Hochwasser

Vor der großen Flut

Steigende Meeresspiegel bedrohen weite Küstenregionen. Die reichen Niederlande setzen auf schwimmende Städte und vermarkten das Konzept weltweit. Im armen Bangladesch verhindert die Korruption den Schutz vor dem Untergang

Es ist ein ungewöhnlich warmer Frühlingstag, an dem Koen Olthuis seinen grauen Porsche ungeduldig in Richtung Amsterdam lenkt. Olthuis hält die linke Spur. Er ist unterwegs zum Königlichen Institut Niederländischer Architekten und wie meistens seit dem Hurrikan Katrina zu spät dran. Am Morgen war schon der Discovery Channel da, und danach hat er noch an den Skizzen für die Scheichs gefeilt, die er nächste Woche präsentieren muss. Olthuis’ Porsche, Baujahr 84, verbraucht auf 100 Kilometern 15 Liter Sprit. Man könnte meinen, dass er mit dem Wagen sein Geschäft anheizt.

Koen Olthuis ist der erste niederländische Architekt, der ausschließlich auf Wasser baut. Ginge es nach ihm, würde das komplette Land in 50 Jahren schwimmen, die Straßen, die Treibhäuser, die Kirchen. Als die Regierung mitbekam, dass Olthuis jemand ist, der Zukunft denkt, nahm sie ihn zum Staatsbesuch nach Japan mit, damit er dort seine Vision erläutern konnte. Nach dem Hurrikan Katrina, sagt er, habe es mit dem neuen Denken angefangen. Dann kam Al Gore mit seinem Klima-Film, in dem die großen Küstenmetropolen in den Fluten untergehen, und bei Olthuis meldeten sich plötzlich Zeitungen, die Lösungen für künftige Probleme suchten. Olthuis hat sein »Waterstudio« vor sieben Jahren mit einem Freund gegründet, aber jetzt musste er Leute einstellen, um all die neuen Aufträge zu bewältigen.

Libyens Staatschef Gadhafi hat bei ihm einen Entwurf bestellt für eine schwimmende Formel-1-Rennstrecke. Der Produzent der Rockgruppe U2 lässt sich gerade eine Luxusvilla auf die Themse stellen, und die Scheichs aus Dubai wollen, dass Olthuis ein paar Bungalow-Serien vor ihre Küste setzt, die aus dem Flugzeug aussehen wie arabische Sinnsprüche. Olthuis’ Ingenieure arbeiten auf Platten, deren Unterseite eine mit Styropor gefüllte Wanne aus Beton ist. Die Platten werden an Pfählen festgebunden, die tief im Boden ankern, und wenn der Wasserpegel steigt, dann steigen die Platten an den Pfählen hoch.

Olthuis ist jetzt Ende dreißig, aber er trägt noch immer diese ausgewaschenen Jeans und Polohemden. Einer seiner Großväter war Architekt, der andere war Reeder. Als Enkel, sagt er, verbinde er nun beide Stränge der Familie. Wenn man mit ihm durch die Niederlande fährt, dann kann es vorkommen, dass er plötzlich auf das Lenkrad schlägt und sich über diese Landschaft wundert. »Auf der ganzen Welt«, meint er, »fließt das Wasser nach unten, nur hier bei uns fließt es nach oben, aus den Poldern in die Kanäle, aus den Kanälen in die Flüsse, immer aufwärts, bewegt durch unzählige Pumpen, ohne die das Land in knapp zwei Tagen vollliefe wie eine Badewanne. Eigentlich«, sagt Olthuis, »ist dieses Land ein großer Fake.«

Rein marketingstrategisch betrachtet, hätte ihm der Weltklimarat (IPCC) im Februar kein größeres Geschenk machen können. Der Meeresspiegel, hieß es im ersten IPCC-Report, werde dramatisch steigen, um mindestens 30 Zentimeter in den nächsten 100 Jahren, im schlimmsten Fall um einen halben Meter. Der Regen werde weltweit um zehn Prozent zunehmen, und Überflutungen würden sich häufen. Besonders gefährdet, urteilten die Wissenschaftler, seien niedrig liegende Länder wie die Niederlande und Bangladesch, dicht besiedelte Küstenregionen mit riesigen Flussdeltas.

Architekt Olthuis wohnt bei Den Haag. Er ist einer von neun Millionen Niederländern, die unter dem Meeresspiegel leben, die meisten von ihnen in den bis zu sechs Meter tief liegenden Poldern zwischen Amsterdam und Rotterdam, wo hinter gewaltigen Deichen achtzig Prozent des niederländischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet wird. Irgendwann, sagt Olthuis, werde das steigende Meer die Flüsse stauen. Die Flüsse könnten nicht mehr abfließen, da sie dann weit unterhalb des Meeresspiegels lägen. Irgendwann, glaubt er, schwappen sie über. Olthuis lächelt, er schläft trotzdem ruhig.

Wenn man die Meteorologin Arjumand Habib von diesen schwimmenden Häusern in den Niederlanden erzählt, kann sie nur lächeln. »Bei uns in Bangladesch«, sagt sie mit leiser Stimme, »können wir uns diesen Traum nicht leisten. Ein einziges dieser Häuser dürfte teurer sein als die Ernte eines ganzen Dorfes.«

Habib ist die stellvertretende Leiterin des Sturmwarnzentrums in Dhaka. In ihrem pink geblümten Sari schreitet sie die finsteren Flure im zweiten Stock ihrer Behörde ab. An den Wänden bedecken Wetterkarten den maroden Putz, sie sind Erinnerungen an die Tage, die sich hier allen ins Gedächtnis eingegraben haben. Auf den Karten eingezeichnet sind die Bögen, in denen die Zyklone auf die Küste zugedonnert sind, darunter stehen die Geschwindigkeiten, die Bilanzen: 1970: 500.000 Tote. 1991: 138.000 Tote, 1996: 5.000 Tote. Es sind Dutzende von Karten, und jede ist ein Dokument dafür, dass die Katastrophe Alltag ist in Bangladesch.

