Es ist ein ungewöhnlich warmer Frühlingstag, an dem Koen Olthuis seinen grauen Porsche ungeduldig in Richtung Amsterdam lenkt. Olthuis hält die linke Spur. Er ist unterwegs zum Königlichen Institut Niederländischer Architekten und wie meistens seit dem Hurrikan Katrina zu spät dran. Am Morgen war schon der Discovery Channel da, und danach hat er noch an den Skizzen für die Scheichs gefeilt, die er nächste Woche präsentieren muss. Olthuis’ Porsche, Baujahr 84, verbraucht auf 100 Kilometern 15 Liter Sprit. Man könnte meinen, dass er mit dem Wagen sein Geschäft anheizt.

Koen Olthuis ist der erste niederländische Architekt, der ausschließlich auf Wasser baut. Ginge es nach ihm, würde das komplette Land in 50 Jahren schwimmen, die Straßen, die Treibhäuser, die Kirchen. Als die Regierung mitbekam, dass Olthuis jemand ist, der Zukunft denkt, nahm sie ihn zum Staatsbesuch nach Japan mit, damit er dort seine Vision erläutern konnte. Nach dem Hurrikan Katrina, sagt er, habe es mit dem neuen Denken angefangen. Dann kam Al Gore mit seinem Klima-Film, in dem die großen Küstenmetropolen in den Fluten untergehen, und bei Olthuis meldeten sich plötzlich Zeitungen, die Lösungen für künftige Probleme suchten. Olthuis hat sein »Waterstudio« vor sieben Jahren mit einem Freund gegründet, aber jetzt musste er Leute einstellen, um all die neuen Aufträge zu bewältigen.

Libyens Staatschef Gadhafi hat bei ihm einen Entwurf bestellt für eine schwimmende Formel-1-Rennstrecke. Der Produzent der Rockgruppe U2 lässt sich gerade eine Luxusvilla auf die Themse stellen, und die Scheichs aus Dubai wollen, dass Olthuis ein paar Bungalow-Serien vor ihre Küste setzt, die aus dem Flugzeug aussehen wie arabische Sinnsprüche. Olthuis’ Ingenieure arbeiten auf Platten, deren Unterseite eine mit Styropor gefüllte Wanne aus Beton ist. Die Platten werden an Pfählen festgebunden, die tief im Boden ankern, und wenn der Wasserpegel steigt, dann steigen die Platten an den Pfählen hoch.

Olthuis ist jetzt Ende dreißig, aber er trägt noch immer diese ausgewaschenen Jeans und Polohemden. Einer seiner Großväter war Architekt, der andere war Reeder. Als Enkel, sagt er, verbinde er nun beide Stränge der Familie. Wenn man mit ihm durch die Niederlande fährt, dann kann es vorkommen, dass er plötzlich auf das Lenkrad schlägt und sich über diese Landschaft wundert. »Auf der ganzen Welt«, meint er, »fließt das Wasser nach unten, nur hier bei uns fließt es nach oben, aus den Poldern in die Kanäle, aus den Kanälen in die Flüsse, immer aufwärts, bewegt durch unzählige Pumpen, ohne die das Land in knapp zwei Tagen vollliefe wie eine Badewanne. Eigentlich«, sagt Olthuis, »ist dieses Land ein großer Fake.« Vor der großen Flut - Bilder aus Bangladesch und den Niederlanden BILD

Rein marketingstrategisch betrachtet, hätte ihm der Weltklimarat (IPCC) im Februar kein größeres Geschenk machen können. Der Meeresspiegel, hieß es im ersten IPCC-Report, werde dramatisch steigen, um mindestens 30 Zentimeter in den nächsten 100 Jahren, im schlimmsten Fall um einen halben Meter. Der Regen werde weltweit um zehn Prozent zunehmen, und Überflutungen würden sich häufen. Besonders gefährdet, urteilten die Wissenschaftler, seien niedrig liegende Länder wie die Niederlande und Bangladesch, dicht besiedelte Küstenregionen mit riesigen Flussdeltas.

Architekt Olthuis wohnt bei Den Haag. Er ist einer von neun Millionen Niederländern, die unter dem Meeresspiegel leben, die meisten von ihnen in den bis zu sechs Meter tief liegenden Poldern zwischen Amsterdam und Rotterdam, wo hinter gewaltigen Deichen achtzig Prozent des niederländischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet wird. Irgendwann, sagt Olthuis, werde das steigende Meer die Flüsse stauen. Die Flüsse könnten nicht mehr abfließen, da sie dann weit unterhalb des Meeresspiegels lägen. Irgendwann, glaubt er, schwappen sie über. Olthuis lächelt, er schläft trotzdem ruhig.

