Globalisierung Vorsicht, Globalisierungsblase
Indien, Brasilien und Co. sollen durch enormes Wachstum die Weltwirtschaft in Schwung halten. Doch die Hoffnungsträger investieren nicht genug in die eigene Zukunft.
In Brasilien erzählen sie sich einen bösen Witz: »Brasilien ist das Land der Zukunft – und wird es immer sein.« Den Begriff vom Land der Zukunft hatte 1941 Stefan Zweig geprägt, als er ihn zum Titel eines euphorischen Brasilienbuches machte. Er hat sich bis heute gehalten, nicht zuletzt in den Sonntagsreden brasilianischer Politiker.
Doch heutzutage stimmen Menschen in Zweigs Lobgesang ein, die man eher zu den nüchternen Rechnern als zu den Schwärmern zählt. Jim O’Neill zum Beispiel, der Chef der Abteilung für globale Forschung bei der Investmentbank Goldman Sachs. O’Neill redet seit dem Jahr 2001 in hohen Tönen von einer Gruppe Länder, die er BRIC getauft hat: Brasilien, Russland, Indien und China, die vier großen Schwellenländer. Die vier Länder der Zukunft. O’Neill glaubt, dass sie im Jahr 2050 gemeinsam mit den USA, Japan und Euroland die Weltwirtschaft dominieren werden und dann stolze 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erzeugen. Heute sind es zehn Prozent. Weitere Schwellenländer sollen folgen, etwa die »Next Eleven«, zu denen O’Neill Hoffnungsträger wie Vietnam und Ägypten zählt.
Jim O’Neill war nur der Erste. Heute sagen auch viele andere Ökonomen bei Investmentbanken den baldigen Aufstieg einer Schar von Schwellenländern voraus, und die Produkte verkaufen sie gleich dazu: Anlagefonds mit Namen wie »International Selection Fund BRIC«, in die Milliarden von Anlegergeldern fließen und die in den vergangenen Jahren tatsächlich Jahresrenditen von 10, 20 oder gar 30 Prozent abwarfen. Zuletzt drängelten sich so viele BRIC-Fonds-Manager an den Börsen São Paulos oder Mumbais, dass ihre Käufe schon selber die Kurse bewegten.
Doch inzwischen mehren sich die Zeichen, dass die Realität weniger rosig ist als die Laune der Anleger – und leider viel mit dem brasilianischen Witz vom »Land der Zukunft« zu tun hat. In vielen Schwellenländern mag zwar die Chance für ein rasantes Wachstum existieren, schon weil sie eine Menge aufzuholen haben. Aber die meisten nutzen sie gar nicht und investieren zu wenig in ihre Zukunft. Sie laufen Gefahr, ewige Hoffnungsträger zu bleiben.
Das ist kein Problem, das nur Aktienspekulanten etwas angeht. Es betrifft unmittelbar den Wohlstand in den entwickelten Nationen des Westens. Schließlich steckt hinter den O’Neillschen Vorhersagen die Vision, dass schon in absehbarer Zukunft eine Reihe aufsteigender Wirtschaftsmächte den Staffelstab von den alten Industrieländern übernehmen könnte. Sie würden dann dauerhaft schneller wachsen als der Rest der Welt, auf ihren Staatsgebieten würden sich die besten Investitionsmöglichkeiten ergeben, große Teile ihrer Bevölkerung würden in gute Jobs aufsteigen.
Das klingt wie eine Bedrohung, wäre aber in Wahrheit eine gute Nachricht. Schließlich gibt es in den alten Industrieländern immer mehr Ruheständler, während der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung sinkt. Da keimt bei vielen die Einsicht, dass künftige Generationen europäischer, amerikanischer oder japanischer Rentner eher von Kapitalanlagen leben müssen als von dem, was ihre Kinder am Arbeitsmarkt erwirtschaften. Wie sollen die Kapitalmärkte des Westens so viel Rendite hergeben? Der amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke, der eine ganze »Schwemme« renditehungrigen Kapitals vorhersieht, macht sich Sorgen. »Vielen hoch entwickelten Volkswirtschaften gehen die heimischen Investitionsmöglichkeiten aus«, sagt er.
