1968 - wie alles anfing Der Sommer, in dem unser 68 begann

Die deutsche Studentenbewegung formierte sich bereits 1967. Eine Beschwörung der entscheidenden Wochen in West-Berlin.

Anfänge sind zufällig, was aus ihnen wird, folgt anderen Regeln. Dass ich in Berlin studierte, war ein Zufall. Und auch, dass mir am 31. Mai 1967 zwei Herren in anthrazitgrauen Anzügen unsanft den Weg zur Juristischen Fakultät versperren. Bundespräsident Lübke fährt vorbei, im offenen Mercedes Cabrio. Auf dem Campus werden zwei Studenten mit Sammelbüchsen – »Medikamente für die Nationale Front der Befreiung Südvietnams« – zwangsgestellt, Geld und Sandwich-Plakat beschlagnahmt. Zwei Dutzend Studenten umringen die Beamten, Grundgesetzartikel werden gerufen. Aus der Jacke der rothaarigen Studentin, die schließlich zum Einsatzwagen geschoben wird, fällt ein blaues Taschenbuch: Von Nietzsche zu Hitler. Ein Regierungschauffeur reißt mit Freude Anti-Amerika-Plakate ab, Verstärkung fährt auf. Eine halbe Stunde später rufen hundert Kommilitonen »Equal goes it loose!« und bilden ein Spalier vor dem Audimax. Der Pour-le-Mérite-Orden hat ein Jubiläum, die Honoratioren verlassen den Henry-Ford-Bau. Mit rosigem Gesicht der Präsident, er lächelt, winkt, grüßt, bis er merkt, was da gerufen wird: »Faßbinder, Faßbinder!« Vor ein paar Tagen hat Lübke sich geweigert, der alten Pazifistin Klara Faßbinder, dem Friedens-Klärchen, einen französischen Orden auszuhändigen. Der Rektor, mit goldener Amtskette, schwitzt, die Vietnamsammler klappern mit ihren Büchsen. Die Polizisten jagen sie, Büchsen werden durch die Luft geworfen wie beim Football, eine landet in meinen Armen, mit einem schnellen Pass gebe ich sie ab. Wer gegriffen wird, verschwindet in der grünen Minna. »Die Ungewaschene da, soll sich erst mal kämmen, haltet sie!« Tritte, Püffe, Jacken reißen, Brillen werden zertreten.

Dann Applaus, für Otto Hahn und Carl-Friedrich von Weizsäcker. Hahn mustert die jungen Leute und lächelt, seine Zigarre ist erloschen, eine Studentin reicht ihm Streichhölzer. Die Polizei rückt ab, mit vierzehn Festgenommenen. Und ich? Renne empört ins Rektorat und beschwere mich beim Kanzler. Er fertigt mich kurz ab – war er es, der auf seinem Schreibtisch ein Gorilla-Foto stehen hatte mit der Aufschrift »Rudi«? Vor dem Audimax stehen noch die vom SDS und diskutieren, über Hochschulautonomie und Vietnam, stundenlang. An dem Tag erhielt ich meine erste systematische Lektion über den US-Imperialismus und am Ende den autoritativen Hinweis: »Lies mal das Buch von Gäng, edition suhrkamp 173, das hellgrüne.« Am nächsten Morgen steht in der Zeitung »fanatisierte, verhetzte junge Leute« hätten »pöbelhaft das deutsche Staatsoberhaupt beleidigt«.

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Es schießt viel zusammen in diesem kurzen Film: die Festnahmerituale, die erstarrenden Spektabilitäten, die heute unvorstellbare körperliche Nähe zwischen Staat und Studenten, die allgegenwärtigen Spurenelemente von Nazivergangenheit, die Achtung vor den wissenschaftlichen Autoritäten, die Überzeugung, die Universität sei ein Raum sui generis – und das Versprechen von Ordnung für meine diffusen politischen Gefühle. Erfahrung ist auch ein körperlicher Vorgang, selbst wenn man nicht geschlagen wird. Die mich belehrten, hatten solche Erfahrungen schon gemacht, heftigere: als sie den Rassistenfilm Afrika Addio blockierten, als sie im Advent auf dem Ku’damm mit Vietcong-Parolen die »Spaziergangsdemonstration« erfanden, als sie protestierten, weil das »Märzveilchen« Kiesinger in Plötzensee die Naziopfer ehrte.

