Unstrittig ist, dass es in Berlin die exquisitesten Hutläden des Kontinents gibt. Um etwas vergleichbar Auffälliges, Schickes oder Verrücktes für den Auftritt der eleganten Dame bei Hochzeiten oder Beerdigungen zu finden, müsste man sonst schon nach London fahren. Unstrittig ist auch, dass es ein paar Schneider und Schneiderinnen gibt, die sich in mutigem Alleingang bis zu einer Kundschaft aus Film, Funk und Fernsehen emporgearbeitet haben. Anna von Griesheim ist nur die bekannteste und gefälligste von ihnen; aber worin das Berlinische besteht, wäre nicht leicht zu sagen – vielleicht ein gewisses Understatement, für das man in anderen Städten, München zum Beispiel, nicht so viel Geld auszugeben bereit wäre.

Aber sonst? Ist Berlin eine modische Stadt? Gibt es überhaupt Mode in Berlin? Wer darunter eine immer präsente Schar hübsch gekleideter Mädchen versteht, wird das mit Schwung verneinen. Auch Stutzer italienischer oder auch nur Düsseldorfer Art, mit der Sonnenbrille und den Sneakers der Saison, wird man mit Mühe suchen. Wenn es überhaupt eine Straßenmode in Berlin gibt, dann ist das Hübsche, gar Glamouröse nicht ihr Ideal. Vielleicht ist noch nicht einmal das Modische das Ideal der Mode in Berlin. Wer flüchtigen Blicks durch die Stadt läuft, könnte eher den Eindruck gewinnen, dass sich hier jeder auf eigene Faust so hässlich wie möglich zu kleiden versucht.

Aber es gibt Trends. Es gibt herrische, unerbittliche Trends. Das Hässliche ist einer von ihnen. Nichts wäre irriger, nach Münchner oder Hamburger Maßstäben das Hässliche hier als Ergebnis von Nachlässigkeit zu begreifen. Es wird vielmehr mit Mühe und Ehrgeiz hergestellt. Aus den Jugendmoden der letzten zehn Jahre, dem Ziegenbärtchen, der out of bed- Frisur, den Kniekehlenhosen der Rapper, den überbreiten Nadelstreifen, die immer ein wenig nach einem Secondhand-Erwerb aussehen, hat Berlin jeweils die konsequenteste, das heißt kunstvoll ungereimteste Extremform destilliert. Übrigens ist die Zweite Hand natürlich das entscheidende Stichwort. Nirgendwo in Europa, die englische Aristokratie vielleicht ausgenommen, ist es so anrüchig, wenn Kleidung frisch erworben wirkt. Ein neuer Anzug, der auch neu aussieht, kommt einem gesellschaftlichen Todesurteil gleich.

Man könnte daraus auf den oft beschriebenen proletarischen Charakter der Stadt schließen, vielleicht auch auf einen Gefühlssozialismus, der jeden Hinweis auf wirtschaftliche Besserstellung zu vermeiden sucht. Das ist aber nicht ganz richtig. Denn in der Furcht vor dem Neugekauften treffen sich die Jugendmoden, die Intellektuellenmoden, die Linkspartei- und die Hartz-IV-Empfänger-Moden mit den Gewohnheiten der eingesessenen Bourgeoisie (o ja, es gibt sie). Diesen Kreisen ist das Herausgeputzte und Adrette in der Kleidung genauso anstößig wie ein übermäßig gepflegter Vorgarten, stark geputztes Silber oder ein frisch gestrichener Zaun. Die Mode der Achtziger, zum farbigen Hemd weißen Kragen und weiße Manschetten zu tragen, die gewiss die adretteste aller adretten Moden war, ist an Berlin spurlos vorübergegangen; vielleicht die Immobilienmakler, die Heiratsschwindler und Wechselbetrüger ausgenommen.

Und das ist auch schon der entscheidende Punkt. Man traut in Berlin dem explizit Modischen nicht über den Weg. Man traut überhaupt allem frisch Gekauften nicht über den Weg, weil man dem frischen Geld nicht traut. Hierin liegt die Quelle all der Missverständnisse, die es im Zusammenhang des Regierungsumzuges gab, der einen Schwung fescher Rheinländer in die Stadt spülte, die mit ihren Einstecktüchern (bei den Herren) und klingelnden Goldkettchen (bei den Damen) einen überwältigend indezenten Eindruck machten – woraus die Rheinländer wiederum schlossen, dass allem Bürgerlichen zu wenig Respekt entgegengebracht werde.

Der Berliner, egal, ob aus Ost oder West, sieht die äußeren Zeichen von neuem Wohlstand nicht gerne, weil er sich den rechtmäßigen Erwerb nicht vorstellen kann. Weder im Sozialismus noch im alten West-Berlin konnte man anders, als auf krummen Wegen zu neuem Reichtum zu kommen, und diese Kollektiverinnerung bestimmt noch immer den Blick auf allen demonstrativen Glamour. Der großen internationalen Mode ist dieses Misstrauen nicht günstig, wohl aber der Pflege kleiner und kleinster Unterschiede.

Und so arbeitet die Stadt über alle Milieus hinweg an der heuchlerischen Zurschaustellung von Nachlässigkeit. Unvergesslich ist mir eine Mode, die Mitte der achtziger Jahre für eine Saison verlangte, das rückwärtige Nummernschild vom Auto abzumontieren und in das Heckfenster zu legen, um eine möglichst schrottnahe und verwahrloste Wirkung zu erzielen. Ganz große Snobs besorgten sich sogar rote Überführungskennzeichen, weil diese noch lässiger und improvisierter aussahen.

So ist das mit dem, was auf den Berlin-Touristen dann den schlampigen und proletarischen Eindruck macht: Es ist nicht naturwüchsig, es ist mit Ehrgeiz produziert worden und insofern keineswegs unschuldiger als der modische Ehrgeiz, der sich in der Haute Couture niederschlägt. Der Berliner hätte aber gerne, dass es unschuldig wirkt – als hätte er nicht anders gekonnt –, und manchmal geschieht es, dass er auf den eigenen Schwindel hereinfällt und allen Ernstes erklärt, so wäre das nun einmal mit Berlin, einer armen und modefernen Stadt.