Junge Brasilianer und Chinesen sollen die hiesige Rente erwirtschaften
Es käme also gerade recht, wenn die großen Schwellenländer jahrzehntelang im Rekordtempo weiterwüchsen. Heimische Konzerne wie Metro, Volkswagen oder Bertelsmann könnten dann auch in Zukunft gute Renditen erwirtschaften, wenn sie kaufkräftige Konsumenten in diesen Ländern belieferten. Rentner könnten ihr Kapital auch direkt dort in Wertpapieren anlegen. Junge Russen, Chinesen und Brasilianer würden dann unsere Rente von morgen verdienen. Eine Art Generationenvertrag der Globalisierung wäre geschlossen.
Doch in Wahrheit schickt sich im Augenblick nur einer der BRIC-Staaten ernsthaft an, diese Vision wahr werden zu lassen: China mit seinen autoritär und technokratisch denkenden Führungskadern. In dem 1,3-Milliarden-Menschen-Land werden pro Kopf 1.484 Euro im Jahr erwirtschaftet, das ist ein Siebzehntel des deutschen Pro-Kopf-Einkommens. Die Chinesen haben also viel aufzuholen, und tatsächlich wächst ihre Volkswirtschaft Jahr für Jahr um neun bis zehn Prozent. Wie eine Dampfwalze lässt die Kommunistische Partei die Modernisierung über ihr Land ziehen: Stadt für Stadt werden Autobahnen, Schienen, Flughäfen und Stromnetze ausgebaut. Dann kommen private Investoren hinzu, um Hotels zu eröffnen oder Fabriken aufzustellen. Alles getreu dem Fünfjahresplan.
- Datum 22.09.2009 - 11:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.05.2007 Nr. 21
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Nicht alles ist negativ in bezug auf die billigen Importe aus diesen Ländern. Diese Billigprodukte reduzieren zwar die Zahl der Arbeitsplätze bei uns, aber auch unsere Lebenshaltungskosten und unsere Inflationsrate.
Mit diesem Artikel haben die Autoren ein sehr duennes Brett gebohrt. Man nehme den Inhalt von Wikipedia, verallegemeinere ein bisschen und werfe ein paar Geschichten dazu, wie z.B. den vierstuendigen Stau in Bangalore, und schon mat man einen Beitrag. Und dazu braucht es vier Leute. In drei Seiten packt man die politischen und infrastrukturellen Probleme von vier Laendern, versucht sich in der Analyse globaler Maerkte und richtet letztendlich den erhobenen Zeigefinger gen Deutschland.
Gut jedoch ist, dass die Zeit ueberhaupt einen Artikel zustande bekommt, der nicht die Globalisierung daemonisiert oder altvaeterliche Ratschlaege a la Guenter Grass gibt. Proportional findet man zumindest in der online Ausgabe zum Thema Lateinamerika mehr Artikel ueber Laender mit linken Demagogen als solche, wo es einfach nur ganz unsensationell vorwaerts geht, wie z.B. Mexiko. Deutschland produziert angeblich viele Geisterswissenschaftler, jedoch wo sind die Think Tanks, meinungsbildende Zeitschriften wie der Economist? Die Debatte ueber gesellschaftliche Veraenderungen und Oekonomie findet im englischen Sprachraum statt und irgendwann schwappts nach DE wo man bestenfalls einen guten Aufguss dessen zustandebekommt.
Im allgemeinen habe ich den Eindruck dass die Zeit bezueglicher ihrer redaktionellen Grundrichtung ein Jekyll and Hyde Symptom hat, - abhaengig vom Autor bekommt man zu einem gegebenen Thema entweder etwas linkspopulistisches oder nur etwas links der Mitte gelegenes zu lesen.
Im letzten halben Jahr war ich insgesamt 12 Wochen in China und habe dort Unternehmen im Auftrage der Bundesregierung und des BDI beraten. „How to become competitive on the international market?“
Ich habe in Peking sehr hochrangige Herren kennen gelernt, die an erster Stelle Industriepolitik betreiben: überaus kluge und weitsichtige Herren, die den Kapitalismus und seine Funktion bestens studiert haben und in der Lage sind, strategische Konzepte zu entwerfen, die den Wettstreit der Systeme nicht mehr mit Gewalt sondern mit den Regeln des Finanzmarktes führen.