Es war mein erstes Semester. Davor: eine Schulkarriere, die sich sozialdemokratischer Bildungspolitik verdankte, Tanten, die man nicht mehr besuchte, weil sie vom »Juden Bahr« redeten, ein Englischlehrer, der von der Legion Kondor schwärmte, ein Biologielehrer, der von Gehirnerweichung redete: also immer schön die Hand über der Bettdecke. Es gab die Pille noch nicht: also immer diese langen tiefen Gespräche. Ich las Camus – »solitaire, solidaire« –, aber für die zweite Größe in der Gleichung konnte ich nichts einsetzen. Es gab kein »Wir«, an das man sich anschließen mochte. Die uns eins hätten geben können, die Nächsten, wurden uns fremd – vorübergehend, manchmal für immer –, weil sie immer noch wortlos waren oder sich von langen Haaren, kurzen Röcken und Zungenküssen an der Ampel bedroht fühlten. Mein Abiaufsatz trieft von vagem, unpolitischem »Humanismus« – den fand ich ausgerechnet bei Kennedy. Ich will mich nicht dümmer machen, als ich war. Wahrscheinlich war ich nicht unsortierter als viele Neunzehnjährige: Grundausbildung beim Bund und die Stimme von Joan Baez, Fähnrichskurs und das Foto von dem US-Achill, der sein vietnamesisches Opfer durch den Sand schleift, alles nebeneinander. Unten und oben, rechts und links konnte ich sortieren, aber die Landkarte dazwischen war leer.

1961 hatten Jürgen Habermas und andere die Studie Student und Politik veröffentlicht. Sie fanden unter den Studenten 66 Prozent Apolitische, 16 Prozent Autoritätsgebundene und nur 19 Prozent »definitive Demokraten«. 1959 verabschiedete die SPD das Godesberger Programm und trennte sich bald darauf von ihrem Studentenverband, 1960 legte die CDU den ersten Entwurf zu einem Notstandsgesetz vor; 1961: Invasion der USA in der Schweinebucht; 1962: Rassenunruhen, Raketenkrise vor Kuba, Spiegel -Affäre, Hinrichtung von Adolf Eichmann; 1963: Hochhuths Stellvertreter und die ersten Beatles-Konzerte; 1964: offener Krieg in Vietnam, Martin Luther King erhält den Friedensnobelpreis, und der Minirock taucht auf; 1965: Auschwitz-Prozess, Stones-Krawalle und die Pille.

Ohne die beiden Opfer von Berlin, Ohnesorg und Dutschke ein Jahr darauf, hätte die deutsche Studentenbewegung nicht diese Radikalität bekommen. Die Mauer stand erst sechs Jahre. Dass es an der Freien Universität losging, war auch kein Zufall. Die »Idee einer freien Universität«, so fasste es Anfang l967 einer ihrer Gründer, Klaus Heinrich, zusammen, heiße »aus seinem Erkennen Konsequenzen ziehen… Die inhaltliche Bestimmung von Wissenschaft und die inhaltliche Bestimmung von Demokratie sind identisch.« Zu dem Zeitpunkt war das längst Dissidentenmeinung, sechzehn der FU-Gründer hatten die Studenten aufgerufen, einen Schnitt zu machen zwischen ihrer Eigenschaft als Studenten und der als Staatsbürger. Das politische Mandat war akzeptiert, solange der Asta Proteste gegen die Mauer organisierte. Jetzt demonstrierten Hunderte gegen die USA und allerlei Despoten, deren Besuche der Senat herbeiflehte, um den Status West-Berlins aufzuwerten.

Leser-Kommentare
  1. ... nämlich, dass die seinerzeitige Studentenbewegung auch ziemlich erfolgreich den Kontakt zu Lehrlingen und jungen Arbeitern herstellte und diese mit in die Protestbewegung einbinden konnte.

    Soweit jedenfalls meine Erinnerung. Der Ruf "Wir sind eine kleine radikale Minderheit" auf den Strassen Berlins als Kolportierung der politisch abschätziger Bewertungen der seinerzeitigen "Regenten" ist mir noch gut in Erinnerung.

    Allerdings - wie sich die Bilder gleichen: Unter der Oberfläche hat sich absolut nichts verändert. Das "herrschende" neoliberale System wurde über lange Jahre ausgebaut und verfeinert und nach dem Wegfall der "Schaufensterfunktion" durch den Mauerfall konnte der ungebremste (Raubtier-)Kapitalismus wieder unverblümt seine Krallen zeigen.

    Was ist heute anders als damals in Berlin bei den Vorbereitungen und Durchführungen gegen die Protest zu G8?

    Ich sehe da keinen Unterschied. Das System will sich (weiter) mit allen Mitteln behaupten - hängen doch die eigenen Pfründe der machthabenden "Marionetten" und der Drahtzieher aus Kapital und Wirtschaft im Globalisierungsstreben (Ausnutzung jeglicher Gefälle zur Gewinnmaximierung) davon ab.

  2. liebe 68er, so stolz seid ihr auf eure "wilde" Zeit, aber natürlich war alles im Nachhinein ein Irrtum.

    Ihr merkt es ja nicht mehr, aber die Geschichte wiederholt sich. Würde der junge Joschka dem heutigen alten Joseph gegenüber stehen, der würde Steine gegen sich selbst werfen.
    Selbst zum "Tanzbär des Kapitals" geworden.

