Globalisierung Vorsicht, GlobalisierungsblaseSeite 3/3

Die Defizite: Unzureichende Bildung und mangelhafte Infrastruktur

Das Bildungssystem ist in vielen Teilen des Landes überfordert. Unternehmer aus dem In- und Ausland klagen, dass sie in einer Flut von Auflagen untergehen. Sogar die Regierung gibt zu, dass »unsere Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Flughäfen und vor allem Stromversorger nicht vergleichbar sind mit denen bei unseren Wettbewerbern« – eine Untertreibung und auch kein Wunder. Während Pekings Regierung zum Beispiel zwischen 1991 und 2002 stolze 38 Milliarden Dollar für den Straßenbau ausgab, schaffte Neu-Delhi gerade mal vier Milliarden. Daher warnt die Weltbank: »Die Herausforderung für Indien ist nicht, sein Wachstum zu steigern, sondern es überhaupt zu halten.«

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Vieles erscheint an diesen Beispielen vertraut: Schließlich gab es immer wieder Situationen, in denen der Westen sein Kapital allzu euphorisch in Schwellenländer lenkte. Eine Trunkenheit am Aktienmarkt, gefolgt von einem Zusammenbruch, für den dann vor allem die Menschen in diesen Ländern aufkommen mussten.

So war es in der Pesokrise 1994, in den Russland- und Asienkrisen 1997 und 1998, zuletzt beim argentinischen Kollaps. Doch das BRIC-Problem liegt anders, es ist vertrackter. »Es ist unwahrscheinlich, dass wir bald wieder etwas erleben wie die Asienkrise«, sagt Stephanie Griffith-Jones, eine Finanzmarktexpertin an der University of Sussex. Anders als früher seien die großen Schwellenländer nämlich kaum noch spekulativen Attacken an den Finanzmärkten ausgesetzt. Sie schützen sich davor selber: China hat heute Währungsreserven von mehr als einer Billion US-Dollar, auch Brasilien hortet große Reserven, das Ölland Russland ist gar zum Exporteur von Kapital geworden.

Daher ist die große Gefahr für die Avantgarde der Schwellenländer heute nicht, dass ihre Währung in einem Crash kollabiert, dass plötzlich Banken zusammenbrechen und Massenentlassungen folgen. Eher könnte ihr Wachstum langsam verebben, weil Unternehmen die Fachkräfte ausgehen, weil Container in überfüllten Häfen festliegen, weil der Strom ausfällt, weil Gründer ihren Mut verlieren. Symbole für diese Gefahr sind zum Beispiel die Hosur Road in der indischen Boomstadt Bangalore, auf der mancher Angestellte der Hightechbranche heute vier Stunden am Tag zubringt – in Schlaglöchern, zwischen Lastwagen, hinter Rikschas und Kühen. Oder die Schulen Brasiliens, die bei jedem zweiten zehnjährigen Kind an der Aufgabe versagen, ihm das Schreiben beizubringen. Der russische Unternehmer Roman Strelez ist auch so ein Symbol. Er hätte gerne seinen Autohandel ausgebaut – kam aber nicht dazu, weil Verbrecher und Beamte ihn zu enteignen versuchten.

Es ist ein Szenario von Ländern der Zukunft, die nicht genug in ihre Zukunft investiert haben. Leider ist das aus deutscher Sicht zu traurig, um darüber zu witzeln.

Mitarbeit: Georg Blume, Anne Grüttner, Britta Petersen, Johannes Voswinkel

 
Leser-Kommentare
  1. Nicht alles ist negativ in bezug auf die billigen Importe aus diesen Ländern. Diese Billigprodukte reduzieren zwar die Zahl der Arbeitsplätze bei uns, aber auch unsere Lebenshaltungskosten und unsere Inflationsrate.

  2. Mit diesem Artikel haben die Autoren ein sehr duennes Brett gebohrt. Man nehme den Inhalt von Wikipedia, verallegemeinere ein bisschen und werfe ein paar Geschichten dazu, wie z.B. den vierstuendigen Stau in Bangalore, und schon mat man einen Beitrag. Und dazu braucht es vier Leute. In drei Seiten packt man die politischen und infrastrukturellen Probleme von vier Laendern, versucht sich in der Analyse globaler Maerkte und richtet letztendlich den erhobenen Zeigefinger gen Deutschland.

    Gut jedoch ist, dass die Zeit ueberhaupt einen Artikel zustande bekommt, der nicht die Globalisierung daemonisiert oder altvaeterliche Ratschlaege a la Guenter Grass gibt. Proportional findet man zumindest in der online Ausgabe zum Thema Lateinamerika mehr Artikel ueber Laender mit linken Demagogen als solche, wo es einfach nur ganz unsensationell vorwaerts geht, wie z.B. Mexiko. Deutschland produziert angeblich viele Geisterswissenschaftler, jedoch wo sind die Think Tanks, meinungsbildende Zeitschriften wie der Economist? Die Debatte ueber gesellschaftliche Veraenderungen und Oekonomie findet im englischen Sprachraum statt und irgendwann schwappts nach DE wo man bestenfalls einen guten Aufguss dessen zustandebekommt.

    Im allgemeinen habe ich den Eindruck dass die Zeit bezueglicher ihrer redaktionellen Grundrichtung ein Jekyll and Hyde Symptom hat, - abhaengig vom Autor bekommt man zu einem gegebenen Thema entweder etwas linkspopulistisches oder nur etwas links der Mitte gelegenes zu lesen.