Das Land, kaum halb so groß wie Deutschland, hat mehr Wasser als ganz Europa. Wie gewaltige Arterien furchen sich die Arme der drei großen Ströme Ganges, Meghna und Brahmaputra vom Himalaya nach Süden, wo sie sich in den Golf von Bengalen ergießen. Mindestens einmal im Jahr, während des Monsuns, steht Bangladesch zu einem Viertel unter Wasser. Das Land, sagen die Leute, sei wie eine Toilette, die einmal im Jahr überlaufe. 30 Hochwasser hatten sie in den letzten 40 Jahren, und etwa alle acht Jahre steigt die Flut so hoch, dass sie fast sämtliche Häuser, Straßen und Felder zerstört.

»Es kann«, sagt Arjumand Habib, »bei uns nur darum gehen, das Schlimmste zu verhindern.«

Seit im März die Wochen der Zyklone angebrochen sind, befindet sich die Meteorologin in Alarmbereitschaft. Sie öffnet eine Tür, hinter der ein junger Mann mit Buntstiften die Daten des Tages auf eine Wetterkarte einträgt. Man habe Fortschritte erzielt, sagt Habib. Die Opferzahlen nähmen stetig ab, seit ihre Warnungen über das Radio nun auch die Provinz erreichten. In zwei Wochen wird sie ein neues Radar in Betrieb nehmen, eine Spende der Japaner. »Aber was hilft er uns«, fragt sie, »wenn wir die Datensätze nicht nach Dhaka senden können?« Die Übertragung via Satellit ist zu teuer, und das Internet läuft noch immer übers Telefon. Die Verbindung sei nicht nur sehr langsam, erzählt Habib, sie stürze auch regelmäßig ab.

Selbst besonnene Wissenschaftler wirken in letzter Zeit nervös

Seit 30 Jahren leistet sie jetzt Dienst in diesem Amt. Wenn sie manchmal nachts noch über ihren Daten brütet, dann träumt sie davon, ein effizientes Sturmwarnsystem aufzubauen; dann verdrängt sie, dass ihr Mitarbeiter fehlen; dass ihr das Ministerium Gelder streichen will und dass die Wissenschaftler sagen, es werde künftig noch viel stärkere Zyklone geben, weil sich der Ozean erwärme. Denn: Jedes Grad mehr bedeutet mehr Wasserdampf, der aufsteigt, eine höhere Windgeschwindigkeit im Zyklon und letztlich eine höhere Vernichtungskraft, mit der der Wirbelsturm die Menschen in der Küstenregion heimsucht.

Viel mehr hatte Habib vom Klimawandel nicht gehört, als sie die Mitteilung erhielt, sie solle für ihr Land nach Brüssel reisen, wo der Weltklimarat Anfang April den zweiten Teil seines Reports verabschieden wollte. Arjumand Habib, die Wetterfrau, sollte auf dieser Konferenz für zehn Millionen Bangladescher sprechen, die knapp über dem Meeresspiegel leben; sie sollte zehntausend Menschen vertreten, die jedes Jahr ihr Heim verlieren, weil die anschwellenden Flüsse schon jetzt ganze Landstriche verschlingen. Es war hoffnungslos. Sie flog allein, weil die UN für jedes Land nur einen Flug bezahlt, und als sie nachts im Flugzeug zum ersten Mal in diesem Bericht blätterte, war sie schnell müde und verwirrt von all den unbekannten Fakten.

Fünf Jahre lang hatten die Wissenschaftler an diesem tausendseitigen Report gefeilt, der beschreiben soll, welche Folgen der Klimawandel haben wird. Nun, in diesem Brüsseler Konferenzsaal, stritten die Vertreter der Regierungen mit den Experten über Adjektive und die korrekte Rotschattierung eines Balkendiagramms. Es werde »sehr viele Millionen Flüchtlinge« geben, hieß es an einer Stelle, bis die Amerikaner vorschlugen, die Formulierung abzuschwächen auf »Millionen Flüchtlinge«. Die Anwälte der Saudis sagten etwas, die 19-köpfige chinesische Delegation mischte sich ein, und Stunden später einigte man sich endlich auf die Variante »viele Millionen«.

Arjumand Habib aus Bangladesch versuchte irgendwie, der Diskussion zu folgen. Sie saß im Neonlicht stumm vor ihrer kleinen Fahne, zweite Reihe links, zwischen Barbados und Bahamas. Sie trug eine leuchtend rote Strickjacke und dicke Wollsocken in den Sandalen. Manchmal sah man sie inmitten all der Anzugträger schweigend in die Mittagspause schlendern, und wenn die Sonne schien, drehte sie vor dem Gebäude noch ein paar Runden, obwohl drinnen längst die Sitzung wieder begonnen hatte.

»Was hätte ich auch sagen sollen?«, fragt Habib. »Woher soll ich wissen, ob das, was die Wissen-schaftler dort erzählen, auch die Wahrheit ist?«

Wenn es in diesen Wochen vor dem G8-Gipfel um die Fragen des Klimawandels geht, dann scheint es verwirrend viele Wahrheiten zu geben. Erwärmen sich die Ozeane wirklich? Stimmt es, dass die Eismassen der Erde schmelzen und die Meeresspiegel unaufhaltsam steigen werden? Wissenschaftler, Politiker und Medien haben in den vergangenen Monaten Alarm geschlagen, einige von ihnen in schrillen, andere in bedächtigeren Tönen, und wieder andere warnten vor einer kollektiven Hysterie. Die Wahrheit, könnte man meinen, liege im Auge des Betrachters, und vielleicht hängt er bei diesen Fragen ganz besonders davon ab, auf welcher Seite der Erde der Betrachter wohnt.

