Sieben Fragen an 1968
Hat die Apo den Marsch durch die Institutionen geschafft?
Ein Kommentar von Christian Staas
Eine Postkarte des Fotografen Günter Zint von 1967 zeigt eine demonstrierende Menschenmenge, den Ku’damm in voller Breite einnehmend. Unter dem Bild der ironische Satz: »Wir sind eine kleine radikale Minderheit.« Sollen die Konservativen doch ruhig versuchen, den Protest zu marginalisieren!
40 Jahre später verfolgt eine neue Generation von Konservativen die umgekehrte Strategie. Sie reden die Revolte nicht klein, sondern groß. 68 erscheint ihnen (wie den Protestierenden von damals!) als ein gewaltiges Ereignis, nur unter verkehrten Vorzeichen: nicht als Aufbruch, sondern als Katastrophe. Werte kaputt. Familien kaputt. Arbeitsmoral kaputt. Das Schlimmste: Die Kaputtmacher seien heute an der Macht.
Sind sie das wirklich? Mag sein, dass ein paar 68er erfolgreich durch die Institutionen marschiert sind und dies die Institutionen verändert hat. Weit mehr noch aber dürften die Institutionen die 68er verändert haben. Aus radikalen Utopisten, das haben sieben Jahre Rot-Grün hinreichend gezeigt, sind brave Realpolitiker geworden.
Ungeachtet dessen – und ungeachtet aller historischen Fakten – bauschen Neukonservative die Revolte zu einem Schreckensszenario auf. Ihre Gegenrezepte sind von bestürzender Schlichtheit. Mehr Markt, weniger Staat. Freiheit statt Gleichheit – was meint: Wettbewerb statt soziale Leistungen. 1968, scheint es, ist eine willkommene Projektionsfläche, um die eigene Ambivalenz zu entsorgen – indem man den 68ern die psychosozialen Folgen des neoliberalen Gesellschaftsumbaus anlastet, den man selbst mit Vergnügen vorantreibt.
1968 ist so in der Debatte der vergangenen Jahre von einem historischen Datum zu einem Synonym für die problematischen Aspekte der kulturellen Modernisierung geworden. Der 68er-Hass liefert den nötigen Kitt, um in heiterer Schizophrenie Wertkonservatismus und Wirtschaftliberalismus zu verbinden. Man möchte die Neukonservativen gern zum Gruppenfoto bitten. Die Unterzeile der Günter-Zint-Postkarte könnte bleiben – und wäre nun erst recht ironisch: »Wir sind eine kleine radikale Minderheit.« Christian Staas
- Datum 16.5.2007 - 02:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.05.2007 Nr. 21
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Lieber Herr Staas!
Der Spruch unter meiner Postkarte "WIR SIND EINE KLEINE RADIKALE MINDERHEIT" war tasächlich ironisch gemeint. Aber ich habe den Spruch beim damals regierenden Berliner Bürgermeister Klaus Schütz geklaut, der ihn nicht ironisch gemeint hat. Er wollte uns damit als einzelne Spinner diffamieren.
liebe Grüsse aus dem Teufelsmoor
Günter Zint www.panfoto.de
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