Diskothek Der neue Tresor

Der legendäre Technoclub wird wiedereröffnet. Ein Gespräch mit seinem Gründer Dimitri Hegemann über Größenwahn, Kunst und Kommerz

DIE ZEIT: Herr Hegemann, der Tresor macht in Kürze die Tore in einem ehemaligen Kraftwerk auf, dessen Haupthalle so riesig ist, dass man sich fühlt wie im Kölner Dom. Sind Sie größenwahnsinnig geworden?

Dimitri Hegemann: Man braucht in meinem Gewerbe einen kleinen Größenwahn. Ich arbeite bei diesem Projekt mit Sponsoren zusammen, denen ich nicht mit einem Diaprojekt in Neukölln kommen kann. Das Kraftwerk, das ich da gefunden habe, ist die letzte Industrieruine dieser Dimension in der Innenstadt, ich betrachte es als meine Aufgabe, sie in ihrer Größe und einzigartigen Schönheit zu bewahren.

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ZEIT: Das Kraftwerk hat bis zur Wende Ost-Berlin mit Fernwärme versorgt und umfasst mit allen Räumen 22000 Quadratmeter. Damit sich die Leute in der über 30 Meter hohen und 100 Meter langen Maschinenhalle nicht verloren fühlen, müssten Sie jeden Abend eine kleine Love-Parade veranstalten. Wie soll das gehen?

Hegemann: Genau das ist das Missverständnis, das kursiert. Der eigentliche Club wird lediglich nachts zum Leben erwachen, im Keller des Kraftwerks, und nur acht Prozent der Fläche ausfüllen. Den Rest werde ich tagsüber anders bespielen. Dabei wird auch eine andere Zielgruppe angesprochen. Ich plane ein Zentrum für verschiedene zeitgenössische Ausdrucksformen zu schaffen – Neue Musik, mediale Kunst, Mode, auch an einen Ort der Stille ist gedacht. Das ehemalige Heizkraftwerk Mitte ist ein Gebäude von hoher Spiritualität. Es soll ein magischer Ort sein, der die Menschen in eine andere Welt entführt.

ZEIT: Am 24. Mai, 23 Uhr, soll es losgehen. Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?

Hegemann: Ich liebe das Unfertige. Ich drehe trotz der augenblicklichen Großbaustelle nicht durch. Denn wenn es einen Club gibt, der es sich erlauben kann, mitten auf einer Baustelle zu eröffnen, dann ist das der Tresor. Also werde ich zuerst den Club eröffnen. Sven Väth wird in dieser rauen Umgebung als Erster auflegen, worüber ich mich sehr freue. Wenn das Clubleben angelaufen ist, kümmern wir uns um das Kunstprogramm.

ZEIT: Gibt es schon konkrete Projekte?

Hegemann: Ich habe mich mit dem zeitgenössischen Komponisten Ari Benjamin Meyers für eine Zusammenarbeit getroffen. Seine Vision deckt sich mit meiner: Das Kraftwerk wird Genres und Kunstformen zusammenbringen, die sonst nie zusammenkommen. Ein Dirigent will vom 1. September an eine Oper aus den frühen zwanziger Jahren inszenieren. Danach planen Sabrina van der Lay und Markus Richter von European Art Projects eine Ausstellung: Sie beschäftigt sich mit den utopischen Raumkonzepten für eine globale Weltgemeinschaft, die die Megastrukturalisten Anfang der sechziger Jahre entwickelten. Außerdem freuen sich beispielsweise die Choreografin Sasha Waltz und der Architekt Axel Schultes über unseren Rohdiamanten. Neben den Bekannten wollen wir aber auch den in Berlin Unbekannten eine große Bühne bieten.

ZEIT: Der Tresor ist vor allem als Wiege der Techno-Kultur ein Mythos. Am Mythos werden Sie gemessen werden.

Hegemann: Als ich das erste Mal nach New York fuhr, hat mir ein Freund vorher gesagt: »Alles, was du über New York jemals gehört hast, stimmt.« So ähnlich ist das mit den Erwartungshaltungen zum Tresor. The ghost of the past wird uns permanent umnebeln.

ZEIT: Und wie gehen Sie mit den Erwartungen um?

Dimitri Hegemann, 52,
            gründete 1991 den Technoclub Tresor, der
weltbekannt wurde. Alles, was in der DJ-Szene Rang und Namen hat, legte
hier zwischen Stahlgittern und Schließfächern auf. 2005 musste der Club
in der Leipziger Straße 126a schließen, weil auf dem Gelände ein
Bürohaus errichtet wurde. Nun hat Hegemann einen Mietvertrag im
ehemaligen Heizkraftwerk Mitte, Köpenicker Straße 73, unterschrieben.
Laufzeit 25 Jahre