»Es ist schlimmer, als wir alle dachten«, meint der Wissenschaftler Saleemul Huq, der aus Bangladesch stammt, aber eigentlich nicht zur Hysterie neigt. Huq ist einer der Hauptautoren des IPCC-Reports. Er lässt sich in der Lobby seines Brüsseler Hotels in einen tiefen Ledersessel fallen und nimmt seine Brille ab. Er sagt, er sei beunruhigt, seit es im Kreis der Wissenschaft so eine gespenstische Einmütigkeit gebe. »Selbst die besonnenen Kollegen«, sagt er, »wirken in der letzten Zeit nervös.«

Erst brach im Jahr 2002 in der Antarktis das Eisschelf Larsen B, mit einer Fläche so groß wie Luxemburg, binnen weniger Wochen völlig unerwartet auseinander. Dann tauchte vor Grönland plötzlich diese neue Insel auf, die bis vor Kurzem noch durch einen mächtigen Gletscher mit dem Festland verbunden war.

Das Eis ist die große Unbekannte. Seine Auswirkungen auf den Meeresspiegel haben die Wissenschaftler im ersten Report mit vorsichtigen zehn Zentimetern veranschlagt – nicht weil man am Schmelzen zweifelt, sondern weil man die Geschwindigkeit, mit der es schmilzt, schlicht nicht errechnen kann. Das Eis schmilzt nicht gleichförmig, sondern beschleunigt sich, je schneller es voranschreitet.

Im Sommer 2002 ging das Grönland-Eis zusammen mit dem arktischen Packeis um den Rekordwert von einer Million Quadratmetern zurück. Es war das größte je verzeichnete Abschmelzen. Zwei Jahre später entdeckte man, dass Grönlands Gletscher zehnmal schneller schmelzen, als die Wissenschaftler es erwartet hatten.

Die Ozeane sind träge, schreibt Ian Flannery in seinem Weltbestseller Wir Wettermacher; hinsichtlich der Erwärmung befänden sich die Meere noch immer in den Siebzigern. Wenn wir uns vorstellen wollten, schreibt Flannery, wie die Atmosphäre die Ozeane veränderten, müssten wir an einen VW Käfer denken, der versucht, einen Panzer den Hang hinunterzuschieben. Erst bekomme er das Monstrum kaum in Gang, doch wenn der Panzer erst mal rolle, könne der Käfer seinen Kurs kaum noch beeinflussen.

Nur mal angenommen, dieser Panzer wäre tatsächlich schon in Gang gesetzt – könnten Länder wie Bangladesch und die Niederlande dann noch etwas tun, um ihn zu stoppen?

Das Wasser herrscht in Bangladesch wie eine geheimnisvolle Macht

Es ist eine Frage, zu der Saleemul Huq in seinem Ledersessel lieber schweigt. Huq ist ein kleiner, sauber gescheitelter Mann in den Fünfzigern. Er hat in seiner Heimat das erste Umweltministerium mit aufgebaut, jetzt forscht er über die Auswirkungen des Klimawandels auf die ärmsten Länder – in London, um seinen Kindern ein Studium im Westen zu finanzieren. Als er vor zwei Jahren in der Heimat zu Besuch war, setzte mal wieder eine Flut die Hauptstadt Dhaka unter Wasser. »Ist das jetzt der Klimawandel, von dem du immer sprichst?«, fragte ihn ein Mitglied des nationalen Krisenstabs. »Das weiß ich nicht«, antwortete Huq. »Alles, was ich euch sagen kann, ist dies: Glaubt nicht mehr, es gäbe alle zwanzig Jahre eine große Flut, es gibt sie alle fünf. Aber tut nicht so, als passierte sie tatsächlich alle fünf, sondern bereitet euch in jedem Jahr auf eine vor.«

Das Wasser herrscht in Bangladesch wie eine geheimnisvolle Macht. Scheinbar willkürlich erschafft es Land und nimmt es wieder; die Insel Bhola, auf der einst anderthalb Millionen Menschen lebten, verschwindet langsam von der Landkarte. Zwei Drittel der Insel sind inzwischen verschwunden, die Zahl der Bewohner halbierte sich. »Wenn unsere Küstengebiete erst unbewohnbar sind«, sagt Huq, »dann wird es Flüchtlingswellen geben, Millionen, die in die wild wuchernden Slums der großen Städte fliehen, und wenn es dort zu eng wird, dann werden sie nach Indien weiterziehen und irgendwann auch nach Europa. Wenn der Westen seine Verantwortung weiterhin leugnet, dann kommt der Tag, an dem die ärmsten Länder dem Westen den Krieg erklären.«

Huq glaubt, dass sich für ein Land wie Bangladesch nicht viel ändern wird, wenn auf wichtigen Konferenzen immer nur an das Weltgewissen appelliert wird. Wie kann eine Meteorologin wie Arjumand Habib, die offenbar zufällig mit einer Auslandsreise an der Reihe war, etwas ausrichten gegen die cleveren Anwälte der Saudis und die riesige chinesische Delegation? Im vergangenen Jahr hat Huq deshalb einen Workshop organisiert, um einigen Vertretern armer Länder ein paar einfache Verhandlungsregeln beizubringen. »Ihr müsst euch vorbereiten«, erklärte er ihnen. »Ihr müsst mit einer Stimme sprechen. Ansonsten«, sagt er, »brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir nicht mehr erhalten als diesen lächerlichen Topf, der uns vor fünf Jahren zugesprochen wurde, um mit dem Klimawandel klarzukommen. 100 Millionen Dollar für die 50 ärmsten Länder!« Huq schüttelt den Kopf: »Das sind zwei Millionen für jedes Land.«

Er hadert, wie so oft, mit seinem Heimatland. Seit zehn Jahren, sagt er, werde versucht, im Osten Dhakas einen Deich zu bauen, um wenigstens die Hauptstadt abzusichern. Doch die Arbeiten seien noch nicht abgeschlossen, zwischendurch gehe immer wieder das Geld aus. Bangladesch, hat der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger einmal gesagt, sei wie ein Fass ohne Boden, in dem gigantische Entwicklungshilfesummen einfach so versickern.

In den letzten Wochen hat die neue Übergangsregierung die Hälfte der abgetretenen Minister wegen Korruption verhaftet. Aus Regierungskreisen hört man dieser Tage, dass die Jobs im Wasserministerium dabei besonders lukrativ gewesen seien, denn von dort haben sich nach dem Umsturz fast tausend Mitarbeiter Richtung Ausland abgesetzt. Seit Jahren wird das Land von Transparency International zum korruptesten der Welt gewählt, nicht nur deshalb glauben viele, dass sich große Naturkatastrophen hier in Zukunft kaum vermeiden lassen.