Das genau ist China heute:
- ein riesiges Mitarbeiterpotential einer auf manuelle Arbeit derzeit beruhende 900 Mio Arbeitskräfte bindende Landwirtschaft
- ein riesiges Rationalisierungspotential in der Fertigungsindustrie, nachdem man NC/CNC Maschinen westlicher Länder bestens studiert hat
- ein riesiges Intelligenzpotential mit vielen 100 tausend Studierten je Jahr
- ein riesiges Nachfragepotential durch im Schnitt vergleichsweise geringe Lebensstandards
- ein optimales politisches Umfeld, weil die riesige Mehrzahl der 1,3 Mrd. Menschen ein durchaus zufriedenes und glückliches Leben in aller Bescheidenheit führen
- eine Führung, die zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Weichenstellungen stellt und Währungsreserven und Investitionen zur renditeträchtigen Anlage frei gibt …
Wir werden uns umschauen, in 10 bis 15 Jahren! Wer weiß, wer dann bereits unter chinesischen Fittichen ist! Insofern ist China eine strategische Größe, die von amerikanischen Finanzinvestoren nicht einzunehmen ist, die werden ihren Weg gehen und einen Mittelweg aufzeigen zwischen Turbokapitalismus und Staatslenkung.
Nirgendwo wird sein einigen Jahren soviel volkswirtschaftlicher Quatsch erzählt wie über die anscheinend glänzenden Aussichten einiger zumindest halbtropischer Riesenländer. Ich weiss nicht, ob es Krugman oder ein anderer Eminenter war, der vor Jahren in seinem Buch "Kopf an Kopf" (?) sich mit den Aussichten der drei grossen Wirtschafträume EU, USA und Japan beschäftigte, und auch mit den Chancen der anderen Blöcke. Einer der Hauptbefunde darin war, dass es äusserst schwierig ist, in den Kreis der Hochentwickelten einzutreten - die Liste der 20 reichsten Länder 1890 stimmt mehr oder weniger mit denen von 1990 überein!
Ein weiterer Hauptsatz: Volle wirtschaftliche Entwicklung ist kein Sprint, sondern ein Marathon! Bei guten 4% Wachstumsrate braucht es 60 Jahre, um die Produktion zu verzehnfachen! Die letztjährigen hohen Wachstumsraten von bis zu 10% sind auf spezielle Faktoren zurückzuführen und können nicht lange aufrechterhalten werden. Das ist eben ein Hauptfehler von Oekonomen und Investoren: dass sie einen kurzfristigen Trend auf lange Zukunft extrapolieren.
Ein anderer Hauptfehler der BRIC-Träumer ist, dass sie Grösse eines Landes als wirtschaftlich vorteilhaft ansehen - auch das ist komplett falsch, wenn man sich vergegenwärtigt, wieviele Kleinstaaten die Nase vorn haben: Luxemburg, Norwegen, Schweiz, Singapur. Poitisch gesehen lassen sich kleinere Staaten besser führen, und das ist auch gut für die Wirtschaft.
Es bleibt zu fragen, warum denn diese Länder bisher unfähig waren, nach den Vorgabe des Westens und Japans frühzeitig dem materiellen Elend den Kampf anzusagen. Warum sollen sie in diesen Disziplinen besonders gut sein, wenn sie bisher versagt haben?
Trotzdem kann man sagen, dass China die Voraussetzungen hat, auf dieselbe Weise wie Taiwan in Richtung Vollindustrialisierung zu marschieren. Klima und Kultur stimmen. Skeptisch sein muss man bei Brasilien und Russland. Vollends illusorisch scheint Indien. Bisher ist es keinem nichtklimatischgemässigten Land gelungen ausser dem Stadtstaat Singapur, an die Spitze zu rücken. Warum sollte es der von so vielen Nachteilen gehemmte Halbkontinent schaffen? Klar findet man unter 1200 Millionen Menschen einige begabte Leute, die man in einigen speziellen Instituten versammeln kann, die in einigen höheren Wertschöpfungen arbeiten könnten - aber der grosse Rest? Indiens Milliarde erwirtschaft gesamthaft beispielsweise zur Zeit nur doppelt soviel (900 Mia $) wie die 7 Mio Schweizer (400 Mia $) - wie kann man auch nur von Ein- und Ueberholen schwafeln? Ebenfalls weist das industriell unbedeutende Neuseeland pro Kopf fast unendlich bessere Wirtschaftzahlen aus - eigentlich reicht es aus, in einem klimatisch gemässigten gut organisierten politisch gut regierten Land zu leben, um auf einen genügenden Lebensstandard zu kommen.
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