Es ist schwer, nach fast vierzig Jahren die eigenen Erinnerungen zu trennen von der Überlagerung durch Beschreibungen anderer und die Flut der Bilder. Aber schon unmittelbar nach dem 2. Juni wurde mir klar, wie bruchstückhaft meine Wahrnehmungen vom Geschehen dieses Abends waren. Bruchstückhaft deshalb, weil ich, von einer Mischung aus Panik und Wut überwältigt, wie in einem »Tunnelblick« nur meine unmittelbare Umgebung erfassen konnte.

Dieser Schockzustand begann nicht erst, als ich einen jungen Mann im Hof eines Wohnhauses blutend auf dem Boden liegen sah, sondern von dem Augenblick an, als die Polizei die Anti-Schah-Demonstranten auseinandertrieb, die gegenüber der Deutschen Oper zwischen spanischen Reitern und einem Bauzaun eingezwängt waren. Der Berliner Polizeipräsident hat dieses Vorgehen später als »Leberwursttaktik« gerühmt (»hineinstechen und ausquetschen«). Die Polizisten rissen von der Mitte her die spanischen Reiter auseinander und trieben prügelnd und zum Teil zu Pferd die Menschen vor sich her. Da ein Ausweichen nach hinten nicht möglich war, entstand ein schreckliches Gedränge nach den Seiten. Die Demonstranten trampelten übereinander, und viele brachen unter den Knüppeln der Polizei blutend zusammen. Weil ich ziemlich am Rande in Richtung Krumme Straße gestanden hatte, konnte ich wegrennen, ohne von den nachdrängenden Polizisten erwischt zu werden.

Danach erinnere ich mich nur noch an einen dunklen Hof mit wirr durcheinander hastenden Gestalten. Plötzlich lag ein Mensch vor mir auf dem Boden, der am Kopf blutete und dem ich, ohne nachzudenken, meine Tasche unter den Kopf schob. Ich habe weder einen Schuss gehört noch den Polizisten gesehen, der später als der Schütze identifiziert wurde, nicht einmal den Fotografen habe ich bemerkt. Meine einzige klare Erinnerung und zugleich diejenige, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat, ist die, dass ich plötzlich wieder auf der Straße stand und fassungslos meine blutverschmierten Hände betrachtete. Auch wenn ich längst nicht mehr der Ansicht bin, dass mit dem 2. Juni 1967 das Jahr begann, »das alles verändert hat«, so hat dieses Bild in meinem Kopf zumindest mein Leben grundlegend verändert.

Friederike Hausmann arbeitet heute als Autorin und Übersetzerin, sie lebt in München. Ihre Schilderung ist ein Vorabdruck aus der neuesten Aufgabe des Magazins »ZEIT Geschichte«