Wenn man die Meteorologin Arjumand Habib von diesen schwimmenden Häusern in den Niederlanden erzählt, kann sie nur lächeln. »Bei uns in Bangladesch«, sagt sie mit leiser Stimme, »können wir uns diesen Traum nicht leisten. Ein einziges dieser Häuser dürfte teurer sein als die Ernte eines ganzen Dorfes.« BILD

Habib ist die stellvertretende Leiterin des Sturmwarnzentrums in Dhaka. In ihrem pink geblümten Sari schreitet sie die finsteren Flure im zweiten Stock ihrer Behörde ab. An den Wänden bedecken Wetterkarten den maroden Putz, sie sind Erinnerungen an die Tage, die sich hier allen ins Gedächtnis eingegraben haben. Auf den Karten eingezeichnet sind die Bögen, in denen die Zyklone auf die Küste zugedonnert sind, darunter stehen die Geschwindigkeiten, die Bilanzen: 1970: 500.000 Tote. 1991: 138.000 Tote, 1996: 5.000 Tote. Es sind Dutzende von Karten, und jede ist ein Dokument dafür, dass die Katastrophe Alltag ist in Bangladesch.

Das Land, kaum halb so groß wie Deutschland, hat mehr Wasser als ganz Europa. Wie gewaltige Arterien furchen sich die Arme der drei großen Ströme Ganges, Meghna und Brahmaputra vom Himalaya nach Süden, wo sie sich in den Golf von Bengalen ergießen. Mindestens einmal im Jahr, während des Monsuns, steht Bangladesch zu einem Viertel unter Wasser. Das Land, sagen die Leute, sei wie eine Toilette, die einmal im Jahr überlaufe. 30 Hochwasser hatten sie in den letzten 40 Jahren, und etwa alle acht Jahre steigt die Flut so hoch, dass sie fast sämtliche Häuser, Straßen und Felder zerstört.

»Es kann«, sagt Arjumand Habib, »bei uns nur darum gehen, das Schlimmste zu verhindern.«

Seit im März die Wochen der Zyklone angebrochen sind, befindet sich die Meteorologin in Alarmbereitschaft. Sie öffnet eine Tür, hinter der ein junger Mann mit Buntstiften die Daten des Tages auf eine Wetterkarte einträgt. Man habe Fortschritte erzielt, sagt Habib. Die Opferzahlen nähmen stetig ab, seit ihre Warnungen über das Radio nun auch die Provinz erreichten. In zwei Wochen wird sie ein neues Radar in Betrieb nehmen, eine Spende der Japaner. »Aber was hilft er uns«, fragt sie, »wenn wir die Datensätze nicht nach Dhaka senden können?« Die Übertragung via Satellit ist zu teuer, und das Internet läuft noch immer übers Telefon. Die Verbindung sei nicht nur sehr langsam, erzählt Habib, sie stürze auch regelmäßig ab.

Selbst besonnene Wissenschaftler wirken in letzter Zeit nervös

Seit 30 Jahren leistet sie jetzt Dienst in diesem Amt. Wenn sie manchmal nachts noch über ihren Daten brütet, dann träumt sie davon, ein effizientes Sturmwarnsystem aufzubauen; dann verdrängt sie, dass ihr Mitarbeiter fehlen; dass ihr das Ministerium Gelder streichen will und dass die Wissenschaftler sagen, es werde künftig noch viel stärkere Zyklone geben, weil sich der Ozean erwärme. Denn: Jedes Grad mehr bedeutet mehr Wasserdampf, der aufsteigt, eine höhere Windgeschwindigkeit im Zyklon und letztlich eine höhere Vernichtungskraft, mit der der Wirbelsturm die Menschen in der Küstenregion heimsucht.

Viel mehr hatte Habib vom Klimawandel nicht gehört, als sie die Mitteilung erhielt, sie solle für ihr Land nach Brüssel reisen, wo der Weltklimarat Anfang April den zweiten Teil seines Reports verabschieden wollte. Arjumand Habib, die Wetterfrau, sollte auf dieser Konferenz für zehn Millionen Bangladescher sprechen, die knapp über dem Meeresspiegel leben; sie sollte zehntausend Menschen vertreten, die jedes Jahr ihr Heim verlieren, weil die anschwellenden Flüsse schon jetzt ganze Landstriche verschlingen. Es war hoffnungslos. Sie flog allein, weil die UN für jedes Land nur einen Flug bezahlt, und als sie nachts im Flugzeug zum ersten Mal in diesem Bericht blätterte, war sie schnell müde und verwirrt von all den unbekannten Fakten.