In einem Dossier, das eine einheimische Klima-Task-Force für die Regierung verfasst hat, geht man davon aus, dass bis zum Jahr 2050 etwa 3.000 Kilometer Straßen und 14.000 Kilometer Deiche verloren gehen. Wenn der Meeresspiegel steigt, heißt es, dann werde das Salzwasser noch tiefer in das Landesinnere eindringen. Schon jetzt sei der Boden an der Küste so verseucht, dass vielerorts kein Reis mehr wächst, und in den großen Städten Chittagong und Khulna müsse man bereits 250 Meter in die Tiefe bohren, um auf Süßwasser zu stoßen. Stiege das Meer auch nur um 30 Zentimeter an, schließt das Dossier, ginge ein Fünftel aller Ernten verloren. Nur Sierra Leone, heißt es in Regierungskreisen, sei schlechter auf den Klimawandel vorbereitet als Bangladesch.

Die Freie Universität von Amsterdam ist ein ziemlich ungemütlicher Komplex aus Sichtbeton. Als der niederländische Wissenschaftler Pavel Kabat zwischen zwei Meetings in einem der Büros Platz nimmt, verstaut er erst einmal etwas fahrig seine Laptop-Tasche unter dem Tisch. Als Leiter des Nationalen Klimaprogramms ist Kabat in den Niederlanden eine Art Wasserpapst. Einer wie er ist in diesen Tagen immer in Eile, aber wenn es um seine Vision geht, dann nimmt er sich doch die Zeit. Es gäbe genau zwei Wege, mit dem Klimawandel umzugehen, sagt er. Für ein armes Land wie Bangladesch bleibe nur der Katastrophenschutz, ein reiches Land wie die Niederlande aber müsse ihn als technologische Herausforderung begreifen. Kabat lächelt nachsichtig, er hat diese Dinge schon oft im Fernsehen erklärt. »Der Klimawandel ist eine Chance«, predigt er wieder und wieder, »wir müssen ihn als Investitionsmotor nutzen und unser Wissen exportieren.«

Seit Jahren arbeitet er daran, den Niederländern ein neues Bewusstsein beizubringen. Man dürfe das Wasser nicht länger als Feind betrachten, sagt er. Man müsse weg von dieser altmodischen Politik der Verbarrikadierung durch Deiche, hin zu einer Ausdehnung der Wasserflächen. Kabat lebt in Wageningen, im Osten der Niederlande, in einer Gegend, wo sich das Land zu seinem höchsten Punkt erhebt, 3.032 Zentimeter über Normalnull.

Früher musste er lange Artikel publizieren, um Gehör zu finden, jetzt besitzt er die Handynummern der wichtigsten Politiker. In diesen Tagen legt die Regierung auf seinen Rat hin ein millionenschweres Anpassungsprogramm auf. Sie werden Deiche zurücksetzen, Polder fluten und zusätzliche Kanäle ins Land graben. »Mit unserem Programm ›Room for the Rivers‹«, sagt Kabat, »wollen wir den Flüssen neuen Platz schenken, damit sie bei Hochwasser über die Ufer treten können.«

Die Pläne sind eine Zumutung für die holländische Seele

Wie selbstverständlich sagt er »wir«, wenn er von der Regierung spricht. Es gibt kaum ein größeres Bauvorhaben in den Niederlanden, das er und seine Kollegen nicht auf »Klima-Sicherheit« prüfen. Im Moment entwerfen sie eine »Watercity« nahe Groningen, in ihren Schubladen liegen Pläne für schwimmende Straßen und Treibhäuser, und am äußersten Zipfel der Provinz Zeeland wollen sie das Meer ins Land lassen und einen Salzwassersee anlegen. Einige Bauern und Campingplätze müssten weichen, aber dafür könnten die Hotels dort etwas ganz Besonderes anbieten: Man habe, schwärmt Kabat, eigens einen neuen Fisch gezüchtet.

Die Pläne des Wissenschaftlers klingen zunächst harmlos, aber hinter ihnen verbirgt sich eine revolutionäre Entwicklung, an deren Ende die Niederlande ein neues Aussehen erhalten. Ginge es nach Kabat, dann wäre es ein Land mit weniger Deichen, weniger Windmühlen und weniger Kühen. Ein Land ohne subventionierte Landwirtschaft. Kabat spricht emotionslos, wie ein Chirurg, der weiß, dass man von ihm keine schmerzfreien Lösungen erwartet, vielleicht hat er als gebürtiger Tscheche genau den richtigen Abstand, um diese Operation durchzuführen. Was die Operation kosten würde? »Peanuts«, sagt Kabat. »Ein halbes Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts.«

Es gehe nicht ums Geld, sagt er. Es ist schlimmer. Die Vision von Leuten wie Pavel Kabat und Architekt Koen Oelthuis ist eine Zumutung für die niederländische Psyche: In Jahrhunderten hat man das Land dem Wasser abgetrotzt und es mit komplizierten Drainagesystemen trockengelegt. Seit man denken kann, hat man das Wasser erbittert bekämpft – und jetzt soll man ihm auf einmal nachgeben, ihm gar vertrauen?

In den Niederlanden wurden die Deiche zu einem nationalen Fetisch

Das Trauma der Niederländer datiert ins Jahr 1953, das Jahr der verheerendsten Sturmflut der jüngeren Geschichte. Bis zu 80 Kilometer tief drang das Wasser damals ins Landesinnere ein, 1835 Menschen starben. Kurz darauf wurden die Deiche zum nationalen Fetisch, man begann, stetig neue Fronten zu errichten: Für 13 Milliarden Euro verwirklichten sie die Deltawerke, ein gigantisches Schleusensystem, das das ökonomische Zentrum um Rotterdam schützen soll. Sie zogen die Deiche hier nun so hoch, dass sie statistisch nur noch ein Mal in 10000 Jahren brechen. Mit mehr als fünfzig großen Deichringen wurde das ganze Land ausgestattet, mit Tausenden von Kilometern aus ersten, zweiten und dritten Verteidigungslinien. Zum Schutz schüttet man jedes Jahr zwölf Millionen Kubikmeter Sand vor die Küste, die mächtige Behörde Rijkswaterstaat gebietet heute über einen höheren Etat als das Verteidigungsministerium.

