Hochwasser Vor der großen FlutSeite 6/6

Manchmal, wenn er mit seinem Rennrad durch die Landschaft gleitet, vorbei an all den Seen und Bächen, die durch Deichbrüche in früheren Jahrhunderten entstanden sind, vorbei an all den Wehren, die das Land durchziehen, den Hunderten mit Dieselmotoren betriebenen Pumpstationen, dann bewundert er die Ingenieure, die diese Wassermassen in den Griff bekommen haben. Sie müssten, sagt er, zwar schon jetzt die Deiche häufiger erhöhen als früher, aber er glaubt, dass sie, technisch gesehen, noch nicht am Ende sind. De Bruin hat sieben Enkel. Er sieht eine Herausforderung darin, immer stärkere Deiche zu bauen und dennoch die Schönheit dieses Landes zu erhalten, die blühenden Obstbäume, die Tulpenfelder. Man könne, schwärmt er, die Deiche vernageln, sie mit betongefüllten Röhren verstärken oder ihnen einen Stahlkern verpassen. Natürlich koste das viel Geld, aber sie hätten ja keine andere Wahl. Eine Milliarde Euro dürften in den nächsten zehn Jahren allein in die Ausbesserung der Deiche in de Bruins Gebiet fließen. Zwei Milliarden werden landesweit jährlich für den Erhalt des Status quo ausgegeben.

Eine seltsame, fast unwirkliche Ruhe liegt über dem Land, ein Gefühl von Unbesorgtheit. Neulich hat de Bruin den Film von Al Gore gesehen. Er fand, dass es ein guter Film war, auch wenn ihm die Untergangsszenarien etwas übertrieben schienen. Es ist das, was in den Niederlanden fast alle zu dem Film sagen. Und diese Ruhe im Land, die sich wie ein Schleier über alles legt, ist vielleicht am besten zu vergleichen mit der Stille nach dem Abspann des Films. Mit dem Moment, in dem man an die frische Luft tritt und die Bilder im Kopf mit der Wirklichkeit abgleicht; in dem man sieht: Alles beim Alten, alles noch da. Es ist der Augenblick, in dem die Fantasie versagt.

Hier, im Herzen der Niederlande, wirken diese schwimmenden Häuser, über die de Bruin jetzt immer öfter in der Zeitung liest, wie Nachrichten von einem anderen Planeten. »Diese Häuser«, sagt er, »von denen es bislang gerade 700 gibt, schützen doch nicht mehr als eine halbe Million Leute.« Er hält nicht viel davon. Er sagt: »Das ist doch bloß ein Projekt für ein paar Reiche.«

De Bruin, der Deichbauer vom alten Schlag, ist nicht der Einzige in den Niederlanden, der so denkt. Der Landwirt van der Slikke denkt genauso, und es sind Leute wie sie, die all die neuen Pläne bremsen, mit denen der Wissenschaftler Pavel Kabat und der Architekt Koen Olthuis die Niederlande in die Zukunft führen wollen. Es sind Menschen, die sich hinter ihren Deichen sicher fühlen. Wenn man sie auf den Worst Case anspricht, flüchten sie sich in Galgenhumor. Dann lachen sie und sagen, dass sie dann eben nach Deutschland rüberkommen.

Der Mangrovenwald schützt – und wird von Einheimischen gerodet

Wenn die Wissenschaftler des Weltklimarats mit ihrer Prognose richtig liegen sollten, dass der Meeresspiegel nicht mehr als 55 Zentimeter ansteigt, dann haben die Niederlande nicht viel zu befürchten. Bangladesch hingegen würde ein Fünftel seines Landes verlieren; und es könnte, wenn es denn so käme, sogar seinen letzten Trumpf einbüßen, den es im Kampf gegen den Klimawandel noch besitzt, die Sunderbans.

Dieser riesige Mangrovenwald, im Südwesten Bangladeschs zwischen dem Festland und der Bucht gelegen, ist eine 17000 Quadratkilometer große Festung, ein wild gewachsener Schutzwall, tief und undurchdringbar für Zyklone. Wer dahinter lebt, der kann sich sicher fühlen, aber niemand weiß, wie lange noch. Denn nicht nur das steigende Meer bedroht ihn; die größten Feinde des Waldes sind die Bangladescher selbst.