  3. Im letzten halben Jahr war ich insgesamt 12 Wochen in China und habe dort Unternehmen im Auftrage der Bundesregierung und des BDI beraten. „How to become competitive on the international market?“
    Ich habe in Peking sehr hochrangige Herren kennen gelernt, die an erster Stelle Industriepolitik betreiben: überaus kluge und weitsichtige Herren, die den Kapitalismus und seine Funktion bestens studiert haben und in der Lage sind, strategische Konzepte zu entwerfen, die den Wettstreit der Systeme nicht mehr mit Gewalt sondern mit den Regeln des Finanzmarktes führen.
    Das genau ist China heute:
    - ein riesiges Mitarbeiterpotential einer auf manuelle Arbeit derzeit beruhende 900 Mio Arbeitskräfte bindende Landwirtschaft
    - ein riesiges Rationalisierungspotential in der Fertigungsindustrie, nachdem man NC/CNC Maschinen westlicher Länder bestens studiert hat
    - ein riesiges Intelligenzpotential mit vielen 100 tausend Studierten je Jahr
    - ein riesiges Nachfragepotential durch im Schnitt vergleichsweise geringe Lebensstandards
    - ein optimales politisches Umfeld, weil die riesige Mehrzahl der 1,3 Mrd. Menschen ein durchaus zufriedenes und glückliches Leben in aller Bescheidenheit führen
    - eine Führung, die zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Weichenstellungen stellt und Währungsreserven und Investitionen zur renditeträchtigen Anlage frei gibt …

    Wir werden uns umschauen, in 10 bis 15 Jahren! Wer weiß, wer dann bereits unter chinesischen Fittichen ist! Insofern ist China eine strategische Größe, die von amerikanischen Finanzinvestoren nicht einzunehmen ist, die werden ihren Weg gehen und einen Mittelweg aufzeigen zwischen Turbokapitalismus und Staatslenkung.

  4. Nirgendwo wird sein einigen Jahren soviel volkswirtschaftlicher Quatsch erzählt wie über die anscheinend glänzenden Aussichten einiger zumindest halbtropischer Riesenländer. Ich weiss nicht, ob es Krugman oder ein anderer Eminenter war, der vor Jahren in seinem Buch "Kopf an Kopf" (?) sich mit den Aussichten der drei grossen Wirtschafträume EU, USA und Japan beschäftigte, und auch mit den Chancen der anderen Blöcke. Einer der Hauptbefunde darin war, dass es äusserst schwierig ist, in den Kreis der Hochentwickelten einzutreten - die Liste der 20 reichsten Länder 1890 stimmt mehr oder weniger mit denen von 1990 überein!

    Ein weiterer Hauptsatz: Volle wirtschaftliche Entwicklung ist kein Sprint, sondern ein Marathon! Bei guten 4% Wachstumsrate braucht es 60 Jahre, um die Produktion zu verzehnfachen! Die letztjährigen hohen Wachstumsraten von bis zu 10% sind auf spezielle Faktoren zurückzuführen und können nicht lange aufrechterhalten werden. Das ist eben ein Hauptfehler von Oekonomen und Investoren: dass sie einen kurzfristigen Trend auf lange Zukunft extrapolieren.

    Ein anderer Hauptfehler der BRIC-Träumer ist, dass sie Grösse eines Landes als wirtschaftlich vorteilhaft ansehen - auch das ist komplett falsch, wenn man sich vergegenwärtigt, wieviele Kleinstaaten die Nase vorn haben: Luxemburg, Norwegen, Schweiz, Singapur. Poitisch gesehen lassen sich kleinere Staaten besser führen, und das ist auch gut für die Wirtschaft.

    Es bleibt zu fragen, warum denn diese Länder bisher unfähig waren, nach den Vorgabe des Westens und Japans frühzeitig dem materiellen Elend den Kampf anzusagen. Warum sollen sie in diesen Disziplinen besonders gut sein, wenn sie bisher versagt haben?

    Trotzdem kann man sagen, dass China die Voraussetzungen hat, auf dieselbe Weise wie Taiwan in Richtung Vollindustrialisierung zu marschieren. Klima und Kultur stimmen. Skeptisch sein muss man bei Brasilien und Russland. Vollends illusorisch scheint Indien. Bisher ist es keinem nichtklimatischgemässigten Land gelungen ausser dem Stadtstaat Singapur, an die Spitze zu rücken. Warum sollte es der von so vielen Nachteilen gehemmte Halbkontinent schaffen? Klar findet man unter 1200 Millionen Menschen einige begabte Leute, die man in einigen speziellen Instituten versammeln kann, die in einigen höheren Wertschöpfungen arbeiten könnten - aber der grosse Rest? Indiens Milliarde erwirtschaft gesamthaft beispielsweise zur Zeit nur doppelt soviel (900 Mia $) wie die 7 Mio Schweizer (400 Mia $) - wie kann man auch nur von Ein- und Ueberholen schwafeln? Ebenfalls weist das industriell unbedeutende Neuseeland pro Kopf fast unendlich bessere Wirtschaftzahlen aus - eigentlich reicht es aus, in einem klimatisch gemässigten gut organisierten politisch gut regierten Land zu leben, um auf einen genügenden Lebensstandard zu kommen.

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