    Mit hohlen Sprüchen lassen sich Adorno und Horkheimer auch dann nicht widerlegen, wenn es 100.000 mal in irgendeiner Zeitung gedruckt steht. Selbst in der Gunst der Stunde an den Schalthebeln der Macht angekommen, waren alle Ideale vergessen und wurden ins Gegenteil gekehrt, wie nennt man das?

    Wären da nicht Kampfhunde wie Söder und die propaganda-geübte Merkel könnte selbst die CDU sympathischer sein, so lange es jedenfalls noch Christen wie Geißler gibt, dem es nicht nur um Reibach geht, sondern auch um seine Mitbürger.

    Doch sind nicht alle 68er Wendehälse, bleibt die Hoffnung nicht zu verlieren, wenn die Armut immer mehr um sich greift. 1-Euro- und Mini-Jobs könnt ihr selber machen, habt ihr ja schließlich (Rot-Grün) eingeführt.

  3. kann/soll man denn bitte schön heute auch angehen? Ein Dutzend Pflastersteine gegen Polizisten hindern gar nichts am Lauf der Dinge, Barrikaden, Diskussionen, Droh- oder Leserbriefe verhindern nicht die geplanten Aktionen der Macht,die längst nicht mehr auf einzelne Menschen oder deren Domizile reduzierbar ist. Wir können den gesamten Reichtsg samt Personeninhalt in die Luft jagen, es würde rein gar keine Änderung bewirken.

    "Der Palast der Könige ist jetzt geschlossen, die Gerichte haben sich von den Toren der Städte in das Innere der Häuser zurückgezogen, die Schrift hat das lebendige Wort verdrängt, das Volk selbst, die sinnlich lebendige Masse, ist, wo sie nicht als rohe Gewalt wirkt, zum Staat, folglich zu einem abgezogenen Begriff geworden."
    Diesen Niedergang von politischer Öffentlichkeit beschrieb kein Geringerer als Friedrich Schiller, bereits im Jahr 1803.
    Und wie hat er recht behalten: die tumben Gewaltaktionen der 68er, so notwendig sie als Auseinandersetzung mit der Nazi-Generation auch sein mochten, haben wesentlich nichts verändert, da die Wortführer von damals ganz schnell das Lager gewechselt haben.

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    "die tumben Gewaltaktionen der 68er"

    haben wir den selben Text gelesen? Oder meinst du die RAF? (die NICHT "die 68er" ist...!)

    "die tumben Gewaltaktionen der 68er"

    haben wir den selben Text gelesen? Oder meinst du die RAF? (die NICHT "die 68er" ist...!)

  4. "die tumben Gewaltaktionen der 68er"

    haben wir den selben Text gelesen? Oder meinst du die RAF? (die NICHT "die 68er" ist...!)

    Antwort auf "Gegen wen oder was"
  5. Die Chinesen, die ganze Generation die China in der "cultural revolution" verloren hat, die ihre Schuljahre von Hauptschule bis UNI verpassten, hat eine Menge mehr erreicht.

    Es waere nuetzlich, sich mit Tatsachen und nicht Wuenschen zu beschaeftigen. Nein?

  6. Eine Diktatur gefällt dem einen oder anderen ja jetzt sehr gut, selbst wenn diese von einer kommunistischen Partei geleitet wird.

    In China leben 85 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze,
    das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei ungefähr 30 US-Dollar pro Kopf. Ist das erfolgreich?

    Leute zusammen knüppeln, wenn sie protestieren und erschießen. Kennt jemand noch den Platz des "Himmlischen Friedens"? Organhandel, Folter und Todesstrafe gegen Dissidenten, Gehirnwäsche vom Kindergarten an (egal ob kommunistisch oder marktradikal): das nennt der vorige Schreiber "erfolgreich".

    Hoffentlich gibt es genug 68er, die ja aufgrund ihres Alters und der früher günstigen Umstände die Macht im Land haben, die sich ein wenig Menschlichkeit bewahrt haben. Sonst bleibt nur die Emigration.

  7. 7. Mao

    Korrektur: es sind nicht nur die 68er, welche die Macht inne haben, sondern auch die Nachkommen der Flakhelfer-Generation in derselben Tradition.

    Manche der 68er jedoch haben damals die Diktatur gelobt HO-CHI-MIN und loben sie heute wieder. In Deutschland gibt es leider viele Anhänger der Diktatur, kein Wunder, dass niemand sein eigenes Land liebt.

  8. Vor 1968 gehörte Deutschland zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas, die Staatsquote lag deutlich unter 40 Prozent, es herrschte praktisch Vollbeschäftigung, und Deutschland hatte eine gesunde demographische Entwicklung.

    Könnten wir bitte das Deutschland wiederhaben, das die 68er kaputt gemacht haben?

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    • dacapo
    • 23.02.2011 um 12:42 Uhr

    Was bitte haben die sogenannten 68-er kaputt gemacht?

    • dacapo
    • 23.02.2011 um 12:42 Uhr

    Was bitte haben die sogenannten 68-er kaputt gemacht?

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