Dimitri Hegemann, 52, gründete 1991 den Technoclub Tresor, der weltbekannt wurde. Alles, was in der DJ-Szene Rang und Namen hat, legte hier zwischen Stahlgittern und Schließfächern auf. 2005 musste der Club in der Leipziger Straße 126a schließen, weil auf dem Gelände ein Bürohaus errichtet wurde. Nun hat Hegemann einen Mietvertrag im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte, Köpenicker Straße 73, unterschrieben. Laufzeit 25 Jahre

Hegemann: Zum einen möchte ich den alten Tresor im Keller eins zu eins nachbauen lassen, die meisten Einzelteile, Schließfächer und Stahltüren haben wir vor der Sprengung der alten Location aus dem Gebäude geschafft. Vor allem aber vertrauen wir auf den spirit . Über den Tresor wurde schon 1995 geschrieben, dass er den Aufbruch der Jugend von Ost- und Westberlin in eine neue musikalische Welt bedeutete. Die entstand durch die einzigartige historische Situation nach der Wende. In Ostberlin konnten wir unbeaufsichtigt alles Mögliche ausprobieren. Das war spannend. Überall taten sich Räume auf, von denen niemand genau wusste, wem sie gehörten, und um die sich niemand kümmerte. Die Beamten hatten andere Sorgen, die mussten die Buslinien von Ost nach West führen und gemeinsam kegeln gehen. Wir sind 1991 einfach abgetaucht in die Stahlkammer des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses in der Leipziger Straße. Die Lage war von großer Bedeutung. Zu DDR-Zeiten befand sich der Tresor im Niemandsland zwischen Ost und West, zwischen den Mauern. Auch DDR-Bürger hatten zu diesem Teil der Leipziger Straße keinen Zugang. Er wurde dann ein Treffpunkt von Ostkids und Westkids, aber da wurde nicht groß gefaselt, es ging sofort los. Die erste Nacht dauerte gleich 36 Stunden. So eine Intensität hatte ich vorher auch noch nie erlebt.

ZEIT: Als Sie den Techno nach Berlin holten, war Ihnen da klar, was für eine Welle Sie auslösen würden?

Hegemann: Ich hatte diese Musik in Detroit gehört, in dieser zerrissenen Autostadt. Dort krähte kein Hahn danach, aber mich hat das fasziniert. Als ich Jeff Mills, den DJ und Produzenten das erste Mal bei der Arbeit sah, war ich überzeugt. Mein amerikanischer Freund James Pennington sagte immer: »Dimitri came by and took a chance«, so war es. Ich hab alle nach Berlin eingeladen. Dass es der Soundtrack der Wiedervereinigung würde, war nicht abzusehen. Die Leute hätten auch Rapmusik, Disco oder House hören können. Im Tresor waren wir puristisch und liefen nicht jeder Mode hinterher: Es musste dieser Detroit-Techno sein, sehr minimalistische, stampfende Beats. Der Einfluss dieser Musik ist bis heute enorm: In Shanghai, in Uruguay und in Hermannstadt, überall hören sie unsere Musik.

ZEIT: In Berlin klingt der Detroit-Techno mittlerweile ein bisschen alt. Werden Sie daran festhalten?

Hegemann: Klar. Detroit war und bleibt für uns die konstruktive Basis. Dieser Techno ist nicht tot. Gehen Sie doch mal in die entsprechenden Lokale. Da ist was los.

ZEIT: Berlin, die Partystadt?

Hegemann: Was glauben Sie, warum so viele junge Menschen nach Berlin reisen? Neben den hervorragenden Kulturangeboten bietet Berlin ein größeres Clubprogramm als jede andere europäische Stadt. Elektronische Musik ist hier ein wichtiges Thema. Die Stadt hat bislang nicht verstanden, dass das Thema »Nachtstadt Berlin« ein enormes wirtschaftliches Potenzial in sich birgt.

ZEIT: Sie hätten also nichts dagegen, bald wieder in jedem Reiseführer zu stehen?

Hegemann: Überhaupt nicht, ich habe nichts gegen Touristen, sie sollen kommen und die Kunde in die Welt tragen, was in Berlin möglich ist! Berlin ist ein Paradies. Doch das könnte sich bald ändern. Die Heuschrecken stehen ja schon vor den Toren. Wenn die großen Investmentfonds die Stadt erst richtig entdeckt haben, wird es solche Dinge, wie ich sie gerade anschiebe, nicht mehr geben. Dann bekommen wir Zustände wie in New York, und Sie müssen schon Trump heißen, um so einen Ort wie das Kraftwerk herzurichten.

ZEIT: Doch mit 500 Euro Miete, wie in den ersten Jahren des Tresors werden Sie auch nicht auskommen. Wer unterstützt Sie?

Hegemann: Mein Kopf. Ich hatte eine Idee, die der Eigentümer Vattenfall offensichtlich verstanden hat. Wir haben eine Miete vereinbart, die sich nach den Umsätzen richtet. Das heißt, wenn ich weniger einnehme, bekommen die auch weniger. Das beruhigt. Ansonsten werden wir wie alle Clubs von der Getränkeindustrie unterstützt. Carlsberg betrachtet diesen wilden Raum für sich als Flagship-Store.