Bevor Inamul Hoque von der 27. Sunderban East Forest Division in den Dschungel aufbricht, um die Mangroven und damit sein Land zu verteidigen, gegen die Holzdiebe, die schon ein Fünftel der Mangroven vernichtet haben, seitdem er hier angefangen hat, vor 18 Jahren, schlüpft er in seine beigefarbene Uniform und schultert sein neues chinesisches Gewehr.

Er läuft über den Steg und klettert auf sein kleines Holzboot. Lautlos wird er sich durch die Kanäle treiben lassen, wird lauschen, ob irgendwo Äste krachen, ob irgendwo Stimmen sind, und wenn er etwas hört, dann wird er dieser Sache nachgehen. »Früher«, sagt er, »durften wir auf Tiger schießen, nicht auf Menschen. Heute ist es umgekehrt.«

Hoque ist besorgt. Er und seine Kollegen kämpfen hier, im Einfallstor zum Dschungel, auf verlorenem Posten, Tausende Bäume verschwinden jeden Tag. Und Schuld daran haben vor allem die Niederländer. Denn seitdem die niederländischen Deiche die bengalischen Reisfelder im Hinterland zerstört haben und viele Bauern arbeitslos geworden sind, suchen immer mehr ihr Glück im Dschungel. Sie liefern ihre Beute in den Dutzenden von Streichholz- und Papierfabriken ab, die sich in der Nähe des Waldes angesiedelt haben, obwohl das Abholzen von Bäumen seit 1990 offiziell verboten ist. Wie viel diese Gesetze wert sind, das erfährt Inamul Hoque fast täglich, wenn ihm wieder mal jemand eine Ausnahmegenehmigung vorlegt. »Meine Behörde«, sagt er, »ist die viertkorrupteste im Land.«

Das letzte Mal, dass er Diebe geschnappt hat, ist Wochen her. Er brachte den Mann zur Polizei, doch die ließ ihn gleich wieder laufen. So sei das eben in Bangladesch, sagt Inamul Hoque. Dann legt er ab, im Heck des Bootes stehend, das Gewehr geschultert.

180 Guards sind im ganzen Sunderban-Gebiet unterwegs, an keiner Stelle ist es eingezäunt. Nirgendwo in Bangladesch spürt man die ganze Hoffnungslosigkeit des Landes so sehr wie hier, und man ahnt, dass es nicht besser wird. Schon einmal haben alle weggesehen, als man einen ganzen Wald zerlegte und ihn durch profitable Shrimps-Farmen ersetzte, es ist erst 20 Jahre her. Die Gegend um die Farm ist jetzt so wüst, so heillos ungeschützt den Zyklonen ausgeliefert wie Boyer Char.

Und wenn nichts geschieht, dann wird das Land den eigenen Untergang noch weiter forcieren: Denn draußen, vor den Sunderbans, wird Öl vermutet. Demnächst soll mit den Probebohrungen begonnen werden. Lastwagen werden in die Gegend rollen, man wird Straßen brauchen. Es ist die nächste Heimsuchung. Die Regierung, heißt es, habe die Verträge meistbietend versteigert.

 
Leser-Kommentare
  1. "Im Sommer 2002 ging das Grönland-Eis zusammen mit dem arktischen Packeis um den Rekordwert von einer Million Quadratmetern zurück."

    Eine Million Quadratmeter wären ja bloss ein Quadratkilometer, sprich kaum messbar!

  2. Vorerst scheint es vor allem der Südpol zu sein, der von der Schmelze akut betroffen ist. Die Bevölkerung einiger zu Neuseeland gehöriger Inseln musste bereits evakuiert werden. Doch das Steigen des Meeresspiegels ist ein weltweites Zeichen der Erwärmung, von dem natürlich die auf gleicher Ebene mit dem Meeresspiegel (oder gar darunter) liegenden Gebiete vor allem betroffen werden. Jeder denkt hier wohl zuerst an New Orleans oder die Niederlande, aber auch riesige flache Landgebiete nördlich von London sind nicht weniger gefährdet.

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