So könne es nicht weitergehen, meint Pavel Kabat und blickt aus dem fünften Stock der Amsterdamer Universität über das Land. In den letzten Monaten habe die Regierung auf sein Anraten hin damit begonnen, Spots im Fernsehen zu schalten, sie haben die Städte mit Plakaten beklebt und die Kampagnen »Leben mit dem Wasser« und »Back to Nature« erfunden. Kabat schaltet seinen Laptop ein. Auf dem Bildschirm erscheint eine Simulation, wie die Niederlande ohne Deiche aussähen. In zehn Jahren, in zwanzig, in dreißig. Mit jedem Mausklick bleibt weniger Land übrig. Der Visionär sieht auf einmal müde aus. Eine interne Pentagonstudie, sagt er, gehe sogar davon aus, dass die Niederlande von der Landkarte verschwinden werden, dass es Verteilungskriege geben werde in Europa.

»Sehen Sie sich an, was passiert, wenn wir das Grönland-Eis verlieren«, sagt Kabat. Der ganze Bildschirm färbt sich blau. Sieben Meter Anstieg.

Kann sein Land etwas tun, um das zu verhindern?

»Schwer zu sagen«, antwortet Kabat. »Wir sind zwar Vorreiter in der Reduzierung von Emissionen, aber es liegt nicht allein in unserer Hand.« Um die Kontrolle zurückzugewinnen, glaubt er, müssten die Emissionen weltweit um 30 Prozent sinken. Er klappt seinen Laptop zu. »Wie aber soll das gehen, wenn China jede Woche ein neues Kohlekraftwerk in Betrieb nimmt?«

Welchen Anstieg könnten die Niederlande noch bewältigen?

»Wir sind gerüstet für einen Meter.« Kabat macht eine Pause. »Vielleicht ist auch Einsfünfzig machbar«, sagt er leise. Das sei der Worst Case, von dem seine Regierung ausgehe. Alles, was darüber läge, würde selbst seine Visionen verschlucken.

Wenn man in Boyer Char, im Südosten von Bangladesch, ganz oben auf dem halb fertigen Deich steht, drei Meter über dem Meeresspiegel, und mit den Augen den flirrenden Horizont absucht, dann beschleicht den Betrachter eine düstere Ahnung von der Verwundbarkeit dieser Region. Der Blick gleitet im Süden über flaches Land, über weite, grüne Felder, auf denen vereinzelt ein paar Rinder grasen. In der Ferne erkennt man schemenhaft die offene Flanke, die Bucht, wo sich der Meghna in das Meer ergießt, wo die Zyklone ungebremst die Küste treffen.

Am Fuß des Deiches heben Arbeiter mit schweren Spaten Gruben aus, ihre Gesichter glänzen in der Morgensonne. Einige balancieren die Schlickbrocken auf ihrem Kopf den Deich hinauf, wo sie ein paar Frauen in den Boden stampfen. Nasir Betannya ist auf den Deich gekommen, um die Arbeiten zu kontrollieren. Er ist ihr Vorgesetzter, ein kleiner Mann mit grau meliertem Bart, der über seinem Wickelrock ein blaues, ausgefranstes Hemd trägt. Als ein Zyklon vor 16 Jahren die nahe Insel Hatia verwüstete, kam Betannya mit ein paar anderen hierher nach Boyer Char und besetzte diesen jungen Boden, der niemandem gehörte. Denn Boyer Char war neu entstanden aus den vielen Tonnen Sedimenten, die der Meghna über all die Jahre angeschwemmt hatte. Betannya baute Chilis an, Knoblauch und Bananen, und mit der Zeit wurden es immer mehr, die dieses Niemandsland besiedelten. Irgendwann, Mitte der Neunziger, kamen dann die Niederländer.

Sie legten Deiche an und Straßen, sie bauten Sturmschutzbunker, die nun auch als Schulen dienen, aber wichtig, erklärt der niederländische Leiter des Projekts, seien vor allem die Strukturen, die sie hinterlassen, Institutionen, durch die die Siedler einbezogen werden in Entscheidungen. Katastrophenhilfe, glaubt er, sei eben immer auch Entwicklungspolitik.

Als Betannya vor zwei Jahren hörte, dass die Niederländer eine Art Ortsverein bilden wollen, der sich um lokale Wasserangelegenheiten kümmern soll, entschloss er sich, dort einmal hinzugehen. Man diskutierte lange, wer den Vorsitz übernehmen sollte, bis jemand Betannya vorschlug, der als ehrlicher und guter Redner gilt. Als die Leute ihre Hand für ihn erhoben, war er plötzlich so was wie ein Bürgermeister, ein Ansprechpartner für rund 1000 Menschen, die sich an niemand anderen wenden konnten, weil Boyer Char institutionell noch gar nicht existiert. Einmal im Monat bestellt Betannya seine Gruppe jetzt ins field office der Niederländer, und es wirkt, als übten sie dort Demokratie. Sie beraten dann gemeinsam, wann die Bewässerungsschleusen offen stehen sollen, sie überlegen sich, wo sie den Schlick hernehmen für den Deich. Manchmal, sagt Betannya, wundere er sich noch, dass jetzt auch die Frauen mitredeten.

Vor zwei Monaten haben sie damit begonnen, den Erddeich aufzuschütten. Im Juli soll er fertig sein, rechtzeitig vor dem Monsun, wenn sich der Meghna wieder so weit dehnt, dass man sein anderes Ufer nicht mehr sehen kann; wenn er wieder damit droht, die Ernten zu vernichten, indem er ihre Felder unter dem Salzwasser der nahen Bucht begräbt. Der Deich ist darauf angelegt, dass er in 20 Jahren ein Mal überflutet wird. Mehr, sagen die Niederländer, würde sich in Bangladesch kaum rechnen.