ZEIT: Von Subkultur kann da nicht mehr die Rede sein.

Hegemann: Es kommt auf die Perspektive an. Die Berliner Subkultur ist sehr vielschichtig. Wenn man ihr ein großes Forum bieten will, braucht man einen großen Raum, und zwar nicht in der Pampa, sondern mitten im Herzen der Stadt. So ein Raum ist naturgemäß »kommerziell«, aber immer noch was anderes als eine städtische Kultureinrichtung wie der Hamburger Bahnhof.

ZEIT: Welches Publikum wünschen Sie sich für den Tresor?

Hegemann: Unser Publikum wird wieder zwischen 20 und 24 sein, denn mit älteren Semestern können Sie in Berlin dauerhaft kein Geld verdienen. Es gibt immer wieder welche, die es versuchen, zuletzt die Betreiber des Goya in Schöneberg, das schon wieder geschlossen ist. Ab Mitte 30 gehen die Leute vielleicht noch zweimal im Monat tanzen, und dann wollen sie nicht nur Gleichaltrige sehen. Ohne die Kids geht es nicht.

ZEIT: Sie sind 52 Jahre alt, wie lange halten Sie noch durch?

Hegemann: Meine ehemalige Freundin hat gesagt, ich solle jetzt mal langsam an meine Lebensrestzeitplanung denken. Und das mache ich auch. Nicht jeder ist Iggy Pop. Irgendwann wird die Geschichte mit mir und dem Tresor zu Ende gehen. Ich werde ihn noch eine Zeit lang begleiten, dann werden das andere tun. Und ich gehe zurück aufs Land. Tresor ist eine Marke geworden, die von alleine funktioniert. Sie steht für Berlin, für die Ruine und ekstatische Musik, Aufbruch und Jugend. Der Tresor ist ein Schutzraum für ein ganz bestimmtes Lebensgefühl. Und dieser Geist lebt ewig.

Interview: Christiane Rösinger, Stefanie Flamm


Mehr Berliner Clubs, die einen Besuch wert sind:

Berghain-Panoramabar (Am Wriezener Bahnhof, Mitte/ Friedrichshain, www.berghain.de ): Zurzeit der beliebteste Club Berlins, junge Menschen aus ganz Europa tanzen bis in die Mittagsstunden. Harter Techno, kühle Ästhetik, strenge Türpolitik und das freundlichste Partyvolk der Stadt

Cookies (Fiedrichstraße/Unter den Linden, Mitte, www.cookies.ch ): Schon mehrmals ist das Cookies umgezogen und dabei immer größer und eleganter geworden, nun ist es im ehemaligen französischen Kulturinstitut gelandet. Unerbittliche Türpolitik, gepflegte, amüsierwillige Menschen ab 30

Maria (An der Schillingbrücke, Mitte/ Friedrichshain, www.clubmaria.de ): Auch nach dem Umzug vom Ostbahnhof an die Spree blieb Maria weniger schick als andere Berliner Clubs. Das Programm, eine Mischung aus ambitionierter elektronischer Musik und dumpfem Techno, zieht kunstinteressierte Spezialisten und erlebnishungrige Jugendliche aus dem Umland an

RIO (Chausseestraße 106, Mitte, www.rioberlin.de ): Ausgehen in Berlin wie es früher war. Über verlotterte Hinterhöfe und halsbrecherische Treppen kommt man in die gekachelten Räume, in denen sich die Berliner Elektroclash-Szene um ihre Hauptfigur, die kanadische Sängerin Peaches, schart

Sage Club (Köpenicker Straße, im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße, Mitte, www.sage-berlin.de ): Der aufwendig eingerichtete Club mit Außenpool ist keiner Musikrichtung verpflichtet. Von Rock über Techhouse, Funk, Soul bis Hip-Hop wird alles gespielt

Watergate (Falckensteinstraße 49, Kreuzberg, www.water-gate.de ): Elegante Einrichtung im Stil der frühen sechziger Jahre, junges Publikum, das sich gerne schick macht. Die untere Tanzfläche bietet einen großartigen Blick auf die Spree. Musikalisch liegt der Schwerpunkt auf minimalistischem Drum ’n’ Bass

Weekend (Alexanderplatz 5, Mitte, www.week-end-berlin.de ): Im zwölften Stock des ehemaligen Hauses des Lehrers treffen sich Schauspieler und aufstrebende junge Menschen aus der Werbebranche. Es läuft die Musik, die gerade angesagt ist

103 (Falckensteinstraße 47, Kreuzberg, www.103club.de ): Der Name des Clubs war Anfang der neunziger Jahre seine Adresse, Friedrichstraße 103. Mit den Jahren wurde die Türpolitik liberaler, das Publikum jünger, das Programm abwechslungsreicher. Rhythmischer Breakbeat und regelmäßige Livekonzerte

 
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