-Presse die Jagdsaison. Ob Bild, Welt , Berliner Morgenpost – die Blätter nahmen Aufstellung an der semantischen Bürgerkriegsfront und bezeichneten die Protestierenden wahlweise als »Eiterbeule« oder »immatrikulierten Mob«, als »akademische Gammler« oder »behaarte Affen«. Springers Kommissare verlangten hartes »Durchgreifen«, »Abschieben«, »Ausmerzen«, oder noch wirksamer: »Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips lockerzumachen«. Die sechs faulen Eier, die 1966 auf das Amerika-Haus in Berlin flogen, verrührten Springers Köche treffsicher zu einem Anschlag auf die nationale Sicherheit, und in einem Wurfbeutel mit Pudding erkannten sie untrüglich eine Bombe mit chinesischem Sprengstoff.

Noch heute verblüfft, wie schlagstockartig Springers schreibende Tugendwächter alle Hemmungen verloren. Sie hatten offenkundig Carte blanche, denn Verleger Axel Springer, die Speerspitze der Demokratie, ließ ihnen freien Lauf. Gewähren ließ er auch Matthias Walden, den Gelegenheitskommentator der Welt (und seinen späteren Kronprinzen). Waldens Aphorismen zur Apo waren von erlesener Infamie, das Wort vom linken Ungeziefer stand im Raum.

Es ist kein Trost, dass die publizistische Menschenjagd auf Dutschke, Böll und Grass bis heute unvergessen ist und selbst die Welt ihr verlorenes Ansehen nicht zurückgewonnen hat. Doch wahrhaft deprimierend ist die Einsicht, dass Apo und Bild, »Zwerg und Riese«, damals nicht mehr ohne einander auskamen: Auch die Demonstranten schätzten die Springer-Presse bald als zuverlässigen Feind. Grass hatte recht, als er 1968 schrieb, die Apo-Texte seien oft »mit derselben autoritären Tinte« geschrieben wie Springers Hass-Prosa. Noch folgenreicher war die sinnlose, nämlich: apolitische Reaktion der Demonstranten nach dem Attentat auf Dutschke – das Abfackeln der Springer-Autos und die Morddrohungen, die die schreibenden Mittäter über Nacht wieder ins Recht setzten. Die Springer-Presse hat mitgeholfen, die Rebellen groß und stark zu machen. Sie hat nach Kräften Öl ins Feuer gegossen. Danach aber war es die Apo, die die Gewalt eskalieren ließ, denn für einige ihrer Köpfe waren Verfassung, Demokratie und Rechtsstaat nichts anderes als ein Trick zu Beruhigung der Massen. Die Niedertracht der Springer-Postillen, die »Fratze des Bürgertums«, mag ihnen in einem kurzen historischen Augenblick recht gegeben haben. Verhängnisvoll war es trotzdem. Thomas Assheuer