Schon einmal haben die Niederländer Bangladesch eingedeicht

Man könnte es fast für eine ironische Pointe halten, dass die Niederländer gerade jetzt, wo sie zu Hause anfangen, dem Wasser nachzugeben, es in einem Land zu bändigen versuchen, in dem man ihm zeitlebens nachgegeben hat.

Schon einmal, in den Siebzigern, haben die Niederländer Bangladesch mit Geldern der Weltbank eingedeicht. Sie hatten jedoch nicht bedacht, dass sie hier gegen Flüsse kämpfen, gegen die der Rhein ein Rinnsal ist. Die Deiche hinderten die Flüsse daran, ihre Sedimente auf den Feldern abzulagern. Die Flussbette verengten sich, und vor den Schleusen klebte Dreck, und irgendwann kam dann das Wasser über die nun viel zu flachen Ufer. Ohne abzulaufen, stand es hüfthoch auf unbrauchbar gewordenen Feldern. Die Entwicklungshelfer zogen ab, die Bauern der Region verloren in Massen ihre Felder und damit auch ihre Arbeit.

In Boyer Char, sagen die Niederländer, gehe es darum, die alten Fehler zu vermeiden. Es gehe darum, etwas möglichst Dauerhaftes aufzubauen. Vor etwa einem Jahr wurde Bürgermeister Betannya von ihnen deshalb zu einem Workshop eingeladen. Man erklärte ihm die Windstärken und schenkte ihm ein Radio, damit er fortan hören konnte, wenn die Behörde der Meteorologin Arjumand Habib eine Sturmwarnung über den Äther schickt.

Wann immer es jetzt dazu kommt, dann eilt Betannya in die Moschee und fordert seine Leute über die dort neuerlich installierten Mikrofone auf, zum Schutzbunker zu gehen. Viele, sagt er, kämen aber nicht. Aus Angst vor Dieben wollten sie einfach ihre Hütten nicht verlassen. Noch schwieriger aber, sagt er, sei es, die Bauern, die noch draußen wohnten, außerhalb des Deichs, davon zu überzeugen, endlich nach drinnen umzuziehen.

Die Sonne nähert sich ihrem Zenit, als Betannya zum Fuß des Deichs hinuntersteigt, um nachzusehen, warum es dort jetzt plötzlich Ärger gibt. Er trifft auf einen glatzköpfigen Greis mit grauem Kinnbart. Der Alte wird umringt von ein paar Arbeitern, er trägt ein leichtes Fell um seine Hüften und fuchtelt aufgeregt mit seinen dürren Armen.

»Ich heiße Dschamal Achmed«, krächzt er. »Ich bin 85 und lebe seit elf Jahren hier. Sie können jetzt nicht einfach meinen Acker ausheben.« Achmed deutet auf sein Land, das draußen zwischen Deich und Meghna liegt, auf seine Strohhütte, wo er mit seiner Frau und seinen Enkeln lebt. Betannya nimmt die Hand des Alten. »Dschamal«, sagt er mit sanfter Stimme, »wir brauchen diesen Deich. Er wird in Zukunft unsere Felder schützen.«

Betannya kennt diese Gespräche, er hat sie oft geführt. Er sagt den Bauern dann, dass sie drinnen, hinter dem Deich, einen neuen Hektar Land kriegen sollen, doch die Bauern sperren sich. Sie trauen diesen Leuten von der anderen Seite nicht, den Weißen, die auf Motorrädern zum Deich geknattert kommen. Warum soll man ihnen auch glauben, wenn schon die eigenen Regierungsleute nicht die Wahrheit sagen? Die erzählten auch seit Langem, dass die Städte sicher seien, sagt Dschamal Achmed, aber neulich habe er im Radio gehört, dass jetzt sogar in Dhaka Häuser einstürzen.

Die Menschen sind besorgt in Boyer Char. Alle zehn bis 15 Jahre, sagt man, werde die Region von heftigen Zyklonen heimgesucht. Den letzten hatten sie vor 16 Jahren, und er schickte eine 15 Meter hohe Monsterwelle, die hunderttausend Menschen unter sich begrub. Sie warten auf den nächsten Sturm und beten, dass er sie verschonen möge, ihre leichten Häuser und den Deich aus Matsch, die neu geschaffenen Strukturen. Gut möglich, dass bald alles vergeblich war; dass die, die überleben, weiterziehen müssen in einen anderen Teil des Deltas. Es ist das ewige Dilemma dieses Landes: Alles bleibt im Provisorischen, im Vagen. Die dauerhaften Lösungen sind selten machbar, und die machbaren sind meist von ungewisser Dauer. Die Menschen, wenn sie müde sind vom jahrelangen Kampf, ergeben sich dem Fatalismus. Sechsmal haben die Flüsse Dschamal Achmeds Land geraubt. Er sagt: »Ich kann nicht mehr. Ich räume meinen Acker nicht. Wenn Allah will, dann werde ich hier sterben.«

Wenn man auf der anderen Seite der Welt, im äußersten Südwesten der Niederlande, an der Westerschelde entlang über die wuchtigen Deiche wandert, dann sieht man, dass die Menschen hier an andere Dinge glauben. Sie vertrauen auf die Kunst der besten Ingenieure, und wenn sie ihre Äcker räumen sollen, dann verlassen sie sich auf die Hilfe der Gerichte.

Der Landwirt Abraham van der Slikke soll jetzt weg, aber er denkt nicht dran. Er lebt auf jenem Flecken Erde, der nach der Vorstellung des Wasserpapstes Pavel Kabat demnächst in einen Salzwassersee umgewandelt werden soll. Der Landwirt sagt: »Wenn nötig, kämpfen wir bis zur letzten Instanz.«

Vor neun Generationen kamen van der Slikkes Vorfahren nach Zeeland, um dieses Land zu kultivieren. Sie bauten Zuckerrüben an und Weizen, und wenn es darauf ankam, die Deiche zu erhöhen, dann opferten sie ihre Felder. Van der Slikke steht in seinem Wohnzimmer vor einer Landkarte, die seine Äcker zeigt. Es ist eine alte Bleistiftzeichnung, datiert auf 1780, und man sieht, wie die Linien der Ufer immer wieder ausradiert und neu gezogen wurden. Das letzte Mal, dass van der Slikke Land verlor, war in den Achtzigern.

Neun Hektar kaufte man ihm damals ab, und die Entschädigung, die er erhielt, war üppig. Van der Slikke, der jetzt 60 ist, trägt dunkle Kaschmir-Pullis. Er spielt viel Tennis, und im letzten Jahr gründete er seine Bürgerinitiative, mit der er gegen das Projekt von Pavel Kabat vorgeht.

»Schwimmende Häuser, das ist ein Projekt für die Reichen«

Den Deich, den er von seinem Wohnzimmer aus gut sehen kann, hat die Regierung offiziell als schwachen Punkt markiert. Jetzt soll er verschoben werden, 100 Meter ins Landesinnere hinein. 50 Millionen Euro will man zusätzlich in ein Hotel, in Sportstätten und Ferienhäuser investieren, und alles soll dann angesiedelt werden an dem See, der neu entstehen soll auf van der Slikkes Acker.

Wenn es der Regierung nur um Sicherheitsinteressen ginge, sagt er, würde er sich fügen. Dann hätten sie sogar das Recht, ihn einfach zu enteignen. Aber in diesem Fall, meint er, gehe es nur um Profit. »Sie wollen den Tourismus ankurbeln«, sagt er, »und sie verschleiern das mit ihrer neuen Politik, die sagt, dass man dem Wasser jetzt mehr Platz verschaffen müsse.« Man hat ihm angeboten, eine neue Fischart in ihrem See zu züchten, aber van der Slikke sagt, er wisse nicht, welcher Fisch wohl überleben würde in diesem Schmutzwasser, das sich aus der Westerschelde speist. Zwölf von hundert Hektar sollen ihm am Ende bleiben, aber van der Slikke will, dass sein jüngster Sohn die Felder eines Tages übernimmt.

Bus de Bruin kennt diese beklemmende Situation, in einem Wohnzimmer zu sitzen und einem Menschen zu erklären, dass er sein Haus aufgeben muss, weil wieder mal ein Deich verstärkt werden soll. Seit 38 Jahren arbeitet de Bruin für das Waterboard Rivierenland, eine der unabhängigen, lokalen Wasserbehörden, für die jeder kandidieren kann. Dieselbe Idee, die der Ortsgruppe von Betannya in Bangladesch zugrunde liegt. Bus de Bruins Vater war bereits Mitglied. »Unsere Waterboards«, sagt er, sind die älteste demokratische Institution Europas.«

De Bruin war Stammgast beim Obersten Gericht. Er war dabei, als sie Kirchen opferten und historische Gehöfte. Es waren schwere Entscheidungen, sagt er. De Bruin arbeitet für die Wasserbehörde. Er hat sein Leben mit den Deichen verbracht, und weil er ein so ruhiger Mensch ist, übertrug man ihm die Aufgabe mit den Hiobsbotschaften. »Das Schlimmste«, sagt er, »waren immer die Tränen.«

Es ist ein regnerischer Nachmittag, als er aus seinem silbernen Opel steigt und eine Straße bei Kinderdijk in der Provinz Südholland überquert. Er trägt eine abgeschabte Wildlederjacke, in zwei Monaten geht er in Rente. De Bruin klettert jetzt auf einen seiner Deiche, dahinter fließt die schmale Lek. »Wir halten hier ein Schutzlevel von eins zu zweitausend«, sagt er und rückt seine Brille zurecht. »In New Orleans hatten sie eins zu dreihundert.« Fast zärtlich wandert sein Blick über die endlos lange Deichlinie. An fast jedem dieser Streckenabschnitte hat er selbst schon einmal Hand angelegt, er hat sie geplant, verstärkt und repariert. Es fällt ihm schwer, jetzt loszulassen.

Manchmal, wenn er mit seinem Rennrad durch die Landschaft gleitet, vorbei an all den Seen und Bächen, die durch Deichbrüche in früheren Jahrhunderten entstanden sind, vorbei an all den Wehren, die das Land durchziehen, den Hunderten mit Dieselmotoren betriebenen Pumpstationen, dann bewundert er die Ingenieure, die diese Wassermassen in den Griff bekommen haben. Sie müssten, sagt er, zwar schon jetzt die Deiche häufiger erhöhen als früher, aber er glaubt, dass sie, technisch gesehen, noch nicht am Ende sind. De Bruin hat sieben Enkel. Er sieht eine Herausforderung darin, immer stärkere Deiche zu bauen und dennoch die Schönheit dieses Landes zu erhalten, die blühenden Obstbäume, die Tulpenfelder. Man könne, schwärmt er, die Deiche vernageln, sie mit betongefüllten Röhren verstärken oder ihnen einen Stahlkern verpassen. Natürlich koste das viel Geld, aber sie hätten ja keine andere Wahl. Eine Milliarde Euro dürften in den nächsten zehn Jahren allein in die Ausbesserung der Deiche in de Bruins Gebiet fließen. Zwei Milliarden werden landesweit jährlich für den Erhalt des Status quo ausgegeben.

Eine seltsame, fast unwirkliche Ruhe liegt über dem Land, ein Gefühl von Unbesorgtheit. Neulich hat de Bruin den Film von Al Gore gesehen. Er fand, dass es ein guter Film war, auch wenn ihm die Untergangsszenarien etwas übertrieben schienen. Es ist das, was in den Niederlanden fast alle zu dem Film sagen. Und diese Ruhe im Land, die sich wie ein Schleier über alles legt, ist vielleicht am besten zu vergleichen mit der Stille nach dem Abspann des Films. Mit dem Moment, in dem man an die frische Luft tritt und die Bilder im Kopf mit der Wirklichkeit abgleicht; in dem man sieht: Alles beim Alten, alles noch da. Es ist der Augenblick, in dem die Fantasie versagt.

Hier, im Herzen der Niederlande, wirken diese schwimmenden Häuser, über die de Bruin jetzt immer öfter in der Zeitung liest, wie Nachrichten von einem anderen Planeten. »Diese Häuser«, sagt er, »von denen es bislang gerade 700 gibt, schützen doch nicht mehr als eine halbe Million Leute.« Er hält nicht viel davon. Er sagt: »Das ist doch bloß ein Projekt für ein paar Reiche.«

De Bruin, der Deichbauer vom alten Schlag, ist nicht der Einzige in den Niederlanden, der so denkt. Der Landwirt van der Slikke denkt genauso, und es sind Leute wie sie, die all die neuen Pläne bremsen, mit denen der Wissenschaftler Pavel Kabat und der Architekt Koen Olthuis die Niederlande in die Zukunft führen wollen. Es sind Menschen, die sich hinter ihren Deichen sicher fühlen. Wenn man sie auf den Worst Case anspricht, flüchten sie sich in Galgenhumor. Dann lachen sie und sagen, dass sie dann eben nach Deutschland rüberkommen.

Der Mangrovenwald schützt – und wird von Einheimischen gerodet

Wenn die Wissenschaftler des Weltklimarats mit ihrer Prognose richtig liegen sollten, dass der Meeresspiegel nicht mehr als 55 Zentimeter ansteigt, dann haben die Niederlande nicht viel zu befürchten. Bangladesch hingegen würde ein Fünftel seines Landes verlieren; und es könnte, wenn es denn so käme, sogar seinen letzten Trumpf einbüßen, den es im Kampf gegen den Klimawandel noch besitzt, die Sunderbans.

Dieser riesige Mangrovenwald, im Südwesten Bangladeschs zwischen dem Festland und der Bucht gelegen, ist eine 17000 Quadratkilometer große Festung, ein wild gewachsener Schutzwall, tief und undurchdringbar für Zyklone. Wer dahinter lebt, der kann sich sicher fühlen, aber niemand weiß, wie lange noch. Denn nicht nur das steigende Meer bedroht ihn; die größten Feinde des Waldes sind die Bangladescher selbst.

Bevor Inamul Hoque von der 27. Sunderban East Forest Division in den Dschungel aufbricht, um die Mangroven und damit sein Land zu verteidigen, gegen die Holzdiebe, die schon ein Fünftel der Mangroven vernichtet haben, seitdem er hier angefangen hat, vor 18 Jahren, schlüpft er in seine beigefarbene Uniform und schultert sein neues chinesisches Gewehr.

Er läuft über den Steg und klettert auf sein kleines Holzboot. Lautlos wird er sich durch die Kanäle treiben lassen, wird lauschen, ob irgendwo Äste krachen, ob irgendwo Stimmen sind, und wenn er etwas hört, dann wird er dieser Sache nachgehen. »Früher«, sagt er, »durften wir auf Tiger schießen, nicht auf Menschen. Heute ist es umgekehrt.«

Hoque ist besorgt. Er und seine Kollegen kämpfen hier, im Einfallstor zum Dschungel, auf verlorenem Posten, Tausende Bäume verschwinden jeden Tag. Und Schuld daran haben vor allem die Niederländer. Denn seitdem die niederländischen Deiche die bengalischen Reisfelder im Hinterland zerstört haben und viele Bauern arbeitslos geworden sind, suchen immer mehr ihr Glück im Dschungel. Sie liefern ihre Beute in den Dutzenden von Streichholz- und Papierfabriken ab, die sich in der Nähe des Waldes angesiedelt haben, obwohl das Abholzen von Bäumen seit 1990 offiziell verboten ist. Wie viel diese Gesetze wert sind, das erfährt Inamul Hoque fast täglich, wenn ihm wieder mal jemand eine Ausnahmegenehmigung vorlegt. »Meine Behörde«, sagt er, »ist die viertkorrupteste im Land.«

Das letzte Mal, dass er Diebe geschnappt hat, ist Wochen her. Er brachte den Mann zur Polizei, doch die ließ ihn gleich wieder laufen. So sei das eben in Bangladesch, sagt Inamul Hoque. Dann legt er ab, im Heck des Bootes stehend, das Gewehr geschultert.

180 Guards sind im ganzen Sunderban-Gebiet unterwegs, an keiner Stelle ist es eingezäunt. Nirgendwo in Bangladesch spürt man die ganze Hoffnungslosigkeit des Landes so sehr wie hier, und man ahnt, dass es nicht besser wird. Schon einmal haben alle weggesehen, als man einen ganzen Wald zerlegte und ihn durch profitable Shrimps-Farmen ersetzte, es ist erst 20 Jahre her. Die Gegend um die Farm ist jetzt so wüst, so heillos ungeschützt den Zyklonen ausgeliefert wie Boyer Char.

Und wenn nichts geschieht, dann wird das Land den eigenen Untergang noch weiter forcieren: Denn draußen, vor den Sunderbans, wird Öl vermutet. Demnächst soll mit den Probebohrungen begonnen werden. Lastwagen werden in die Gegend rollen, man wird Straßen brauchen. Es ist die nächste Heimsuchung. Die Regierung, heißt es, habe die Verträge meistbietend versteigert.

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Leser-Kommentare

  1. "Im Sommer 2002 ging das Grönland-Eis zusammen mit dem arktischen Packeis um den Rekordwert von einer Million Quadratmetern zurück."

    Eine Million Quadratmeter wären ja bloss ein Quadratkilometer, sprich kaum messbar!

  2. Vorerst scheint es vor allem der Südpol zu sein, der von der Schmelze akut betroffen ist. Die Bevölkerung einiger zu Neuseeland gehöriger Inseln musste bereits evakuiert werden. Doch das Steigen des Meeresspiegels ist ein weltweites Zeichen der Erwärmung, von dem natürlich die auf gleicher Ebene mit dem Meeresspiegel (oder gar darunter) liegenden Gebiete vor allem betroffen werden. Jeder denkt hier wohl zuerst an New Orleans oder die Niederlande, aber auch riesige flache Landgebiete nördlich von London sind nicht weniger gefährdet.

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  • Von A. und M. Blasberg
  • Datum 21.5.2007 - 08:52 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 17.05.2007 Nr. 21
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